Wo ist Rocky II?

Der Fake hinter allen Dingen: Der bildende Künstler Pierre Bismuth feiert seine Hassliebe zur modernen Kunst in Form einer verfilmten Schnitzeljagd.

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Ed Ruscha, ausgesprochen Ed Ruschee. Schon der Name klingt lautmalerisch, nach neonfarbenem Artwork oder klebrigen Kaugummiblasen. Der US-Amerikaner ist einer der berühmtesten lebenden Künstler, wie gleich zu Beginn des Films zahlreiche Experten, Kuratoren und Freunde unterstreichen: Einer der ganz Großen der Kunstwelt, doch man kenne ihn kaum. Bei einer Pressekonferenz in London sehen wir am Anfang von Wo ist Rocky II (Where Is Rocky II?) den verschlagenen, adlerhaften Ruscha. Er beantwortet die Fragen von Journalisten und wirkt auf eine lauernde Art abwesend. Wir hören eine französisch näselnde Stimme: „Mr. Ruscha, could you tell us, where is Rocky II?“ Die Stimme gehört zu Regisseur Pierre Bismuth. Ruscha ist sichtlich irritiert. Doch was ist Rocky II? Wir erfahren es nach und nach: Rocky II, das ist der heilige Gral der modernen Kunst, ein derart einzigartiges Kunstwerk, dass es niemand je zu Gesicht bekommen hat.

Ein großer Kunst-Witz?

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Wir gehen zurück zum Anfang der Geschichte: Mitte der 1970er Jahre bewohnte Ruscha ein Haus in der kalifornischen Mojave-Wüste. Dort goss er einen Felsen aus Plastik und taufte ihn Rocky II. Zusammen mit Freunden fuhr er hinaus in die Wüste und setzte Rocky II dort inmitten Tausender anderer Felsen ab. Doch wo genau, daran erinnert sich Ruscha nicht mehr. Ist das nicht ein großer Kunst-Witz? Die Desertifikation von Warhols Tomatensuppe? Nicht für Pierre Bismuth. Der Regisseur initiiert eine aberwitzige Hetzjagd nach Rocky II und engagiert dafür den alternden Privatdetektiv Michael Scott. Parallel schreiben die beiden Hollywoodautoren D.V. DeVincentis und Anthony Peckham ein Script für einen Thriller rund um die Suche nach Rocky II. Das klingt tricky? Ist es auch. Wo ist Rocky II? ist zugleich dokumentarisch, fiktional und satirisch, eigentlich aber auch nichts von alledem. Eher schon die audiovisuelle Assemblage eines bestimmten Kunst-Gestus: nämlich der Frage, wie eine bestimmte Spielart zeitgenössischer Kunst funktioniert, wie sie als Remix, als ironische Brechung mit sich selbst lebendig bleibt.

Meta-Meta-Film

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Dem Film ist ein Zitat Ruschas vorangestellt: „Hollywood is not just a word. It’s also a verb. You can hollywood something.“ Dieses Credo greift Bismuth auf, in Form einer persönlichen Obsession. Die Gier nach künstlerischer Bedeutung, nach Einzigartigkeit, wird zur Monomanie, und der Mythos des ganz Großen kulminiert in einem profanen Plastikfelsen irgendwo in einer gottverlassenen Wüste. Mit anderen Worten: Etwas zu hollywooden heißt aus Scheiße Gold zu machen. Diesem Vexierbild jagt Bismuth, der vor allem als bildender Künstler arbeitet (aber etwa auch am Drehbuch von Vergiss mein nicht! (Eternal Sunshine of the Spotless Mind, 2004) mitwirkte), hinterher und tritt persönlich als eifriger Produzent seines Projekts in Erscheinung. Er besucht und befragt eine illustre Schar von Kunstmenschen zum Phänomen Ruscha. Damit erschafft Bismuth einen merkwürdigen Meta-Meta-Film, der sich mitunter wie der feuchte Traum eines Kurators anfühlt. Es wird getrickst und gefaket, was das Zeug hält, nur Detektiv Scott ist ein Bollwerk der bürgerlichen Rechtschaffenheit. Er sammelt Indizien, ermittelt Stück für Stück, nimmt Rocky II als Einziger ernst – und hält somit den Film zusammen. Scott ist das Gegenbild, er steht für eine Welt, in der es noch wirkliche Bedeutung gibt und Geschichten mit Anfang und Ende.

Ein ganzer Film über einen Plastikfelsen

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Die beiden Autoren Vincentis und Peckham hingegen räkeln sich in einer Villa in den Hollywood Hills auf ihren Designercouches und kriegen zwischen verchromten Siebträgermaschinen und gigantischen Messerblocks einfach ihr Drehbuch nicht gebacken, bis ein befreundeter Schreiberling vorbeischaut und ein paar bunte Pillen an den Start bringt. Der schnauzbärtige Scott hingegen trinkt Filterkaffee und sitzt in seinem picobello Eigenheim, wo alles an seinem Platz ist und eine bügelfaltenhafte Steifigkeit atmet. Nur Ruscha selbst bleibt der große Unbekannte, obwohl sich alles um sein Werk dreht. Doch ob Rocky II wirklich existiert, wird im Verlauf des Films zur Nebensache. Tatsache hingegen ist, dass man einen ganzen Film über einen Plastikfelsen drehen kann. Das ist Bismuth gelungen. Wo ist Rocky II? lässt einem mit dem Gefühl zurück, auf eine wohlige, irgendwie einlullende Art und Weise übers Ohr gehauen worden zu sein.

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