Vaterlandsverräter

„Auch Verräter leiden.“

Vaterlandsverräter 02

Sagt Paul Gratzik. Und: „Das Schreiben habe ich bei der Stasi gelernt.“ Wenn er Protokolle von Tonbandmitschnitten liest, kann er sich an die Situation nicht mehr erinnern, aber plötzlich taucht da eine Formulierung auf, die alle Zweifel auslöscht. Ja, das war er, der von vertraulichen Gesprächen mit Heiner Müller berichtete. Die Opernsängerin Renate Biskup, eine frühere Geliebte Gratziks, verlässt sich auch auf ihr Sprachgefühl, wenn sie denunziatorische Berichte über sich selbst studiert. Sogar, als sie auf die Frage, wer diese verfasst habe, ein Foto Pauls gereicht bekommt, kann sie den Mann und die Sprache nicht zusammenbringen. Einen Bruder will sie auf dem Foto erkennen. Dass sich hinter den Worten des IM Peter der sprachbegabte Schriftsteller versteckt, das kann sie nicht glauben. Als die Erkenntnis den Zweifel durchbricht, steigt ihr Zornesröte ins Gesicht – und färbt ihre Sprache.
Diese Überlegung – wie ausgerechnet ein Künstler, ein Liebhaber von Text und Wort, die Sprache für Denunziationen missbrauchen kann – schürt das Interesse an Der Vaterlandsverräter. Hat Gratzik das Schreiben nun wirklich erst im Workshop der IM-Realität verfeinert, oder ist es eher andersrum, hat der Umstand sein Talent erstickt, sind es die rohen Inhalte, die seine Begabung auf dem Stasi-Papier so verkümmern lassen?
In einer grandiosen Eingangssequenz rudert Gratzik im Boot mit der Regisseurin über einen Teich und schwadroniert, lästert, ganz alter Kauz. Er will nichts von dem Thema Stasivergangenheit wissen und schon gar nichts von Reue. Sein Redeschwall hat dabei etwas Sympathisches, denn wer will ihm widersprechen, wenn er über die Ackermans dieser Welt schimpft. Ja, der Kapitalismus ist vor den Hund gekommen.
Aber dann wird es komplizierter, Gratzik paddelt nicht immer, und es lässt sich nicht alles mit imaginären Handgranaten lösen. Seine Biografie ist geprägt von Luftangriffen englischer Flieger. Ein Mädchen mit rotem Kopftuch, als stamme es aus dem Kopf eines Spielberg, rennt über die Wiese, wird buchstäblich vaporisiert. In Gratziks Sprache, die in ihrer Direktheit und Alltäglichkeit wirklich von Arbeitern und Bauern stammt, klingt das derber.
Gratziks Geschichte ist auch die seiner Liebschaften. Die alternde Schauspielerin Steffie Spiera hat ihm nicht nur den Weg in die Welt der Kunst gewiesen, sie hat ihn auch unterstützt beim Ausstieg aus dem Verrätertum.
Regisseurin  Annekatrin Hendel nähert sich Gratzik als Vertraute. Sie hat hier einen Stoff gefunden, der weit über das Porträt hinausgeht, der in seiner Wurzel viel über Funktionsweisen innerhalb der DDR sagt. In dem Kontext sind vor allem die Gespräche mit Gratziks Führungsoffizier Günter Wenzel aufschlussreich. Der hatte ihn zunächst protegiert und dann, nach Gratziks Ausstieg, fallengelassen.
Im Gegensatz dazu stehen Gratziks Begegnungen mit seinen Kindern. Hier lässt sich die Tragödie des Einzelnen zwar erahnen, aber sie führt auch weg von Grundsätzlicherem.
Gratzik, das wird früh deutlich, ist weniger ein pointiert geifernder alter Eigenbrötler als vielmehr das, was man eine prekäre Existenz nennen könnte. Im wiedervereinten Deutschland findet er sich mit gutem Recht nicht zurecht.

Trailer zu „Vaterlandsverräter“


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