Zwei Tage, eine Nacht

90 Minuten Hochspannung: Die Dardenne-Brüder toppen sich selbst und drehen einen mitreißenden Erziehungsfilm.

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Sandra (Marion Cottilard) macht Basiswahlkampf. 16 Kollegen gibt es in ihrer Firma, und am Montag soll abgestimmt werden, ob alle einen Bonus von 1000 Euro bekommen – oder ob Sandra ihren Job behält. Sie leidet an depressiven Attacken, war eine Zeitlang in der Psychiatrie, und es gibt Zweifel, ob sie noch auf der Höhe ist. Jetzt bleibt ihr ein Wochenende Zeit, von Haus zu Haus zu ziehen und ihre Sache stark zu machen. Das ist die ganze Story.

ABC im Drehbuchschreiben

Die Dardenne-Brüder haben mit Zwei Tage, eine Nacht (Deux jours, une nuit) die wohl konzentrierteste, dringlichste Arbeit ihrer Karriere abgeliefert. Vier mögliche Dokumentarfilme kochen sie hinunter auf eine maximal dichte Fiktion: Wahlkampf auf dem Land, psychische Krankheit im Angestelltendasein, Belegschaftstreitigkeiten in mittelständischen Betrieben, Wochenendbeschäftigungen des belgischen Kleinbürgertums. Allein: Wer würde sich für irgendeines dieser Themen erwärmen können? Wie soll man sie aufbereiten, damit sie verfangen?

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Die Dardennes antworten: Indem man ihnen unterschiedliche Funktionen in einer einzigen, so zielstrebigen wie verweisungsdichten Erzählung zuweist. Die Hauptfigur hat eine Vorgeschichte (Depression), eine klare Aufgabe (Wahlkampf), die sie in einem genau definiertem Zeitraum (Wochenende), in einem bestimmten Milieu (belgische Kleinstadt) und in Konflikt mit auf sie bezogenen Figuren (Arbeitskollegen) erfüllen muss. Das Drehbuch des Films derart nackt aufzuschlüsseln nimmt ihm nichts von seiner poetischen Schlichtheit. Im Gegenteil, eher steigert sich noch die Hochachtung für die Autorenleistung.

Mit dem Thriller ins ordinäre Leben

Zwei Tage, eine Nacht kann man trotz seiner Dokumentarismen nicht anders erleben denn als lupenreines Spannungskino. Das Tempo lässt niemals nach, aus jeder mit Xanax bekämpften Angstattacke wird Sandra sofort vom Handyklingeln oder noch öfter von ihrem Mann (Fabrizio Rongione) gerissen, der fast wie ein Personal-Coach auftritt. Die beiden Kinder geistern derweil durch die Randregionen des Scripts: An diesem bedeutsamen Wochenende müssen sie für ihre Eltern da sein.

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Sucht man im Geiste nach einer vergleichbaren Ästhetik, kommen wohl noch am ehesten Paul Greengrass und Jacques Audiard (dessen letzten Film die Dardenne-Brüder nicht nur co-produziert haben, sondern von dem sie auch gleich die Hauptdarstellerin übernahmen) infrage. Mir scheint, dass sich bei den Dardennes mit jedem Film stärker abzeichnet, wie innig ihre dokumentarische Sensibilität mit dem Wunsch nach Unterhaltung vermählt ist, auch wenn sie nicht im Stile Greengrass’ oder Audiards etablierte Genretraditionen fortschreiben. Sie entleihen einfach der Action die Körperlichkeit, dem Thriller die Spannung, dem Melo das Drama, und tauschen alles andere aus, zuvörderst die Figuren (kleine, unperfekte Existenzen) und ihre Konflikte (gewöhnliche, lebensweltliche Probleme). Die Folge ist, dass sie über die Genre-Bande die Wirklichkeit dramatisieren und nicht die Fiktion nur realistisch aufpolstern.

Zwei Tage, eine Nacht speist filmisch erzeugte Emotionstrigger, speist komplett durchgescriptete Drehbuchevents unmittelbar zurück in unsere Erwartungen an die Realität. So entstehen kleine, kurz aufflackernde Epiphanien des Alltags; zum Beispiel wenn Sandra im Auto einen traurigen Song laut dreht und ein bisschen glücklicher wird, weil sie ihre Gefühle kurz an das Medium abtreten kann. Oder wenn sie am Telefon von einem Kollegen erfährt, dass er für sie stimmen wird: Tränen, Dankbarkeit, Gefühlskino, aber weil wir ihren Gesprächspartner weder sehen noch hören können, weil sie leicht entfernt im grauen Treppenhaus steht und insgesamt gefasst bleibt, behält die Szene etwas angemessen Mattes, verliert nicht den Kontakt zur prinzipiellen Tristesse.

Die Entdeckung der Solidarität

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Während Sandra ihre Kollegen abklappert – wenn sie wie eine echte Stimmenfängerin immer den gleichen Spruch aufsagt („Bitte stimme für mich“), um verlässlich die gleichen Rückfragen („Wie viele hast du schon überzeugt?“) zu erhalten –, spannt sich mit jedem Mal ein kleines Panorama mitteleuropäischen Standardlebens weiter auf. Eigenheime werden gebaut, Autos repariert, manch einer muss per Zweitjob seine Familie durchbringen. Die Arbeit in der Fabrik bedeutet hier nicht mehr automatisch proletarische Gesinnung, stattdessen wird Sandra mit kleinbürgerlicher Mentalität konfrontiert: Jede(r) hat sein eigenes Leben, seine eigenen Ausgaben, eigene Hobbys, Verpflichtungen, und jede(r) agiert aus den sich darin abzeichnenden Möglichkeiten heraus.

Immer wieder fällt gegenüber der vielleicht bald Arbeitslosen der gleiche entschuldigende Satz: „Ich würde gerne helfen, aber versetz dich doch in meine Position.“ Sandra will von ihnen allen ja nichts anderes, und so stehen sich immer zwei Existenzen gegenüber, wiegen ihre Einsätze gegeneinander auf, und manchmal siegt die Eigensucht, manchmal das Mitgefühl. Aber niemals tritt so etwas wie eine solidarische Gemeinschaft auf. Die demokratische Wahllogik sich selbst verpflichteter Individuen heuchelt nur vor, dass sich diese im Moment der Abstimmung schon ergeben würde. So ist der Film auch ein Abgesang auf die in Fabriken lange bewahrten sozialistischen Restbestände unserer Gesellschaft. Einzig ein paar Kollegen mit Migrationshintergrund haben andere Prämissen, sie sprechen von Gott, Gewissen, Verpflichtungen, und die meisten helfen. Positivdiskriminierung? Vielleicht, aber zugleich eine ebenso wichtige wie realistische Beobachtung kultureller Unterschiede.

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Die Dardennes verfolgen in Zwei Tage, eine Nacht ganz offen didaktische, ja pädagogische Ziele. Im Stile einer éducation sentimentale lernt Sandra über die Stationen ihrer persönlichen Kampagne, im Kontakt mit allen ihren Kollegen und deren jeweiligen Situationen, diejenige Form von Solidarität kennen, die von den kapitalistischen Verhältnissen beständig unterdrückt wird. Und die wie stets hochmobile, teilnehmende Kameraarbeit der Dardennes zieht uns Zuschauer mit dort hinein. Am Ende ist man nicht nur ausgelaugt wie nach einem Big-Budget-Thriller, sondern gleich noch viel reicher um Erfahrungen und Einsichten, so stark sensibilisiert für verschiedene Lebenswege in ihrer ganz wirklichen Verfassung, dass man nur ehrfürchtig staunen kann. Dafür gehe ich ins Kino.

Trailer zu „Zwei Tage, eine Nacht“


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Kommentare


ule

Schwächster Film von den Brüdern bisher. Interessant auf der DVD sind die mitgelieferten Hollywood- Diven Interviews mit der Cotillard. Es ist unheimlich, ihr zuzuhören. Im Vergleich zur Rolle ein durchgängig überhebliches Gehabe und Getue, geradezu dümmlich -pardon- wie ihr erster Film (Piaf Klon) . Wenn man ihr zuschaut funktioniert Ihr Spiel allerdings sehr gut, glaube aber nicht, dass sie mehr als 3 Gesichtsausdrücke spielen kann. Wunderbar ist daher die Ausstattung ( Kostüme) , diese macht es m.E. möglich , der Cotillard ihr Spiel abzunehmen. Ansonsten sehr enttäuschend, weil insg. (Story) vorhersagbar und ausschliesslich vor dem Hintergrund der soziologischen Dimension interessant ( Solidarität im 21. Jh) , nun ja. Bin etwas enttäuscht, ob der absteigenden , aber immer noch recht hohen Qualität der Dardennes.






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