The Young Victoria

Was dem Kaiser Franz seine Sissi, ist für Königin Victoria ihr Albert. Das Märchen von der mutigen Prinzessin und ihrem treuen Prinzgemahl.

The Young Victoria

Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. Sie konnten zusammen nicht kommen, deshalb schrieben sie sich einen Brief. Das Schreiben genügte ihnen eine Zeit, dann waren sie des Wartens leid. Der Prinz wollt’ nicht länger in seinem Lande weilen und schickte sich an, zur Geliebten zu eilen.

Die Rede ist von Königin Victoria und ihrem Ehemann Albert: Sie sind Gegenstand von The Young Victoria, in dem der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée die Jugendjahre einer der bedeutendsten Königinnen der englischen Geschichte in Szene setzt. 1819 in London geboren, sollte Victoria bereits im Alter von 18 Jahren den Thron des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland besteigen. Mit diesem Ereignis nahm eine über 63 Jahre währende Regentschaft ihren Anfang, die als „viktorianisches Zeitalter“ in die Geschichte eingegangen ist. Ihren Cousin Albert aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha lernte Victoria bereits 1836 kennen und zeigte sich laut eigener Tagebuchaussagen „bezaubert“ von ihm. Und aus einer von langer Hand geplanten Verbindung entwickelte sich schließlich wahre Liebe.

The Young Victoria

So weit die historischen Fakten. Fest steht auch, dass wir Victoria selten so strahlend, heiter und beschwingt gesehen haben wie in The Young Victoria. Zeitgenössische Fotografien, die hauptsächlich in Victorias zweiter Lebenshälfte angefertigt wurden, prägen bis heute das Bild der Königin als korpulente, melancholische Frau in Witwenkleidung, ein Bild, dem sich etwa auch Judi Dench in John Maddens Charakterstudie Ihre Majestät Mrs. Brown (Her Majesty, Mrs. Brown, 1997) annähert. 

Für die Darstellung der jungen Victoria wurde die Schauspielerin Emily Blunt ausgewählt, die hier zeigt, dass sie sich nicht auf die Rolle des bösen Mädchens festlegen lässt, das sie in Filmen wie My Summer of Love (2004) spielte. Ihre Victoria bewegt sich zwischen reizender jugendlicher Naivität und einer zunehmenden Ernsthaftigkeit, mit der sie die Pflichten einer Königin erfüllt. Ach, und diese wundervolle Romanze mit Albert (Rupert Friend), die den Hauptgegenstand des Filmes bildet … Bei so viel Herz, Schmerz und Leidenschaft kann sich der Film der Rosamunde-Pilcher-Fans sicher sein.

The Young Victoria

Es ist etwas faul im Staate England, in dem sowohl Politiker als auch Familienangehörige versuchen, die junge und unerfahrene Prinzessin durch geschickte Spielzüge schachmatt zu setzen. Doch sie haben nicht mit der oftmals so naiv-kindlich wirkenden Victoria gerechnet, die sich immer mehr als eigenwillige und starke Persönlichkeit entpuppt. Dies könnte der Stoff für einen spannenden Politthriller sein. Die Machtspiele um die englische Krone werden aber zu Gunsten der Liebesgeschichte von Albert und Victoria auf ein Mindestmaß reduziert. Man sieht Victoria und Albert zusammen Walzer tanzen, verliebt die Treppe hinunterrennen oder gemeinsame Stunden in trauter Zweisamkeit verbringen. Das ist der Stoff, aus dem Träume sind. Bei so viel Sinnlichkeit stellt sich allerdings die Frage nach dem Sinn oder der Intention des Films. Dass auch Adelige und Royals keine Kinder von Traurigkeit sind, ist heute keine umwerfende Neuigkeit mehr. Die Handlung in The Young Victoria ist zu voraussehbar, die Charakterzüge der meisten Figuren sind wenig ausdifferenziert.

Initiiert wurde das Projekt von einer Frau, die laut eigener Aussage – aus welchen Gründen auch immer –  eine starke Parallele zwischen ihrem Leben und dem der Königin Victoria spürt: Sarah Ferguson, Herzogin von York und ehemaliges Enfant terrible des britischen Königshauses. 15 Jahre kämpfte sie darum, diesen Film mit einem Regisseur machen zu können, dem sie voll und ganz vertraue. Immerhin gelang es ihr, Regie-Altmeister Martin Scorsese neben dem britischen Produzenten Graham King (The Departed – Unter Feinden, 2006) für die Produktion von The Young Victoria zu gewinnen.

The Young Victoria

Vier Jahre nach Jean-Marc Vallées hoch gelobtem Coming-of-Age-Drama C.R.A.Z.Y. – Verrücktes Leben (C.R.A.Z.Y., 2005), in dem er das Leben einer Familie mitten im gesellschaftlichen Umbruch der 60er und 70er Jahre porträtierte, mangelt es dem Regisseur in The Young Victoria an einem klaren Ansatz für die Umsetzung des historischen Stoffs. Ohne sich für ein bestimmtes Genre zu entscheiden, ist The Young Victoria eine mäßig spannende Mischung aus Coming-of-Age-Drama, Liebesfilm, Melodram und dem Versuch einer Charakterstudie vor historischem Hintergrund geworden. Für den letzten Funken Dramatik sorgt dann zu allem Überfluss auch noch ein erfundener heroischer Akt Alberts, der symptomatisch für die Willkür des Drehbuchs ist. Immerhin eines ist sicher: Wenn Albert und Victoria nicht gestorben wären, dann würden sie auch noch heute ein wundervolles Paar für die Klatschpresse abgeben.

Trailer zu „The Young Victoria“


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