Der Tod weint rote Tränen

Achtung Kunst! Hier werden Brustwarzen in Schwarz-Weiß abgeschnitten.

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Der Hauptdarsteller hat eine Narbe in Form eines schmalen Schlitzes zwischen den Augen. Seine Augen sind geschlossen, die Kamera zoomt langsam auf sein Gesicht und scheint die einstige Wunde zu fokussieren, die wie ein Zugang zu seinem Inneren wirkt. Rückblickend wundert man sich, dass dieser Schlitz sich nicht öffnet und etwas hinein gestoßen oder hinaus gequetscht wird, denn The Strange Colour of your Body’s Tears (L’étrange couleur des larmes de ton corps, 2013) nimmt das Schlitzer-Genre beim Wort und nutzt ansonsten diverse Körperöffnungen, um Blut fließen zu lassen und Body Horror zu verbreiten. Neben Slasher-Vorbildern der 1970er Jahre grüßen Ekel (Repulsion, 1965), Carrie – Des Satans jüngste Tochter (1976) und Videodrome (1983) aus der Entfernung, im extremen Close-up experimentiert das belgische Regisseurenpaar Hélène Cattet und Bruno Forzani wie schon in ihrem Debüt Amer – Die dunkle Seite deiner Träume (2009) aber auch in ihrem zweiten Langfilm vor allem mit den Zutaten des Giallo, sodass wir viel Rot, fetzige Musik und bis zum Abwinken Augen in Nahaufnahmen präsentiert bekommen.

Wände wie menschliche Haut

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Dass der Hauptdarsteller Klaus Tange ein wenig wie Willem Dafoe aussieht, stellt eine zufällige oder absichtliche Referenz zu Antichrist (2009) her und natürlich zum Kino von David Lynch, das von dem ambitionierten Paar offensichtlich reichlich konsumiert wurde, um es in Form von Doppel- und Dreifachgängern, einer mysteriösen Frau namens Laura und jeder Menge (Alb-)Traumszenarien zu reproduzieren. Im Gegensatz zu Antichrist ist die Verbindung von Sex und Tod in The Strange Colour so überstilisiert und abstrahiert inszeniert, dass die durchaus expliziten Gewaltdarstellungen hier anders als bei von Trier so wenig schmerzen wie ein chirurgischer Eingriff unter Vollnarkose und das wiederholte Gestöhne auf der Tonspur eher albern als erotisch wirkt. Wenn Dan Kristensen (Tange) in der Exposition die Augen geschlossen hat, dann träumt oder fantasiert er von einer Frau, der in Schwarz-Weiß eine Brustwarze abgetrennt und anschließend ein Messer zwischen die Beine gestoßen wird. Als Dan von einer Geschäftsreise zu seiner Wohnung in Brüssel zurückkehrt, findet er diese von innen verschlossen vor, während seine Frau Edwige spurlos verschwunden ist. Eine Frau im roten Ledermantel spukt durchs Treppenhaus, eine Nachbarin in Schwarz erzählt, wie ihr Ehemann einst im selben Haus verschwand, und der verzweifelte Dan verirrt sich zunehmend in den Parallelwelten des Gebäudes, in denen die Wände so dehnbar sind wie menschliche Haut und er wie die Protagonistin in Amer von traumatischen Kindheitserlebnissen heimgesucht wird.

Freud für Anfänger im Stakkato-Takt

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Schon lange vor der finalen, unfreiwillig komischen Schlüsselszene entpuppt sich der Inhalt als dramatisch aufgeblasener, mit Symbolen und Verweisen überladener Hokuspokus, der allerdings so prachtvoll ausgestattet, stimmungsvoll ausgeleuchtet und technisch versiert umgesetzt ist, dass er zumindest einen ästhetischen Reiz besitzt. An einer geradlinigen Narration sind Cattet und Forzani nicht interessiert – müssen sie ja auch nicht sein. Stattdessen überwältigen sie uns erneut mit einer farb- und lautstarken Collage aus Bildern und Tönen im Stakkato-Takt, in der eine vom Protagonisten geöffnete Matroschka-Puppe die Erzählweise vorgibt. Zooms und Split-Screens, Farbfilter und Gottperspektiven lassen die Inszenierung zusammen mit den dominanten Geräuscheffekten wie den Amoklauf zweier größenwahnsinniger Film- und Psychologiestudenten wirken, die mit allen Mitteln demonstrieren wollen, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht haben, Freud für Anfänger verstehen und das Horror-ABC beherrschen. Was hinter der manischen Vorliebe der Regisseure für Detailaufnahmen, die schon Amer auszeichnete, steckt, bleibt allerdings ihr Geheimnis. Besonders das klassische Horrormotiv der Augen in Nahaufnahme wird hier so inflationär eingesetzt, dass es im Handlungsverlauf zum Mätzchen verflacht – anstatt die Angst der Figuren zu betonen oder ihren Voyeurismus (und den des Zuschauers) zu
thematisieren.

Der kastrierte Blick

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Dabei deuten ein Satz wie „Sein Blick ist wie ein Gefängnis“ und das in zahlreichen Horrorfilmen dominante Motiv des Schauens – durch Gucklöcher in Wänden und Decken, durch Türspione, Kameras oder auf Fernsehbildschirme –, zusammen mit der ungewöhnlichen Sichtkonzentration und –einschränkung des Erzählstils sehr wohl darauf hin, dass es den Regisseuren um eine Auseinandersetzung mit typisch männlichen Blickwinkeln im Genre des Giallo gehen könnte, dem damit einhergehenden Vorwurf des Voyeurismus und der Misogynie und um eine Herausforderung gängiger Sehgewohnheiten. Der Protagonist scheint, möglicherweise nur im Traum und stellvertretend für den Zuschauer, für seine Lust am Schauen mit der „Kastration“ in Form einer blutigen Augenverstümmelung bestraft zu werden. Die vermutlich gute Absicht steht allerdings im Widerspruch zu einer Reihe von Szenen, die vorrangig auf die Erregung des männlichen Zuschauers abzuzielen scheinen – so masochistisch dieser auch veranlagt sein mag.

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Aber vielleicht soll die Bilder- und Tonflut von The Strange Colour auch gar nicht gedacht und analysiert, sondern vor allem gefühlt werden – ein über weite Strecken fesselndes und faszinierendes Experiment, das aber über den reinen Oberflächenreiz nicht hinauskommt und schließlich in die große Ernüchterung führt: zu der nicht besonders originellen Erkenntnis, dass Männer Angst vor dem weiblichen Körper haben, dessen Tränenfarbe selbstverständlich rot ist.

Trailer zu „Der Tod weint rote Tränen“


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