Steve Jobs

Apple kam nicht in die Welt; die Welt kam mit Apple. Danny Boyle verfällt dem Teufel, den er selbst an die Wand malt.

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Technologie, so muss man das radikale Telos jener Marke mit dem angebissenen Apfel verstehen, zielt nicht darauf, in eine bestehende Wirklichkeit einzugreifen, ihr hinzuzufügen, wonach sie schreit, Zugänge und Fluchtwege zu schaffen in einer Welt, die schon da war, bevor die Technik in sie eingezogen ist. Nein, Technologie zielt darauf, diese Wirklichkeit abzuschaffen, indem sie sie ersetzt – möglichst restlos. Ein solcher Grundimpuls – folgt man einmal der Logik dieses neuen Films über die Apple-Lichtgestalt Steve Jobs – beschwört eine ziemlich alte Fantasie herauf: die Fantasie des Gesamtkunstwerks. Wenn Technologie eigentlich Kunst ist – Steve Jobs ist im Grunde nichts als ein filmischer Stapel solcher Analogiespiele –, dann nur auf der Folie dieser gesamtästhetischen Utopie. Danny Boyle hat über diese Utopie einen Film gedreht, über das Gesamtkunstwerk Apple – und er hat ihr etwas hinzugefügt: seinen Film.

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Geboren wird dieses Gesamtkunstwerk in einer Garage. Dort tüfteln der junge Steve Jobs (Michael Fassbender) und sein Sancho Panza Steve Wozniak (Seth Rogen) als junge Männer an der Revolution: ein geschlossenes System, inkompatibel mit allen anderen, ohne Anschlüsse nach draußen. Wozniak versteht die Welt nicht mehr. Wie könnte er auch, Jobs erfindet sie gerade neu.

Geschlossene Systeme

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Dem Apple-Universum unter dieser Prämisse nachzuspüren, ist gewiss nicht unbedingt der originellste Einfall. Nichts anderes bedeutet Schöpfung, als am allerersten Tag der Kreation die Einheit zu schaffen, ein immer schon Geschlossenes hervorzubringen, in dem noch gar kein Licht scheint, das sein Licht erst empfängt, am zweiten Tag. Der biblische Schöpfungsmythos wird in Steve Jobs hie und da mit ironischem Ton heranzitiert. Es ist aber eine hilflose Ironie, es muss eine hilflose Ironie sein: Sie ist schwächer als der Mythos, auf den sie zielt, sie kann ihn nicht knacken. Für das Gesamtkunstwerk gibt es die Außenzonen nicht, von denen aus man sich lustig machen könnte, sie gehören schon dazu, wie die Hinterbühne zur Bühne – Danny Boyle weiß das. Interessant ist nicht, dass er uns vor Augen führt, mit welcher mythischen Beladenheit Steve Jobs aufs Ganze ging, sondern wie sich Boyle zu dieser Beladenheit verhält, und das heißt auch, wie er dem Dilemma ins Auge blickt, dass man sich eigentlich nur affirmativ verhalten kann, alles andere wäre der Verrat am Gesamtkunstwerk. Dreimal sehen wir Jobs in den Minuten vor einer Produktpräsentation. Der gesamte Film spielt sich ab auf Bühnen und Hinterbühnen, in Opernhäusern und Philharmonien – in (architektonisch begriffenen) geschlossenen Systemen.

Der Dirigent und das Orchester

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Wenn Jobs die Bühne betritt, das Publikum ist noch gar nicht anwesend, hebt er die Hände, die Zeigefinger nach oben ausgestreckt, er will die Scheinwerfer justieren, nicht als Techniker, sondern als Dirigent. An einer Stelle im Film spaziert er durch einen Orchestergraben. Dort weist er Wozniak zurecht, dieser spiele lediglich ein Instrument, er selbst spiele das Orchester. Irgendwo im Off hört man dieses Orchester, man hört wie die Instrumente gestimmt werden, man hört die klanglich chaotische Urmaterie, aus der Geschlossenheit erst hervorgehen wird – und dabei kann es Jobs völlig egal sein, dass weit und breit kein Orchester zu sehen ist. Steve Jobs ist nicht nur deshalb eine autoritäre Figur, weil jeder, dessen Wege er hinter und auf der Bühne kreuzt, von ihm abhängig ist – sei es Wozniak, seine Tochter oder deren Mutter, die er verstoßen kann oder lieben kann, wann immer er es will –, nicht nur deshalb, weil er ein Kotzbrocken ist, sondern weil er sogar ein Orchester in Stimmung bringt, das es gar nicht gibt. Noch das Off, die Außenräume des Films selbst, sind diesem totalitären Charakter unterwürfig: Ein eisiger Schauder läuft einem über den Rücken, wenn dieses abwesende Orchester mit einem mal Töne produziert.

Ein Versprechen

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Nur solange wie das gelingt, solange wie selbst das Biopic über einen Wahnsinnigen dessen Wahn verfallen ist und diese Verfallenheit preisgibt, ist Steve Jobs auch ein gelungener Film; solange wie es einem eigentlich unangenehm sein muss, diesen Film zu sehen, weil er, selbst den Zwängen des Gesamtkunstwerks unterlegen, diese Gezwungenheit zu verstehen gibt. Leider hat aber Boyle noch eine andere Richtung im Visier, eine, die auf die Läuterung des Absolutisten zielt: die ihn zum Vater macht. Diese Tendenz von Steve Jobs stört gewaltig, und zwar deshalb, weil es hier schon lange nicht mehr einfach nur um einen Kotzbrocken geht, der irgendwann endlich damit aufhört, die eigene Tochter abzustoßen, sondern weil sie letztlich ein ganzes Universum rehabilitiert, das Gesamtkunstwerk nämlich, das sich zu Beginn des Films noch irgendwie verdächtig gemacht hat. Boyle hält dem Dilemma nicht stand: Irgendwann schlägt Steve Jobs genau in diesen Mythos um, über den er eigentlich ein Film sein wollte. Nicht dass ein Film über Steve Jobs und über Apple von vorneherein skeptisch auf seinen Gegenstand blicken müsste (wer wäre man auch, würde man das erwarten dürfen?), aber wer den Teufel an die Wand malt, sollte ihn im Blick behalten. Am Ende des Films wird Jobs die Bühne betreten, wir selbst bleiben außen vor, beobachten das Ganze von der Seitenbühne aus, er wird zurückkommen zu uns, die wir mit seiner Tochter am Rand stehen, und ab sofort ist die Welt eine andere. Boyles Film ist nicht länger ein Film über ein Versprechen, über das Versprechen des Gesamtkunstwerks Apple – er ist dieses Versprechen.

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Kommentare


Andreas

Schwer verdaulicher Artikel. Aber darum liest man ja critic.de. Um von anderen Rezeptionsansätzen als von jenen in der Verlautbarungs- und PR-Presse zu erfahren...

Was aber soll der Einschub "wer wäre man auch, würde man das erwarten dürfen?" -Anm.: dass ein Film über Steve Jobs und über Apple von vorneherein skeptisch auf seinen Gegenstand blicken müsste.

Ja und, wer wäre man dann. Ich z.B. habe durchaus erwartet, dass ein Steve Jobs/Apple-Film auch skeptisch auf diesen Gegenstand blickt. Der Einschub erscheint mir daher etwas beliebig... (?)


Lukas Stern

Lieber Andreas,

danke für deinen Kommentar. Mir war es durchaus ein Anliegen, die Skepsis auf das Apple-Universum nicht aus meiner Meinung über den Konzern abzuleiten, sondern aus den Funktionsweisen des Films selbst. Dort erkenne ich zu Beginn nämlich schon eine gewisse kritische Haltung gegenüber Jobs. Meine Skepsis richtet sich entsprechend eher darauf, dass diese Haltung irgendwann im Film verloren geht. Als Filmkritiker kritisiere ich erst einmal nur den Film, nicht seinen Gegenstand per se. Würde man so verfahren, so scheint mir, setzt man sich der Gefahr aus, blind gegenüber den Organisationsprinzipien eines Films zu werden und die Eigendynamiken der Fiktion zu verkennen - deshalb erscheint mir der Einschub nicht beliebig.

Insofern widersprechen wir uns -glaube ich- gar nicht: Ich möchte nicht, und so wie ich dich verstehe, möchtest du das auch nicht, schon eine Definition dessen haben, wie ein solcher Film auszusehen hat, noch bevor ich ihn gesehen habe.


ule

Kitschige Hollywood Schmonzette durch und durch.

Die Krönung für mich am Ende des Films (Achtung Spoiler): Der kurzfristig geläuterte Pappi verspricht seiner Tocher -begleitet von massentauglicher Schmiermusike mit dem Schuss Melancholie und Teenager Hoffnung, die heutzutage "indie" heißen darf (von der Band -oho, jetzt kommts aber- "The Maccabies"..) den iPod. Das ist so blöd wie es Boyle schlau findet. Er teilt dem Kinozuschauer also mit, dass es sich nicht so rühren lassen sollte von der Szene, die ihn annähernd mit seiner Tochter versöhnt (Taschentuchalarm), weil einem Jobs während eines familiär emotionalen Läuterungsanfalls eben auch nicht über den Weg zu trauen ist, weil er auch diesen für sein Geschäft instrumentaliert.

Eines sei aber anzumerken: Kate Winslet hat den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle verdient. Ich hab sie erst einmal nicht wieder erkannt.






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