Silver Linings

Gefangen im Schuss-Gegenschuss. David O. Russells Liebeskomödie verfällt – wie sein Protagonist – immer wieder in alte Muster.

Silver Linings 01

Burnout, Briquet, Hypochonder. So ist das nun mal in der modernen Welt. Normalbleiben scheint schwerlich möglich, und irgendwie ist es ja auch nicht up to date. Macken machen das zeitgenössische Leben aus, das weiß auch die Filmindustrie. Mit Silver Linings (Silver Linings Playbook, 2010), basierend auf dem gleichnamigen Roman von Matthew Quick, möchte David O. Russell nach I Heart Huckabees (2004) erneut den Eigenbrötlern unter uns Gehör verleihen. Das in romantischen Komödien seit Es geschah in einer Nacht (It Happened One Night, 1934) bewährte Rezept des gegensätzlichen Paares wird ersetzt durch zwei Sympathieträger mit ähnlich psychischer Verfasstheit nach dem Motto „Gleich und Gleich gesellt sich gern“.

Einweisung in die Nervenheilanstalt lautet das Urteil für Pat Solatano (Bradley Cooper), nachdem er den Lehrerkollegen, der sich mit seiner Ehefrau Nikki (Brea Bee) in der Dusche vergnügt hat, halb tot geprügelt hat. Mama Solatona (Jackie Weaver) aber schafft es, ihren an einer bipolaren Störung leidenden Sohn nach acht Monaten zurück nach Hause zu holen, um ihn liebevoll zu umsorgen. Pat jedoch ist besessen davon, Nikki zurückzugewinnen, und lässt nichts unversucht, ihr trotz Kontaktverbots wieder nahezukommen.

Silver Linings 02

Verschrobenes und Abnormales gibt es durchaus in Silver Linings. Pat joggt beispielsweise mit über die Trainingskleidung gestreiftem Müllsack durch die Nachbarschaft, um mehr zu schwitzen, und es gibt Szenen, in denen die Hauptfigur aufgrund einer Hemingway-Lektüre emotional explodiert und von einer Sekunde auf die andere in irrationale Rage verfällt. Dies bleiben die tollkühnsten Momente in einem Film, der sonst nicht so recht weiß, was er mit sich anfangen soll. Russell bleibt äußerst behutsam und klammert sich zu sehr an den entwaffnenden Charme seiner Charaktere. Schon bei Pats anfänglichen Versuchen, die Geliebte wiederzubekommen, vermeidet der Film es tunlichst, die zentralen Figuren auf Distanz zu halten. Im Gegenteil, besonders dem leidgeplagten Geschichtslehrer Pat rückt er manchmal so nahe, dass Coopers Gesicht die gesamte Leinwand erfüllt, und stattet ihn mit trockenem Witz und einer naiv-kindlichen Entschlossenheit aus.

Russell traut sich überraschend wenig und lässt sich von den Versuchungen des Althergebrachten locken und einsperren. Gegen eine konventionell inszenierte Komödie ist zwar an sich nichts einzuwenden, und eine klassische Romanze wie die zwischen Pat und der depressiven Tiffany (Jennifer Lawrence) hat zweifellos das Potenzial dazu. Silver Linings erhebt aber leider ständig den Anspruch, erfrischend und ungewöhnlich zu sein, und verzettelt sich dabei gehörig. Das Konventionelle bleibt in Russells Komödie felsenfest verankert, kaschiert durch kleine Momente des Kuriosen, verschleiert von den hinreißend aparten Figuren.

Silver Linings 09

Mit manischer Unruhe heftet sich die ununterbrochene Wackelkamera an die Personen, suggeriert das Aufgewühlte, den emotionalen Ausnahmezustand, und möchte in vielen Dialogpassagen unverkrampft von Eigenwilligkeit und Exzentrik erzählen. Was nach einigen gelungenen Wortwechseln aber bleibt, ist der romantisierte Blick auf den nackten Frauenrücken, zuckersüße Dirty Dancing-Einlagen, ein erschreckend gleichgültiges Kratzen am Lack der allgegenwärtigen Spießbürgerfassade. Eingebettet wird dies in den beharrlichen Schuss-Gegenschuss, der die Figuren auf festgefahrene, immer gleiche Art und Weise in Beziehung setzt, ohne Entrückung und mutlos. Erzählerisch und formal zu sehr anzuecken wäre gefährlich – also lieber auf dem sympathischen Loser in Nahaufnahmen verharren.

Mit einem Male platzt Silver Linings aber dann doch aus seinem engen Korsett und gewinnt beim finalen Tanzwettbewerb mit einem regelrechten Inferno von Zooms und Schwenks ordentlich an Dynamik, was jedoch recht kalkuliert anmutet. Es ist, als würde sich Russell dem Druck des sich anbahnenden romantischen Finales vollends ergeben, der Tatsache gewahr, dass seine zarten Versuche, eine etwas andere Liebesgeschichte zu erzählen, in den letzten 90 Minuten fehlgeschlagen sind. Eine Art Verzweiflungstat also, ein unkontrollierter Ausbruch, der den Anfällen seines Protagonisten nicht ganz unähnlich ist.

Silver Linings 14

Es schlummert eine geballte Sprengkraft in Russells Liebesgeschichte, eine Feier des Nonkonformismus. Doch der liegt in Ketten und wird letztlich gar abgeschafft. Am Ende versammelt man sich im elterlichen Hause der Vorstadtsiedlung bei Familie und Freunden, dem Außenseiterpärchen wird der Weg in die Bürgerlichkeit geebnet. Das große Potenzial von Silver Linings bleibt im Verborgenen, unterdrückt und gezähmt von der Angst, aus dem Bekannten auszubrechen. Und ja, wir haben es verstanden: Die Charaktere sind liebenswert.

Mehr zu „Silver Linings“

Kommentare


david__laladi

altbacken, mutlos usw. kommt der film schon daher. der vorwurf ist sicherlich berechtigt. ja, er ist es über einige strecken sogar. amerikanische family values inklusice. dennoch brachte er mich zum lachen und nachdenken. dennoch waren mir die figuren sympathisch. dennoch war es schön, de niro mal wieder gut aufgelegt zu sehen - von jennifer lawrence ganz zu schweigen. ja, der film zeigt uns, was wir sehen wollen. nein, er ist nicht so innovativ aus alten mustern auszubrechen. aber ich denke, dass ich mir diese form von eskapismus, bei der ich mein hirn eben nicht ganz abstellen muss, durchaus auch mal geben kann weil genuss im kino eben auch seine berechtigung hat. außerdem empfand ich die verweise auf das alte hollywood in diesem film sehr gelungen und habe ihn auch daher weniger ernstgenommen. eher: screwball - komödie anno 2012.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.