Side Effects

Erzählen auf abschüssiger Bahn: Steven Soderbergh lässt in Side Effects Publikumserwartungen gen Abgrund schlittern, aber zuletzt landet man allzu weich.

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Psycho (1960) bildet die Blaupause für Steven Soderberghs Side Effects: Wie in Alfred Hitchcocks Hyper-Klassiker beginnt alles mit einer fliegenden Kamera, die sich vom Großstadtpanorama zielstrebig zum Fenster eines Apartmentgebäudes vorarbeitet. Und auch in Side Effects passiert nach einem guten Drittel Laufzeit etwas, das für gewöhnlich einen Film beendet, mit dem hier aber alles erst wirklich anfängt. Pardon im Vorhinein für mehr oder minder vages Spoilern – es ließe sich schwer über diesen Film schreiben, ohne etwas preiszugeben. Aber keine Sorge, Side Effects hat genug Blendgranaten parat, um jede hier womöglich gestiftete Gewissheit ganz schnell wieder als Irrweg erscheinen zu lassen.

Wie dem auch sei, nach einer Dreiviertelstunde Film hat Emily (Rooney Mara) ihren gerade aus der Haft entlassenen Ehegatten Martin (Channing Tatum) bereits mit dem Küchenmesser niedergestreckt. Die Sachlage scheint eindeutig: Ihre Fingerabdrücke auf der Tatwaffe, ihre Fußabdrücke in der Blutpfütze, kein Alibi, niemand sonst war da. Allein: Emily ist schwer depressiv und auf harten Medikamenten. Sie kann sich an nichts erinnern, und zu den Side Effects des angeblichen Wundermittels Ablixa gehört auch Schlafwandeln. Ergo: Emily ist schuldunfähig.

Side Effects 01

In diesem als Hauptteil getarnten Prolog scheint Soderbergh die sich um unsere aktuelle Modekrankheiten Depression/Burnout gesponnenen Betrügereien bloßstellen zu wollen. Man kann sich das gut ausmalen: Der im leblosen Lifestyle-Luxus eingekleideten New Yorker Finanzelite ist der Sinn abhanden gekommen. Jede Frau im Film war schon zumindest einmal depressiv, wollte sich nicht weiterdrehen als Rädchen in der oberflächenreichen, doch tiefenarmen Maschinerie des guten Lebens. Aber, wie der Stürmer und Dränger Lenz einmal scharfsichtig festgehalten hat: „Es entsteht eine Lücke in der Republik, wo wir hineinpassen – unsere Freunde, Verwandte, Gönner setzen an und stoßen uns glücklich hinein.“ Unwissend tarnen sich die Agenten des Systems als besorgte Leidensgenossinnen. Und empfehlen Pillen.

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Die nahezu undurchdringliche Allianz aus Leistungsgebot, Pharmaindustrie und nur vordergründig um unser Heil bemühten Psychiatern seziert Soderbergh mit sichtlichem Genuss. Emily drängt ihren Doktor Banks (Jude Law) selbst, ihr immer neue Mittel zu verschreiben, um die Depressions-„Episode“ bald zu beenden und wieder zur an sich nie in Frage gestellten „Normalität“ zurückzukehren. Die Figuren in Side Effects halten ihre Psyche für ein im Hirn sitzendes Maschinchen, das mit ein paar Psychopharmaka punktgenau ausgebessert werden kann. Aber dieser Psyche fehlt die Seele.

Im ersten Teil sieht der Film selbst krank aus: Die Bilder sind matschig, wabernd ausgeleuchtet und abwechselnd grün-, gelb- oder magentastichig. Emily mit ihren Selbstmordversuchen und manisch-depressiven Episoden ist die Taktgeberin, alle Einstellungen sind stark subjektiv gefärbt. Doch das ist nichts als Blendwerk. Soderbergh demaskiert diesen schon im Trailer angekündigten Topos um die neoliberale Psycho-Lüge nur zum Schein, um hinter dieser Maske eine Schlingerfahrt quer durch alle Filmgenres mit dazugehörigen Erwartungshaltungen zu starten.

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Denn wenn Emily nicht schuldig ist am schlafwandelnden Messerstechen, wer ist es dann? Die Pharmaindustrie ist zu mächtig, um zur Rechenschaft gezogen zu werden. Bleibt der liebe Society-Psychiater Dr. Banks, der sich wohl nicht ausreichend über die Nebenwirkungen informiert hat. So findet er sich als Schuldiger ohne Schuldbewusstsein wieder – und muss nun eine reine Weste bekommen. Er handelt dabei jedoch weder aus Wahrheitsliebe noch aus Sorge um die arme Patientin, sondern, wie alle Menschen in diesem äußerst zynischen Film, aus purem Egoismus. Er will nur sein schniekes Leben auf Skyline-Niveau zurück.

Side Effects 04

Von da an zieht der Genre-Jongleur Soderbergh alle Register seines filmsprachlichen Repertoires, doch hier sollte sich der Kritiker in Sachen Plotinfos wirklich zurücknehmen. Nur so viel: Es geht über die Stationen Gerichtsfilm, Psycho- und Verschwörungsthriller und, wahrhaftig, Softporn hin zu einem haarsträubend komplizierten Heist-Movie-Finale. Und damit zur eklatanten Schwäche dieses gerade im Mittelteil enorm gewitzten Films: Soderbergh kann sich von seinen nur vordergründig cleveren Ocean’s-Plots, die verlässlich mit einem langweiligen Ausbuchstabieren aller Unklarheiten enden, nicht lösen. Auch den ansonsten erfrischend unterkomplexen Haywire (2012) haben diese „Ich-bin-Meister-im-Verarschen“-Varieténummern heimgesucht. Aber im Falle von Side Effects richten sie wirklich Schaden an, denn der Film lebt lange von seiner virtuos gestalteten Ungewissheit. Doch für eine knappe, tiefsinnig-verwirrende Stunde, in der Dr. Banks zunehmend in Verschwörungswahn verfällt und der Film seine Zuschauer von einem Genrehabitat ins nächste jagt, da scheint im positiven Sinne hinter jeder Plot-Ecke alles möglich. Man genießt dabei, dass die eigenen, meist unbewussten Genrekenntnisse einmal bestimmbar werden, gerade weil Soderbergh sie mit, nun ja, schlafwandlerischer Sicherheit durchkreuzt. Ein Jammer nur, dass er am Ende aufwacht. Aber mehr wird nicht verraten.

Trailer zu „Side Effects“


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