Shahada

Ein Film mit Botschaft: Burhan Qurbanis Debütfilm bekennt sich zu einem aufgeklärten Islam.

Shahada

Die Shahada ist das islamische Glaubensbekenntnis und die erste der fünf Säulen des Islam. Es handelt sich um ein kurzes Gebet, in dem man bekennt, dass es keinen Gott gibt außer Allah – die so ziemlich wichtigsten Worte in dieser Religion, jeder Muslim kennt sie. Wenn man einen Film „Shahada“ nennt, kann das als Zitat zu verstehen sein, in Anführungszeichen, oder als ein sich aus der Geschichte entwickelnder Subtext. Es kann auf etwas hindeuten, das in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs noch nicht enthalten ist.

Oder es kann ganz wörtlich gemeint sein, und das ist vermutlich bei Burhan Qurbanis Debütfilm der Fall. Shahada ist der religiöse Film eines religiösen Regisseurs. Die restlichen vier Säulen des Islam kommen darin auch noch vor, als Kapitelüberschriften. Er orientiert sich also auch in seiner Struktur an der Religion, von der er erzählen will, und nimmt somit eine alles andere als neutrale Perspektive ein. Der Film selbst ist ein Bekenntnis, und auch ein Plädoyer. Jedenfalls will Qurbani das so verstanden wissen, als „Aufruf zum Dialog der Religionen“, wie er in der Berlinale-Pressekonferenz erklärte. Von der Herausführung aus der Unmündigkeit sprach er, der Name Kant fiel ebenfalls. Shahada könnte somit der Film zur Integrationsdebatte werden, ein Platz, der trotz Regisseuren wie Fatih Akin noch unbesetzt ist. Die Frage eines Journalisten in der Pressekonferenz, ob denn geplant sei, den Film in Schulen zu zeigen, ließ folglich nicht lange auf sich warten.

Shahada

Das ist aber möglicherweise ein Missverständnis. Es geht nämlich in Shahada weniger um Integration als um eine persönliche Besinnung auf den Glauben. Nicht-Muslime kommen nur am Rande vor. Qurbani erzählt in Episoden von drei zentralen Figuren, deren Wege sich hin und wieder kreuzen und die, jeder für sich, durch eine Krise gehen. Da ist Maryam (Maryam Zaree), eine junge Türkin mit westlichem Lebensstil, die nach ungewollter Schwangerschaft eine illegale Abtreibung vornimmt. Da ist der Nigerianer Samir (Jeremias Acheampong), dem es vor den eigenen homosexuellen Neigungen gruselt, und da ist der Polizist Ismail (Carlo Ljubek), der einer Frau wiederbegegnet, die er Jahre zuvor bei einem Einsatz versehentlich angeschossen hat. Und dann gibt es noch einen Imam (Vedat Erincin), um dessen Gemeinde herum sich diese ganzen Geschichten abspielen. Dieser ist die Verkörperung des Toleranzgedankens, ein Ideal von einem Geistlichen, den es – auch nach Auskunft des Regisseurs – so wohl nicht gibt. Er sagt zum Beispiel zu dem zweifelnden Schwulen Samir, der Koran sei ein Buch der Liebe in allen ihren Formen.

Shahada

Qurbani nutzt immer wieder sehr ähnliche Bilder, um den inneren Kampf seiner Figuren darzustellen. Er arbeitet viel mit Tiefenschärfe, lässt den einen oder die andere häufig einen sinnierenden Blick ins Leere werfen und führt die Kamera bedeutungsschwanger an Häuser- oder Zimmerwänden entlang. Am stärksten ist der Film nicht als emotionales Drama, sondern als Einblick in muslimisches Alltagsleben. Wenn Maryam sich in den Frauengesprächskreis in der Moschee setzt, trifft sie dort auf zwar Kopftuch tragende, aber selbstbewusste Musliminnen. Und hier, in der schlichten, protokollhaften Inszenierung, gelingen auch treffende Dialoge. „Gott“, sagt eine der Frauen einmal, „hat so viel mit den Sünden unserer Männer zu tun, dass er für unsere keine Zeit mehr hat.“

Trailer zu „Shahada“


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Kommentare


catcherintherye

...trifft sie dort auf zwar Kopftuch tragende, aber selbstbewusste Musliminnen(ZITAT)
das schließt sich ja natürlich aus...


Miri

Eine Muslima, die Kopftuch trägt ist nicht gleich eine Frau die unselbstbewusst ist. Im Gegenteil, sie wird wahrscheinlich sehr selbstbewusst sein, da es für eine im Westen aufgewachsene und initriertes Mädchen schwer fallen wird aufeinmal das Kopftuch zu tragen. Das fortert sehr viel Mut und die Liebe zu Gott!
Vielleicht sollte man sich erstmal mit ein paar muslimischen Mädchen unterhalten haben und sich Wissen aus glaubwürdigen Quellen holen, bevor man ein solch unüberlegten, vorurteilenden Satz an den Tag bringt.
Ein Kpftuch zun tragen hat viele Gründe...
Ist nicht böse gemeint....bitte nicht falsch verstehen :)
Wri leben ja schließlich in einer Zeit der Aufklärung - d.h. man muss sich auklären lassen von den Dingen die man nicht kennt, statt einfach das zu glauben was die Medien & Co. berichten.


Thorsten

Die kopftuchtragenden Frauen in dieser Szene sind ein Gegenentwurf zu kopftuchtragenden Frauen in den meisten anderen Filmen/Medien. Daher das "aber". Es ist genau dieser Umstand, der die Szene so besonders macht. Den Satz als negatives Urteil über kopftuchtragende Frauen aufzufassen, ist ein Missverständnis.


Regina

ein aufwühlender Film, der den Atem zum stocken bringt. Ein wichtiger Beitrag für das Thema Integration. Ich war überrascht, wie belastet Jugendliche sein können zwischen Religion und Weltlichkeit.
Unbedingt anschauen! Prima Leistung vom Regisseur Burhan Qurbani


Ali

Fand den Film sehr unrealistisch, besonders als der Imam behauptet das jede Form von liebe erlaubt sei. In der Realität würde maryam bestimmt nicht einfach so davon kommen, um es vorsichtig auszudrücken, marayam würde ein familiendrama widerfahren.


Martin Z.

Die fünf Kapitelüberschriften sind wohl wegweisend. Darunter finden wir z.B. „Beginn der Reise“ „Hingabe“ „Selbstaufgabe“ oder „Entscheidung für einen Weg“. Wir erhalten einen Einblick in die Denkweise der Muslime in unserem Land. Im Vordergrund stehen dabei die Probleme, die ihnen am meisten am Herzen liegen bzw. mit deren Lösung, sie sich besonders schwer tun: Abtreibung, Homosexualität und andere Frauenprobleme. Dabei gibt es einen heftigen Streit über den rechten Weg zwischen gemäßigten und strenggläubigen Muslimen.
Anfangs liefern authentische Bilder eine beeindruckende Sozialstudie. Es gibt interessante bildliche Überschneidungen, die durch Wiederholung einen neuen Blickwinkel schaffen. Äußere gemeinsame Erfahrung wie Hagel und die Disko zeigen Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren auf. Wir lernen das Umfeld kennen. Doch dann erlahmt der anfängliche Schwung etwas und das Interesse wird auf eine harte Probe gestellt, denn es geht nicht mehr so zügig weiter wie bisher. Lange Dialoge wechseln mit weiblicher Hysterie und so bekommen die Tiefgläubigen, trotz aller offenkundigen Toleranz, doch allmählich das Übergewicht, nachdem einige problematische Handlungsstränge FFE-mäßig zugekleistert werden. Aller Ehren wert und im Detail sogar recht mutig.






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