Paradies: Liebe

Liebe und Geld. Ein kulturelles Missverständnis aus den Augen von Ulrich Seidl. 

Der Konflikt zwischen den Fans und Gegnern von Ulrich Seidl ist einer der Weltanschauungen. Es geht weniger darum, dass der österreichische Regisseur – früher mit seinen stark inszenierten Dokumentarfilmen, heute mit dokumentarisch gefärbten Spielfilmen – gesellschaftliche Randfiguren in den Mittelpunkt stellt, sonder vielmehr um den distanzierten, wertfreien Blick, mit dem er das tut. Seidl weigert sich konsequent, die von ihm porträtierten Menschen und ihr Handeln mit sentimentalem Drumherum zu verklären. Es ist eine sehr ehrliche Art von Kino, die häufig als Zynismus missverstanden wird. Denn so dumm und hässlich die Figuren aus dem Seidl’schen Kosmos oft scheinen, offenbart sich doch ebenso eine große Verletzlichkeit.

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In den letzten Jahren plante Seidl einen Film über drei Frauen aus einer Familie und ihrer jeweiligen Suche nach verschiedenen Formen der Liebe. Das Material wurde schließlich so umfangreich, dass aus einem Film drei wurden. Der erste, Paradies: Liebe, feierte nun seine Premiere in Cannes und erzählt von einer alleinstehenden Mutter um die 50, die ihren Urlaub als Sextouristin in Kenia verbringt. Das Schmerzhafte an dem Film ist dabei das ständige Missverständnis zwischen ihr und den jungen Männern, mit denen sie sich einlässt. Denn während Teresa (Margarete Tiesel) in ihrer Naivität darauf hofft, die wahre Liebe zu finden, ist sie für die Einheimischen nicht mehr als ein Goldesel. Einmal beschweren sich Teresa und ein paar gleichgesinnte Wienerinnen darüber, dass ihnen die kenianischen Männer nicht lange genug in die Augen schauen, sich nicht auf sie einlassen und für den Menschen interessieren.

Anders als Laurent Cantet, der in seinem Film In den Süden (Vers le sud, 2005) ebenfalls von weiblichem Sextourismus in Afrika erzählt, versucht Seidl nicht die Sichtweise der Afrikaner einzunehmen oder gar die politisch instabile Lage des Landes zu thematisieren. Bei ihm spielt sich alles auf der persönlichen Ebene ab, zumindest vordergründig. Denn gerade die Beziehungen zwischen der älteren Österreicherin und ihren Gespielen stehen auch exemplarisch dafür, wie reiche und arme Länder miteinander umgehen. Es ist ein Tauschgeschäft, das bei beiden Parteien Narben hinterlässt. Die einen werden ausgenutzt, weil sie kein Geld haben, die anderen, weil sie denken, dass man mit Geld das fehlende Glück kaufen kann.

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Paradies: Liebe wird nie zur reinen Leidensgeschichte seiner Protagonistin und erzählt auch nicht mit gespielter Empörung von der sexuellen Ausbeutung junger Afrikaner. Ständig verschieben sich zwischen den Szenen die Machtverhältnisse und damit auch die Sympathien des Zuschauers. Kaum entwickelt man für Teresa Mitgefühl, weil sie bei ihrer ersten Begegnung mit einem einheimischen Gigolo fast vergewaltigt wird und unter Tränen das Stundenhotel verlässt, wendet man sich schon wenig später mit Abscheu wieder von ihr ab, wenn sie sich wie eine Kolonialherrin aufführt. Die Männer behandelt sie mitunter wie ein Stück Fleisch, macht sich über das Fremde lustig und führt einen verlegenen Kellner vor, der wie ein Papagei österreichische Wörter nachplappern soll, damit sie und ihre Freundin sich vor Lachen wegwerfen können („Sag amal Blunzngröstl!“). Mit Hauptdarstellerin Margarete Tiesel, die bisher vor allem im Theater und in kleinen Nebenrollen zu sehen war, hat Seidl eine Schauspielerin gefunden, die keine falsche Scham besitzt und sich den gesamten Film über buchstäblich wie im übertragenen Sinne nackt macht.

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Gefilmt ist diese Reise ins Dunkle der menschlichen Seele wieder überwiegend in gewohnt streng komponierten Einstellungen (Kamera: Wolfgang Thaler und Ed Lachman), in denen die rohe, dokumentarische Qualität der Szenen ästhetisch zugespitzt wird. Besonders gnadenlos ist Seidl in einigen längeren Momenten, in denen die gegenseitige Ausbeutung in quälender Ausführlichkeit gezeigt wird. In den letzten zehn Jahren hat der Österreicher im Grunde genommen nichts an seiner Ästhetik oder etwas redundanten Erzählweise geändert. Die gleichen Bausteine werden mit leichten Variationen immer wieder neu zusammengesetzt, nur Schauplätze und Figuren ändern sich. Im Extremfall gibt es sogar einzelne Szenen, die wiederkehren. Eine Situation sexueller Ausbeutung, wie sie ähnlich schon in Hundstage (2001) und Import/Export (2007) zu sehen war, kommt auch am Ende von Paradies: Liebe zum Einsatz, diesmal allerdings mit einer Frau in der Täterrolle.

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Der Mangel an Innovation ändert aber nichts daran, dass Paradies: Liebe wieder ein großartiger Film geworden ist. Seidl arbeitet einfach anders. Er hat die für ihn angemessene Art und Weise, auf die Welt zu blicken, schon gefunden und verschiebt mit jedem neuen Film nur den Fokus. Im Prinzip praktiziert Seidl so etwas wie einen aufrichtigen Humanismus, denn seine Figuren stehen nicht unter dem Zwang, immer nett und sympathisch sein zu müssen. Menschlichkeit ist für ihn keine romantisch verklärte Idealvorstellung, sondern beinhaltet auch die scheußlichsten Seiten unseres Daseins. 

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Kommentare


Jenny Mwanda

Es ist schon erstaunlich wie die Welt in unserer Zeit zu funktionieren scheint. Es geht nach wie vor um Geben und Nehmen; in anderer Weise als das vor vielen Jahren der Fall wahr,freiliich aber noch immer herrscht der sogesehen Reiche über den so angenommenen Armen, erkauft sich was und belohnt den Unterlegenen. Es sieht nun so aus als wüßte man sogleich wer hier der Arme und der Reiche sei, dem ist nicht so. Die arme rundliche ältere Frau mit ihrer Lebenserfahrung ist weitaus ärmer als man vermutet wohingegen der arme junge Kenianer der finanziell Überlegenen den letzten Rubel aus der Tasche zieht und dann wahrscheinlich zu seiner Familie, seiner Freundin oder den Alten auf dem Land gebliebenden fährt um dort über die Mzungus zu erzählen. Die Armen, kommen von so weit und wollen gar keine Safari, keine Dörfer besichtigen, keine Holzschnitzarbeiten ... nur die Liebe. Wer glaubt in ein fernes (armes) Land zu fahren und dort jemanden zu finden, der um die Hälfte jünger und um das Doppelte attraktiver ist als die potentiellen Partner in dem Heimatland und das dieser Mensch sich verliebt, so hofft es die Dame ja, der lebt nur in seiner Fantasie. Was ja auch nicht verwerflich ist, solange man damit umgehen kann, das die Realität bleibt.
Wenn ich es richtig sehe wurde der Film u.a. direkt am Strand von Bamburi gedreht vielleicht Nahe Mtwapa? Der Felsenvorsprung am Riff erinnert mich sehr an den Strand nördlich von Mombasa. Ich muss sagen, dass mich der Trailer zum Film schon etwas schockiert, nein eher daran erinnert hat wie es läuft und wie blöd sich die Menschen verhalten, auf beiden Seiten. Stelle man sich mal vor, die Damehält Ausschau nach einem Partner ihren Alters; sie müsste unweigerlich das Terrain wechseln und sich in die alltägliche Welt des Landes begeben, also in die Stadt, in die Geschäfte, in Büros und Restaurants oder ebend aufs Land. Dort würde sie wahrscheinlich niemanden finden der sich mit ihr einlässt und so ist und bleibt das Geschäft der Beachboys doch ein sehr stabiles.


Peter Trenn

Es versäumt worden zu erwähnen, was der Tourismus für schreckliche Folgen hat.
Außerdem ahmen die Frauen nur den männlichen Sex-Tourismus nach, allerdings doch in der Handlung softer als die Männer, siehe Kinder-Sex-Tourismus.
Dank an Ulrich Seidl für diesen guten Film.






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