Mr. Nobody

Das Prinzip der Entropie: In seinem neuen Film erzählt Jaco Van Dormael vom Leben, vom Lieben und den Prinzipien des Universums – ein großformatiges Puzzle, dass am Ende dennoch kein Bild ergibt.

Mr. Nobody

Es ist das Jahr 2092. Der 118 jährige Nemo Nobody (Jared Leto) ist der letzte Mensch, der eines natürlichen Todes sterben wird. Denn die Menschheit hat sich durch wissenschaftlichen Fortschritt vom Tode befreit und damit auch gleich von anderen menschlichen Bürden, wie z.B. der natürlichen Fortpflanzung und – mehr oder minder – auch der Liebe. Das mediale Interesse am Tod des letzten Sterblichen ist groß und so soll sich Nemo in einem Interview an sein Leben erinnern.

Eingebettet in diese recht banal überschaubare Rahmenhandlung  zündet Jaco Van Dormael sein filmisches Opus Magnum Mr. Nobody. Dabei will der Film viel mehr als nur eine Lebensgeschichte in Rückblenden erzählen. Mr. Nobody  hat nichts Geringeres zum Thema als den Sinn des Lebens, das Wesen von Liebe und Tod und die kosmokreatorischen Prinzipien. Und dafür holt Jaco Van Dormael weit aus – in dramaturgischer wie ästhetischer Hinsicht: Als sich die Eltern des 9jährigen Nemo (Thomas Byrne) trennen, teilt sich auch die bis dahin lineare Erzählweise des Films in zunächst zwei parallele Erzählstränge auf. In einem folgt Nemo der mit dem Zug abreisenden Mutter (Natasha Little) nach New York, in einem zweiten bleibt Nemo bei seinem Vater (Rhys Ifans) in Britannien. Zwei Lebenswege - zwei mögliche Biographien. Doch damit nicht genug. Die Lebenswege selbst bleiben nicht linear, springen episodisch in der Zeit, wechseln behände zwischen hypothetischen und alterierenden Kausalverläufen, Träumen, Allegorien, Parabeln und – zwischendrin- Lehrstücken über die Chaostheorie, Quantenphysik,  Spekulationen über kosmologischen Determinismus und Entropie.

Mr. Nobody

Mit jeder Sequenz nimmt nicht nur die Dichte an Themen und Geschichten, sondern auch die formale, narrative und ästhetische Varianz des Filmes zu: Van Dormaels 139-minütige tour de force bedient sich rauschhaft im Fundus der möglichen Tonlagen und Stile, Genres und Moden – Satire wechselt sich ab mit Melodram, Thriller mit RomCom, Surreales mit nüchternem Realismus - als gelte es, den schier endlosen Facettenreichtum des Lebens einzufangen, ohne ihn bändigen zu wollen.

Das funktioniert paradoxer Weise sehr gut, soweit der Film nicht auf traditionelle Erzählmuster zurückgreift - solange der Film also kaleidoskopartig Geschichten und Situationen verschiedener Biographien gleichwertig in den Raum stellt.  Den zwischenmenschlichen Beziehungen und insbesondere der Liebe, als wesentlichem narrativem Motor, widmet der Film zwar die meiste Zeit, jedoch gibt es eigentlich nur eine Frau in Nemos Leben: Anna (Diane Kruger). Dieser einen Geschichte wendet der Film viel Aufmerksamkeit zu, indem er sie deutlich über andere parallele Liebesgeschichten exponiert. Für sich genommen ist diese Geschichte ein klassisch erzähltes und stimmiges Melodram, doch indem dieser Erzählstrang neben die mindergewichteten anderen Beziehungen tritt, verliert der Film deutlich an Balance und so geraten die uferlosen Versatzstücke und Puzzleteile anderer Realitäten allmählich zum Identifikations- und mithin zum Rezeptionshindernis.

Mr. Nobody

Und so faszinierend das Allegorische des Zusammenspiels verschiedener Facetten von Realität und Imagination sein mag, entzieht sich der Film am Ende einer thematischen Zuordnung zugunsten allobwaltender relativierender Effekte. Indem Nemo, der Greis, seine Erinnerungen und gar seine Gegenwart hinterfragt und alles zur Fantasie 9jährigen Jungen über mögliche zukünftige Lebensläufe verklärt, strauchelt der Film nicht nur in Richtung Banalität, sondern offenbart symptomatisch seine sonst hinter der Bilderflut verborgene Schwäche: Jaco Van Dormaels Riesenmosaik ergibt eben kein geschlossenes Bild, sondern nur eine Ahnung von Farben und Formen. Schlußendlich scheitert Mr. Nobody an eben jener Entropie, die er als universales Ordnungsprinzip des Universums benennt.

Trotz dieser Schwäche ist Mr. Nobody aufgrund des Sammelsuriums seiner aberwitzigen einzelner Geschichten, der starken visuellen Kraft der Bilder von Christophe Beaucarne und einer stimmigen Musikdramaturgie ein durchweg sehenswerter Film, der dem Zuschauer nicht nur die Aufgabe überlässt, Antworten zu finden, sondern auch die richtigen Fragen zu stellen.

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Kommentare


Gerry

Leider muss man den Film 3 mal anschauen bis man endlich die Hälfte davon begreift. Er ist nicht wirklich schlecht aber auch nicht wirklich gut.


Fabi

Meiner Meinung nach liegt genau das "nichtverstehen" in der Absicht des Machers anderenfalls würde er mal eben die Frage nach dem Sinn des Lebens geben. Ich bin sehr überwältigt von Bild und TOn und nach dem Film fühle ich mich angeregt, Dinge bewusster zu entscheiden :)


Thomas Hecht

Einer der besten Filme, die ich je gesehen habe! Wow.
Am Schluß ist alles ganz einfach...oder doch nicht? Genau das ist der Sinn des Filmes: Nachdenken über die Möglichkeiten. Was wäre wenn? Sichtweise auf das Leben. Es ibt immer mehrere Blicwinkel.
Ein wirklich ganz bemerkenswerter Film.


dirk

der film spielt 2092 nicht 2096


Frederic

Danke für den Hinweis. Ist korrigiert.


Martin Z.

Es ist ein anspruchsvoller, intelligenter Science Fiction Film, der zwischen den drei Leben der Hauptfigur Nemo (Jared Leto) oftmals recht unvermittelt hin und herspringt. Es dauert etwas, bis man sich zurecht findet und verwundert verfolgt, wie Nemo ertrinkt, erschossen wird - und weiterlebt. Seine große Liebe ist Diane Kruger, einer seiner Frauen die depressive Sarah Polley. Dann erfährt man, dass Nemo aus einer Zeit stammt, in der man noch starb, genussvoll aß und trank und munter drauflosvögelte. Regisseur van Dormael will nicht nur eine Geschichte erzählen, bei der viele Szenen wiederholt werden und zwar mit anderem Ausgang. Er spielt mit möglichen Zufällen, die eine andere Entwicklung aufzeigen. Das wird konsequent durchgezogen, bis Nemos eigene Existenz in Frage gestellt wird. Der 107 Jahre Alte spricht mit der Stimme eines Kindes, die Zeit läuft rückwärts und der letzte Sterbliche stirbt und wird sogleich wiedergeboren. Das Gleichgewicht von Gravitation und Expansion des Universums wird bis zu seinem Verfall weiter gedacht. Ein Schnelldurchlauf führt in die Steinzeit und der Alte begegnet sich selbst: Altersdifferenz 70 Jahre.
Da sind optische und gedankliche Anleihen an Kubricks Space Odyssey, die nicht weiter stören. Man kann sich von den interessanten Bildern treiben lassen, die mit musikalischen Oldies von Percy Sledge oder Nena zeitgemäß unterlegt sind, um am Ende verunsichert festzustellen: dass früher doch alles besser war. Ein optisches und gedankliches Experiment, das man sich durchaus gönnen kann.


David Gosebruch

Dieser Film zeigt uns viele Wege auf, die in einem Leben gegangen werden können. Nur eine Entscheidung trennt uns von einem anderen Leben, was wir hätten führen können, wenn wir uns anders entschieden hätten. Der Film lädt ein, sein Leben einmal zu durchdenken. Was wäre wenn ich mich in einer Situation anders verhalten und entschieden hätte, wäre ich dann ich oder jemand anderes. So sind wir alle Mr. Nobody, denn wir können sein wer wir wollen. Alles endet und fängt mit einer Entscheidung an, die wir treffen. Alles ist unwiderruflich geschehen und sogleich können wir unser Leben neu gestalten. Ein Augenblick der dieses Gleichgewicht stört, aber auch hält. Wir können uns mit einer Entscheidung ins Chaos begeben, oder das Chaos beseitigen. Es liegt daran uns zu entscheiden. Kein Leben, was wir wählen werden, hat für uns weniger Bedeutung. Das wurde in dem Film gesagt und spiegelt für mich wieder, dass kein Leben von den allen ein Falsches ist. Es ist einfach ein Leben. Es wird unseres sein in diesem Moment, obgleich es viele andere hätte geben können, diese sind nach einer Entscheidung aber nicht mehr existent. Somit sind sie für uns ausgeschlossen. Es gibt kein Zurück. Das verdeutlicht der Film sehr gut für mich. Für die Zeit sind wir Niemand, sie läuft unaufhaltbar. Die Wahl, wie wir unsere Zeit verbringen macht uns zu dem Menschen, der wir sind.






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