Moonlight

Alternative Erzählungen, die keine sind: Moonlight führt die Einschränkungen vor, denen sich ein auf Hollywood angepasstes Drama mehr oder minder freiwillig aussetzt. Über einen Film, der gleichzeitig stimmig ist und das Anderssein des schwarzen, schwulen Protagonisten verleugnet.  

Moonlight 01

Stilsicher ist alles verdichtet: Kindsein als Schwarzer in Miami, vor Gleichaltrigen fliehen, von einem lieben Dealer aufgesammelt werden, ein neues Zuhause finden, weg von der drogensüchtigen Mutter. Die Kamera ist nah dran, rennt mit, weiß aber auch schon von der Ausgrenzung ihres Helden und gestaltet sie. Auf dem Rasen sucht sie mit ihm synchron Distanz zur Gruppe, bei der Zweisamkeit von Chiron und seinem anscheinend einzigen Freund Kevin ist sie plötzlich mitten im Geschehen. Alles in Barry Jenkins’ Moonlight ist genau austariert. Der Film ein beinahe klassizistisch orchestrierter Reigen, der souverän auf einem schmalen Grat wandelt zwischen Emphase und Zurückhaltung, stets bemüht um die richtige Dosis an Erzählung und Affekt.

Ein sonderbares Erlebnis

Moonlight 10

Bedeutungsschwangere Szenen und in Atem haltende Ellipsen wechseln sich ab – jedes Bild hat gleichzeitig eine dramaturgische und eine emotionale Funktion. Chiron lernt schwimmen – und Vertrauen in einen anderen. Chiron wird ausgegrenzt von seinen Mitschülern und hat auch zu Hause keinen Platz, wenn die Mutter mal wieder süchtelt. Chiron stiehlt sich scheu ins kindliche Ritual der gegenseitigen Penisinspektion hinein und hält seine Neugier in Schach. Nie ist die Inszenierung over the top: Erzählerische Konsequenz und affektive Steuerung sind verhalten, der Film verkneift sich übertriebene Gegenschüsse, die Gesichter sind voll von Apathie, die Figuren verstecken sich und ihre Gefühle. Ja, Moonlight ist ein sonderbares Erlebnis.

Moonlight 12

Vielleicht ist der Schlüssel zu seinem Verständnis einer der symbolischen Entsprechung: So wie der Film ständig nach Bildern sucht, die sofort alle Bedeutung heraufbeschwören und dadurch nachklingen, so verschließt er sich gleichzeitig als Ganzes einer offenen Vielstimmigkeit, und scheint just darin seinem Protagonisten zu entsprechen, der sich selbst zu verleugnen lernt. Chirons Leben wird in drei Kapiteln erzählt – als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener. Betitelt mit Bezeichnungen für ihn, zuerst Little, dann Chiron, schließlich Black, perspektiviert Moonlight ein Coming-of-Age als Spiel mit Rollen – wobei die Regeln des Spiels nie seine eigenen sind. Die Spitznamen Little und Black stellen dabei das Spektrum dar: Einmal wird er herabgesetzt, einmal wertgeschätzt. Ob er zu sich selbst finden kann, sei dahingestellt. War er vielleicht als drangsalierter Jugendlicher, scheu, ungelenk, aber voller (auch sexueller) Möglichkeiten, noch am ehesten er selbst? Moonlight gibt darauf zwei Antworten. Innerhalb der Erzählung und in der Gestalt des Films. Sie könnten nicht weiter auseinander liegen.

Alltag ohne queere Perspektive

Moonlight 16

Es ist die Krux mit Moonlight, dass es im Kleinen immer um die Erfahrung von Alltagsmomenten geht, im Großen aber nie um eine queere Perspektive. Wahrhaftigkeit, wie sie vom Film behauptet und benötigt wird, um das Drama zu entfalten, wird reduziert auf Ehrlichkeit: Der Junge fragt den Dealer danach, was Tunte heißt und ob er eine sei. Die Mutter bittet um Entschuldigung. Der Erwachsene offenbart seine Gefühle. Dabei ist das Spannendste, das zumindest physisch auch angelegt ist in Moonlight, doch gerade die Wahrhaftigkeit, die aus dem Spiel mit Rollen spricht: wie sich Chiron als Erwachsener in ein Muskelpaket verwandelt, wie er geht, was er trägt. Jenkins aber inszeniert das als eine Fassade, die es niederzureißen gilt. Muss der Schwule sich also schwul zeigen? Die Gestalt von Moonlight legt eine Normierung des Schwulen nahe: Nicht spielen darf er mit seiner Identität, sondern zu offenbaren hat er sie, will er kathartisch erlöst werden, will er zu sich finden. Angesichts all der symbolischen Eindeutigkeit des Films lässt mich das ziemlich ratlos zurück.

Moonlight 09

Es ist schwer, Moonlight zu sehen, ohne seinen Erfolg mitzudenken und diesen Erfolg als Teil der Rechnung zu betrachten. Der Rechnung, die der Film selbst aufmacht, die er aber dann natürlich nicht selbst in der Hand hat. Es ist ja ohnehin unmöglich, einen Film zu sehen, ohne ihn ins Verhältnis zu anderen zu setzen. Aber es muss doch möglich sein, Fragen nach Identitätspolitik herauszuhalten aus der Filmerfahrung? Zu sagen, klar, es ist wünschenswert, dass Hollywood diverser wird, aber daran nicht das einzelne Werk zu messen. Wenn Moonlight nun einmal die Geschichte eines schwarzen, schwulen Jungen erzählt, der aus prekären Verhältnissen kommt, eine drogensüchtige Mutter hat und zur Bezugsperson einen Drogendealer, dann muss dieser Film nicht alle Erwartungen an Diversität erfüllen. Er kann auch einfach konservativ und konventionell sein, wenn er das will. Oder? (Und ich kann mich entsprechend entscheiden, ihn einfach nicht zu mögen.)

Die Krux mit der Identitätspolitik

Moonlight 19

Nach der Vorführung schlägt eine Kollegin angesichts aufkommender Zweifel am Film vor, sich einen Augenblick vorzustellen, er sei von einer weißen Frau inszeniert worden. Ich halte nicht viel von Identitätspolitik, jedenfalls nicht davon, Kunstwerke auf Pässe, Herkünfte, Ethnien, Geschlecht, sexuelle Ausrichtung zu prüfen. Während es mir nicht egal ist, welche Perspektiven sich im Kino eröffnen, scheint mir die einseitige Rückbindung eines Werks an solche Parameter, noch dazu an einer einzelnen Person festgemacht, fehlgeleitet. Ein Film wird nicht dadurch besser, dass ihn eine Frau oder ein Indigener inszeniert hat.

Moonlight 03

Dass unterschiedliche Menschen die Möglichkeit haben sollten, Kino zu machen und damit sichtbar zu werden, ist eine politische Maxime, der ich mich anschließe, um sofort im Gegenzug zu fordern, dass diese Werke genauso ernst und losgelöst von der Identität der Macher wahrzunehmen sind wie alle anderen. Nur: Das passiert ja nicht. Weil die Eintrittsschranken so hoch sind, ist es am Ende des Tages, fürchte ich, nun mal nicht ganz egal, ob Moonlight einen schwarzen Regisseur hat (hat er) und ob der schwul ist (ist er nicht). Oder dass die Story von einem schwulen, schwarzen Mann geschrieben wurde (wurde sie). Beides sollte keine Rolle spielen, wenn es darum geht, dem Film zu begegnen, ihn zu erfahren. Aber, aber.

Der Regenbogen ist keine Hollywood-Farbe

Moonlight 04

Der Regenbogen ist keine Hollywood-Farbe. Von der Offenheit und Toleranz vieler Stars entsteht manchmal der Eindruck, Hollywood sei inklusiv, aber wir wissen, wie selten das der Fall ist, wie marginalisiert viele Stimmen (nicht nur) dort sind. Wenn der unabhängig produzierte Moonlight nun also eine Chance darauf hat, nicht marginalisiert zu werden, wer kann sich dann dagegen sträuben? Ja, der Film ist falsch, aber sicher nicht falscher als die vielen anderen falschen Filme, die aktuell gefeiert werden, Stichwort La La Land. Möge also Moonlight in diesem Rahmen seine Wertschätzung erfahren, ich kann nicht viel dagegen sagen. Aber vielleicht dann doch dagegen, Hollywood überhaupt als Bewertungs-Maßstab zu nehmen.

Moonlight 11

Tatsächlich führt der Film nämlich ziemlich gut das ewige Dilemma vor, dass ein Drama über das Anderssein, das in den Mainstream will, sich unheilig von den Normen abhängig macht, von denen es sich doch lösen wollen müsste – und ein Drama über das Anderssein, das die Normen links liegen lässt, wenig Möglichkeiten hat, an den Mainstream überhaupt anzudocken. Es scheint: Queerer Mainstream im Kino, das können nur Komödien – vielleicht in einem Spektrum von Adam Sandler bis Sacha Baron Cohen. Ein queeres Hollywooddrama, bei dem es um das Ausbrechen geht, um das Sprengen der Normen, um das Neusetzen von Grenzen und den Transformationsprozess, der Kino auch sein kann, davon muss weiter geträumt werden.

Trailer zu „Moonlight“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Hauke Heumann

Hey Frédéric!
Ich habe den Film gestern gesehen und hatte eher das Gefühl, daß ich die Realität, mit der der Film in Zusammenhang zu stehen versucht, gar nicht kenne. Hier lachen die Leute im Kino, wenn sich ein afroamerikanischer Mann die Haare bürstet. Nach Lesen dieser Kritiken habe ich dann gemerkt, daß ich viele Codes bewußt gar nicht mitbekommen habe:
https://bullybloggers.wordpress.com/2016/11/03/moonlight-the-sea-body-and-the-color-blue-by-macarena-gomez-barris/
https://bullybloggers.wordpress.com/2016/10/26/for-colored-boys-who-have-considered-hypermasculinity-when-the-gender-roles-were-too-tuff/

Was hälst du davon?
Liebe Grüße
Hauke






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.