Mistress America

Noah Baumbach bleibt konsequent. Nach Frances Ha porträtiert Mistress America erneut eine Generation, die den zweifelhaften Luxus genießt, sich prinzipiell für alles frei entscheiden zu können.

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„Wie Woody Allen, nur mit Frauen in den Hauptrollen.“ So raunt es schon durch den Kinosaal, bevor Mistress America überhaupt angefangen hat. Und tatsächlich scheint Noah Baumbach in seinen letzten Filmen – Frances Ha (2013), Gefühlt Mitte Zwanzig (While We’re Young, 2014) und nun Mistress America – eine neue, eine konsequente Linie gefunden zu haben. Die Gesellschaftskomödie, das mag manchmal ein Unwort sein. Aber auf Baumbachs Filme trifft diese Bezeichnung in dem wohlmeinenden Sinne zu, dass seine Figuren niemals allein sind; dass immer jemand da ist, der mitredet, gut zuredet, der mitentscheidet. Jede Krise, so gravierend sie auch sein mag, fühlt sich bei Baumbach nur halb so schlimm an. So auch bei Mistress America.

Nervöse Großstadtversprechungen

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Die 18-jährige Tracy Fishko (Lola Kirke) zieht fürs Studium nach New York. Das Wohnheim ist anonym, die Uniseminare stupide. Tracy fängt nichts an, bringt nichts zu Ende, ist irgendwie erstsemestrig lost und hat eigentlich schriftstellerische Ambitionen. In einem Moment verzweifelten Alleinseins (dem einzigen im ganzen Film) ruft sie schließlich Brooke (Greta Gerwig) an, ihre zukünftige Schwester, weil Tracys Mutter Brookes Vater heiraten will. Brooke ist zehn Jahre älter als Tracy und wirbelt von Anfang wie eine wildgewordene Karikatur durchs Bild: die hypergestresste, aufgedrehte, alles und jeden kennende New Yorker Lebefrau steht da vor Tracy, ein Abziehbild aller Großstadtversprechungen. Tracy ist von der schieren Präsenz Brookes völlig gefangen genommen, steigert sich in ihr Leben hinein und benutzt Brooke schließlich als Steilvorlage für ihre Kurzgeschichten.

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Baumbach inszeniert das geschickt: Wir brauchen immer Menschen, in die wir uns hineinsteigern können, die wir zur Projektion unserer eigenen Wünsche machen. Und unser Bild anderer Menschen wird dadurch zwangsläufig verfälscht. Wir nehmen uns eben nur genau das, was wir in einer bestimmten Situation von anderen brauchen – was gut für uns ist. Das Wunderbare an Mistress America ist nun aber, wie empathisch diese Zwischenmenschlichkeit hier aufscheint. Fast als notwendige Bedingung eines Teilens, eines grundlegenden Miteinanders, das Baumbach zu retten versucht. Bei allem überdrehten Slapstick, den sein Ausflug ins Reich der Screwballkomödie mit sich bringt, haftet seinen Figuren somit gleichzeitig etwas grundlegend Glaubwürdiges an.

Filme, an die man glauben möchte

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So entwickeln sich Brooke und Tracy beide auf ihre Art weiter, die Verhältnisse kehren sich gewissermaßen um. Der Rhythmus des Films hält damit Schritt: Am Anfang führt der Film die quirlige Hektik von Brookes Leben als atemloses Happening auf, freilich nur aus Tracys eigenem, subjektiven Blickwinkel. Zunehmend verlangsamt sich alles, Tracy lernt Brooke besser kennen, Zweifel kommen auf, Brookes Existenz wird brüchig, lückenhaft. In Wellen verläuft dieses Kennenlernen eines anderen Menschen, von dem sie fasziniert ist. Und am Ende darf man beruhigt, aber auch ein klein wenig trotzig und enttäuscht feststellen, dass der andere eben auch nur, genau, ein Mensch ist und auch sein darf. Darum geht es in Mistress America. Noah Baumbach macht tatsächlich so etwas wie sinnstiftende Filme, wie ein grinsender Kinogeistlicher, der der verwirrt vor sich hin lebenden Generation Y zurufen möchte, dass es immer eine andere Möglichkeit gibt, dass es nie zu spät für nichts ist. Und man kann und mag fast nicht anders als dieses Glaubensbekenntnis beschwingt abzunicken.

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