Ein riskanter Plan

Im Netz. Wenn Sam Worthington an den Abgrund tritt, begegnen sich Struktur und Chaos.

Ein riskanter Plan 1

Es gibt Kameraperspektiven, die einem, obwohl bereits hinreichend bekannt, einen Schauer über den Rücken jagen. In Ein riskanter Plan (Man on a Ledge) ist es die Aufsicht, die von Anfang an den Film dominiert. Die Kamera gleitet über die Dächer der Skyline, man ist gewillt zu glauben, die Spitzen der höchsten Gebäude könnten die Leinwand zerschneiden. Weiter in der Tiefe ist die so korrekt und geordnet wirkende geometrische Anordnung der New Yorker Straßen zu erkennen, eines Systems, das einem gigantischen Netz gleicht. Darin herrscht unübersichtliches Gewimmel, Menschen und Autos sind in unablässiger Bewegung. Struktur und Chaos verschmelzen. Ähnliches ist bereits auf dem Kinoplakat zu sehen, auf dem die Weitwinkel-Kamera dem Blick des Protagonisten Nick Cassidy (Sam Worthington) in die Tiefe folgt. Es ist das Netzartige, ein Geordnetes, das doch so voller Chaos steckt, was in diesem Thriller des Dänen Asger Leth in Erscheinung tritt und sich noch auf andere Art und Weise zeigt.

„This ain’t no Hollywood-Movie“, heißt es in Leths Regieerstling Ghosts of Cité Soleil (2006). Für seinen neuen Film gilt genau Gegenteiliges. Der Polizeithriller ist pompöses Unterhaltungskino, geradlinig und dramaturgisch schnörkellos. Dennoch spielen hier viele kleine Fäden eine Rolle, und das zunächst schwer durchschaubare Chaos verdichtet sich zu einem kohärenten Netz.

Ein riskanter Plan 2

Den beruflichen Fall hat Ex-Cop Nick Cassidy bereits hinter sich. Vor Jahren wurde er des Diamantenraubs beschuldigt und zu einer Haftstrafe verurteilt, aus der es ihm schließlich gelang zu fliehen. Nun steht er auf dem Gebäudesims im 21. Stock des Roosevelt-Hotels, es scheint, als begehe er die ultimative Verzweiflungstat. Doch bald wird klar, dass der Selbstmordversuch nur ein vorgetäuschter ist und als Bestandteil eines großangelegten Racheplans fungiert, in den auch Nicks Bruder Joey (Jamie Bell) und dessen Partnerin Angie (Genesis Rodriguez) auf dem Nachbargebäude verwickelt sind.

Das Handlungsnetz ist klar umrissen und gegliedert, lose Fäden gibt es nicht. Es werden mehrere Erzählstränge eingeführt, doch ist das Drehbuch stets um Übersichtlichkeit bemüht. Damit bleibt Ein riskanter Plan zwar durchgehend konventionell, verdichtet sich aber zu einem äußerst straff inszenierten Heist-Movie, der seinen Reiz aus dem Rätseln über die Motivation des Ex-Polizisten und die penibel geschilderte Durchführung des Plans bezieht. Der Film schweift nie zu lange ab, sondern alterniert zunächst zwischen dem Protagonisten auf dem Sims und der Einbruchaktion seines Bruders und dessen Freundin. Später kommen noch ein Immobilienhai (Ed Harris) und einige Polizeikollegen ins Spiel.

Ein riskanter Plan 3

Bis zur Auflösung des Racheakts wird Ein riskanter Plan für den Zuschauer zum Ratespiel nach dem Puzzle-Prinzip.  Zusammen mit seiner ungebremsten Dynamik weiß der Film so sehr wohl zu fesseln. Was ihn jedoch so rund macht, ist die Tatsache, dass das Formale den Inhalt konsequent ergänzt. Es ist ein Changieren zwischen Ordnung und Unordnung auf allen Ebenen, narratives Erstellen und Visualisieren von Verbindungen laufen ineinander. Orientierung gibt dabei, was oben ist. Auch Nick muss erst die passende Perspektive einnehmen.  Der Protagonist blickt auf die Straßen und vermag so das Gleiche zu tun wie die Kamera: Ordnung zu schaffen. Er steht über dem Chaos, und nur er hat den Plan bis ins kleinste Detail verinnerlicht, über ihn fügen sich die Erzählstränge zu einer klaren Struktur. Außer ihm kann lediglich die Kamera Vergleichbares tun, wenn sie sich über die Straßen erhebt und den Blick auf das Stadtnetz eröffnet.

Schließlich spielen auch weitere Netze wie das Mobilfunknetz oder das Wirtschaftssystem eine Rolle, doch das nur am Rande. Wenn die Passanten beginnen, den Protagonisten auf dem Sims zu filmen und zu fotografieren, rüttelt das kurzzeitig an der Frage nach Moral in einem hypertechnisierten Zeitalter. Weiter nachgegangen wird diesen Phänomenen jedoch nicht. Das kann man aber durchaus als wohlüberlegte Entscheidung betrachten, den stimmigen Film nicht unnötig zu überladen. Vielmehr bleiben es kleine Seitenhiebe auf Prozesse, die der Handlung ohnehin schon vorgelagert sind und sich als Makrostruktur an das abgeschlossene Netz des Films annähern. Das verhindert Risse im Gewebe. Was bleibt, ist ordentliche, konzentrierte Genrekost. Vielleicht darf man sich mit Ein riskanter Plan bereits im Januar auf einen der gelungensten Thriller des Kinojahres 2012 freuen.

 

 

Trailer zu „Ein riskanter Plan“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


sk

Eine gelungene Kritik zu einem gelungenen Film! Für mich auch schon jetzt ein Kandidat für die Top-Thriller des Jahres!


Fabian

Ich bin sehr irritiert wie dieser Film auch nur annähernd als einer der besten Thriller des Jahres bezeichnet werden kann. Klar gibt es schlechtere. Aber ein Film der nach der ersten halben Stunde minütlich unlogischer wird und konstruierter wirkt, kann meiner Meinung nach kein empfehlenswerter Thriller sein. Das die Figuren zunehmend unglaubwürdiger agieren (besonders die Vermittlerin und deren vermeintlicher Anti-Partner) macht das noch schlimmer. Da hilft es auch nicht dass man länger über die Motivation des Protagonisten rätselt oder ab und zu durch diese und jene Kehrtwende überrascht würd. Der ganze Film funktioniert einfach nicht. Ganz im Gegensatz zu vergleichbaren Filmen wie Oceans 11. Leider reine zeitvergeudung.


flitzfitz

Dieser Film ist durch und durch ...miserabel und einer "Empfehlung" auf critic.de, auf die ich mich bisher blind verlassen konnte, nicht würdig.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.