Man of Steel

Bewegungskino und ein adoleszenter Superman. Zack Snyder lässt die roten Umhang-Fetzen fliegen.

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Es ist schon eine immens große Last für ein einziges Schulterpaar: Auf dem untergehenden Planeten Krypton, in einer dystopischen Welt von maximal ausgereizter humangenetischer Menschenzüchtung, ist Kal-El als Ergebnis einer natürlichen Geburt ein Sonderfall. Sein Vater Jor-El (Russell Crowe) sieht in ihm gar den Auserwählten und schickt ihn als Bewahrer und Retter seiner Rasse auf die Erde. Dort ist er Clark Kent (Henry Cavill), Ziehsohn eines Farmerehepaars und, wenngleich er sich optisch nicht von einem Homo sapiens sapiens unterscheiden lässt, ebenfalls ein Außenseiter. Die im Vergleich zu seinem Heimatplaneten veränderten Umweltbedingungen statten ihn mit einem ganzen Arsenal an Superkräften aus, die zum einen nicht ganz leicht zu beherrschen und zum anderen nur schwer zu verheimlichen sind. Für den Zuschauer, das stellt der vielleicht am stärksten gesellschaftlich verankerte Mythos der Popkultur sicher, ist der Fluchtpunkt klar: Superman, der durch die Luft fliegende Held im blauen Anzug, der sich, sollte die Welt mal gerade nicht zu retten sein, als ungeschickter Zeitungsreporter tarnt, seine Louis liebt und auf eine bestimmte Art von Stein allergisch reagiert. Immer präsent und immer auf der guten Seite. So weit kennt ihn jeder. Man of Steel aber geht zurück zu den Anfängen.

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Nun ist die Frage nach den Ursprüngen der Superman-Figur nichts unbedingt Neues – im Comic-Universum wird unter anderem in Superboy ganz explizit darauf eingegangen, zuletzt bearbeitete die über zehn Jahre und ebenso viele Staffeln laufende Fernsehserie Smallville die Wurzeln des Superhelden. Man könnte Zack Snyder, dem Größen- und Geschwindigkeitswahnsinnigen des zeitgenössischen Blockbuster-Kinos und Spezialisten für Comic-Verfilmungen (300, 2007, Watchmen, 2009), also pures Kalkül vorwerfen: Immerhin erweitert das Breittreten der Davor-Erzählung das epische Potenzial des Stoffes – und garantiert noch mindestens zwei Sequels. Doch das Projekt Man of Steel auf derartige ökonomische Überlegungen zu reduzieren, das geht dann doch nicht ganz auf, bietet diese Frühgeschichte doch eigentlich das größte dramaturgische Reservoir des Superman-Mythos, gewissermaßen eine Coming-of-Age-Geschichte mit potenzierter Intensität: Ein Kneipen-Konflikt unter jungen Männern endet hier nicht mit einer blutigen Nase, sondern mit einem auf Baumstämmen aufgespießten Truck auf dem Parkplatz.

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Die Dimensionen sind extrem, daran lässt Snyder zu keiner Zeit Zweifel aufkommen. Von einem im Flammenmeer untergehenden Planeten Krypton geht es in die arktische Eislandschaft, Clark Kent stemmt sich gleich zu Beginn gegen einen kippenden Bohrinselturm und schwimmt mit Walen in den ozeanischen Tiefen. Man of Steel affirmiert Supermans besonderen Status im Superheldenkosmos – dass er nämlich, verglichen mit anderen Figuren, eigentlich alles übernatürlich gut kann – und antwortet dem durch diese Unspezifik drohenden erzählerischen Dilemma mit konsequentem Überwältigungskino. Letztlich vereinigt Man of Steel damit auch motivisch den so heterogenen Blockbusterkanon der letzten 30 Jahre, von Star Wars (1977) über Independence Day (1996) und Gladiator (2000) hin zu Matrix (1999) und Iron Man (2008) – ein Suprafilm für einen Suprahelden. Der zeitgenössische 3D-Effekt war vielleicht niemals zweckmäßiger eingesetzt als hier. Die vor allem durch die Flüge der Figur evozierte Geste der Entgrenzung wird auch auf die Plot-Dynamik des Films angewandt: Die Versuche maximaler räumlicher Ausmessung – gerade noch in den zerstörten Straßenzügen Smallvilles, landen Superman und sein Gegenspieler General Zod (Michael Shannon) nach einem Schlagabtausch im Endkampf mal eben auf einem Satelliten im All – werden von einer nicht-linearen, ständig zwischen Kindheit und frühem Erwachsensein hin und her pendelnden Erzählweise eingefasst.

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Die Erdung des Spektakels, das Aushandeln der inneren Konflikte des Helden, erfolgt beinahe nebenbei und in enger Verzahnung mit den beschriebenen Handlungsbildern und einigen kurzen, aber präzisen und ohne allzu viel Pathos versehenen Dialogsequenzen, zumeist mit den beiden Vaterfiguren. Diese bilden in ihrer Räson der Opferbereitschaft (und nicht zuletzt dadurch, dass sie von Kevin Costner und Russell Crowe verkörpert werden!) das für einen adoleszenten Superhelden angemessene Gegengewicht. Mantrahaft beraten sie den zwischen Annehmen und Verfluchen der eigenen Herkunft wankenden Clark in der großen Seins-Frage von Zugehörigkeit: Wer und wofür bin ich? Die Antworten finden sich nicht in den durchaus vorhandenen großen Gesten, sondern in den dialektischen Plot-Verschaltungen: Die Adaption an die Erdatmosphäre ist Zods Argument für die Zerstörung der gesamten Menschenrasse, gleichzeitig aber auch Supermans Vorteil und Antrieb im Kampf gegen den bösen Kryptonier. Die von Zods Gespielin Faora (die deutsche Antje Traue ist damit wohl in Hollywood angekommen) als „evolutionärer Nachteil“ ausgemachte menschliche Moral setzt am Ende die entscheidende Kraft für den Sieg des Guten frei. Dieser wird dann auch nicht mit einem Kuss, sondern mit einem unverbindlichen Handschlag besiegelt. Die Liebesgeschichte muss warten, das Sequel kommt bestimmt.

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