Mademoiselle Chambon

Nach Man muss mich nicht lieben erzählt Stéphane Brizé erneut von einem Mann, der aus seinem eintönigen Leben gerissen wird. Die großen Gefühle, die der französische Regisseur dabei beschwört, kann er kaum erfahrbar machen.

Mademoiselle Chambon

Fast provokant erscheint der Widerspruch zwischen Form und Inhalt in der ersten halben Stunde dieses Films. Der Protagonist wird eingeführt, ein äußerst gewöhnlicher Mensch mit einer äußerst gewöhnlichen Familie, kaum etwas deutet auf einen Konflikt hin, fast stellt sich eine gewisse Langeweile ein. Nun kann auch Langeweile im Film durchaus einen Zweck haben, etwa wenn sie die Leere im Leben einer Figur erfahrbar machen lässt. Ein solches Gefühl könnte wohl am ehesten durch eine genaue, dokumentarische Inszenierung evoziert werden. Doch Stéphane Brizé geht in seinem vierten Spielfilm etwas anders vor: Die stark elliptische Erzählweise, die ein tatsächliches Gefühl für den Alltag der Figuren verhindert, verleiht dem Dargestellten zusammen mit dem Cinemascope-Format ein episches Element, das auf den ersten Blick zu der sehr einfachen Geschichte nicht so recht passen mag.

Diese einfache Geschichte lässt sich in einem Satz beschreiben: Das scheinbar harmonische Familienleben des Handwerkers Jean (Vincent Lindon) gerät durcheinander, als er die Lehrerin seines Sohnes (Sandrine Kiberlain als die titelgebende Mademoiselle Chambon) kennenlernt und sich in sie verliebt. Es geht um die Spannung zwischen dem eingerichteten und nicht einmal vollkommen unbefriedigendem Leben und der neuen, aufregenden Liebe zu einem anderen Menschen. Eine Geschichte also, der doch etwas Episches anhaftet, weil sie jenes ewige Dilemma menschlicher Beziehungen veranschaulicht: die Irreversiblität von grundlegenden Entscheidungen wie die der Familiengründung, die unser Leben auf Jahrzehnte hinaus definieren und einen erneuten Beginn scheinbar unmöglich machen. Der erwähnte Widerspruch zwischen Form und Inhalt erweist sich als eine Spielart des Kontrasts zweier Ebenen, zwischen denen eine solche Handlung häufig changiert: einer persönlichen, zwischenmenschlichen und einer universellen, reflexiven. Der in das Leben der Hauptfigur tretende Mensch, der getroffene Entscheidungen erneut in Frage stellt, ist nicht immer die tatsächliche große Liebe, sondern häufig nur der Auslöser für eine Neubewertung des bisher gelebten Lebens.

Mademoiselle Chambon

In Mademoiselle Chambon dominiert vorerst diese universelle Ebene. Denn es sind hier nicht nur zwei Menschen, die einander anziehen, sondern auch zwei unterschiedliche Welten. Schon mit der ersten Szene, in der Jean und seine Frau von ihrem Sohn mit einer Frage nach dem Akkusativobjekt in Verlegenheit gebracht werden, charakterisiert Brizé seinen Protagonisten als Vertreter einer bildungsfernen Schicht. Über dramaturgisch recht holprige Umwege tritt Mademoiselle Chambon als intellektueller Gegenpart in die Handlung, und die stille Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Die Lehrerin ist von Jeans handwerklichen Fähigkeiten so übertrieben fasziniert wie dieser von ihrem Geigenspiel – für beide symbolisiert die jeweils andere Person eine gänzlich neue Welt.

Brizé übersetzt die in der Romanvorlage von Éric Holder ausformulierten Gefühle nicht in Dialoge, sondern verlagert sie in die Zwischentöne, in Blicke und Gesten. Dass er an dieser filmischen Herausforderung scheitert, liegt einerseits an seiner nüchternen und merkwürdig emotionslosen Inszenierung, andererseits an den Darstellern. Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain leben zwar mittlerweile getrennt, sind aber noch immer verheiratet. Das mag eine spannende Voraussetzung für die Darstellung einer auf stillschweigender Kommunikation beruhenden Liebelei sein, konterkariert aber das Ziel, die Liebenden als Vertreter unterschiedlicher Gesellschaftsschichten darzustellen. Einfacher ausgedrückt: Man nimmt Lindon den Handwerker partout nicht ab, dafür ist sein Spiel zu angestrengt, sein Gesicht zu bourgeois.

Mademoiselle Chambon

Je länger der Film andauert, desto mehr schiebt sich die persönliche Liebesgeschichte über die bloße Reflexion des vorentschiedenen Lebens. Am Ende läuft alles auf einen Moment der Entscheidung hinaus, der sich stark an den Brücken am Fluss (The Bridges of Madison County, 1995) von Clint Eastwood orientiert, einem der schönsten Filme über zwei Menschen, die sich verpasst haben. Ein Vergleich mit diesem Werk und seiner berühmtesten Szene zeigt noch einmal deutlich, woran es Mademoiselle Chambon mangelt. Denn die Hand Meryl Streeps auf dem Türgriff, der verinnerlichte Showdown zwischen Weitermachen und Ausbrechen, ist bei Eastwood stilsicher vorbereitet. Hier sind beide erwähnten Ebenen harmonisch ineinander verschränkt, wir können die generelle Unzufriedenheit der Hausfrau so gut nachvollziehen wie die aufregende Liebe zum reisenden Fotografen. Die pathetische Inszenierung der entscheidenden Szene ist der dem Zuschauer vorher erfahrbar gemachten Dramatik der Situation angemessen.

Mademoiselle Chambon

In Mademoiselle Chambon kann uns weder die Inszenierung Brizés noch das Spiel der Darsteller das Gefühlschaos der Figuren auf eine ähnliche Weise nahebringen. Wir verstehen Jeans Dilemma innerhalb der dargestellten Handlung nur kognitiv, können es aber nicht mitfühlen. Die Liebe zwischen dem Handwerker und der Lehrerin kommt so artifiziell daher, dass der große Schlussmoment kalt lässt. So scheitert Brizés Film letztlich auf beiden Ebenen: Die einfache Geschichte ist so steril inszeniert, dass sie nur sporadisch interessiert, und das universelle Epos der falschen Entscheidungen wird nicht erweitert, sondern reproduziert und einmal mehr mit Geigen unterlegt.

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Kommentare


Jan

Ich kann nicht verstehen, was Kadritzke schreibt. Man kann jede Sekunde nachvollziehen. Es ist ein wunderbarer Film. Einen der schönsten Filme, der Vergleich mit Clint ist völlig daneben. Diese Leichtigkeit, das Zurückhalten beim Spielen, die Diskretion ist eine ganz andere Art- das können nur die Franzosen. Unbedingt ansehen, wenn ihr nicht bloß auf Action steht. jc


Rennewart

Das "wir" von Kadritzke ist anmaßend. Seine Wahrnehmung wird generalisiert. Klingt nach Literaturwissenschaft der 60er Jahre und ist genau so hohl wie arrogant.
Der Gute hat auch das grundlegende Dilemma, das Brizé darstellt, nicht verstanden, nämlich den Konflikt zwischen Zugehörigkeit und Sehnsucht nach dem Anderen, dargestellt anhand dichotomisch gegeneinanderlaufender Figuren. Seltsam, wie man einen so zärtlichen Film so stumpf traktieren kann. Der nämlich ist das Beste, was in Frankreich in den letzten Jahren produziert wurde, und der erste legitime Nachfolger Rohmers. Wer dafür was übrig hat, sollte sich das unbedingt ansehen.


Kristina

Ich kann auch nicht verstehen, wieso Kadritzke so empfindet bzw. denkt. Der Film ist meiner Meinung nach einfach großartig. Großartig gespielt und geschnitten. Ich habe selten einen Film gesehen, in dem so viele Gefühle offenbart wurden und das auf eine solche authentische und anrührende Art und Weise. Kein Hollywoord-Blockbuster. Ein leiser Film, der die Kunst des Lebens zum Inhalt hat. Da benötigt es auch gar keinen lauten Trommelschläge oder mehr Dialoge.


Bernd

Großartige Darsteller, großartige Regie, die den Schauspielern (und nicht nur den Hauptdarstellern) Platz zum spielen gibt. Gegenüber dem ist die von K. eingeforderte Konzeptionskunst ein toter Fisch.


Joachim Drude

Erfreulich ruhiger Film ohne aufgesetzte Dramatik oder peinlicher Moral. Schade nur, daß der Abspann bei rbb so schlampig abläuft, daß man die Titel der beiden
Musikstücke nicht lesen kann.






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