Turn Me On!

Berge, Schafe, einsame Straßen und eine Teenagerin, die nur das eine will. In ihrem ersten Spielfilm wählt die Regisseurin Jannicke Systad Jacobsen eine seltene Perspektive auf weibliche Lust.

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Alma (Helene Bergsholm) kann mühelos als Prototyp skandinavischer Schönheit herhalten, eine makellose Fast-Sechzehnjährige mit blondem Haar und langen Beinen. In den 76 Minuten des Films ist sie aber nicht das Objekt der Begierde. Vielmehr sind wir Zeugen ihres eigenen, chronisch überbordenden Begehrens und gucken lüstern mit ihr auf alles, was sich in ihr Blickfeld drängt, gleich einem Scanner für erotische Abenteuer. Turn me on! (Få meg på, for faen): Der Titel des norwegischen Debüts ist programmatisch, und weil Almas Appell nicht erwidert wird, weil es beim schüchternen Blick des Schwarms und dem lasziven Lipgloss-Auftragen der Freundin bleibt, übt sich Alma in innerer Flucht. Wir finden sie wieder in einer liebevoll komponierten Fantasiewelt, in der sie abwechselnd nobel umgarnt und wild gevögelt wird. Alma macht sich also die Welt so, wie sie ihr gefällt, und in diesem Unterfangen ist sie der Regisseurin nicht unähnlich: Die streut schwarzweiße Standbilder, Märchenästhetik und vorlautes Voice-over in einen trotz Teenie-Aufregung ruhig und sauber gehaltenen Film, der sich den Spaß erlaubt, nie zu kennzeichnen, wann die Realität in den Tagtraum kippt.

Tagebuch einer Nimmersatten

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Denn Almas Kopfkino spielt nicht in der Metropole, sondern im heimischen Skoddenheim, und die Auserkorenen ihrer erotischen Tagträume sind keine anderen als die Menschen, die ihr tagein, tagaus über den Weg laufen, von der Freundin in der Schule zum Chef im Supermarkt. Das dürfte den großzügig ausgeschöpften Topos der verschlafenen Kleinstadt relativieren: Bei allem Hass auf Skoddenheim – dessen Ortsschild Alma und ihre Freunde bei jeder Ein- und Ausfahrt mit einem Stinkefinger zu würdigen pflegen – kann man sich die unbefriedigte Libido auch woanders vorstellen. Skoddenheim mangelt es nicht an Sex-Appeal. Vielmehr fehlen Altersgenossen mit derselben Fixierung. Und so ist der Film weniger das Manifest einer jungen Frau, die ihre Lust zelebriert, als das Tagebuch eines Mädchens, dem das eigene sexuelle Interesse über den Kopf wächst, weil es sich auf alles richtet, aber von niemandem aufgefangen wird.

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Als es auf einer Party endlich zum Intimitätenaustausch mit dem angehimmelten Artur (Matias Myren) kommt, wähnt man Almas Erlösung nahe, aber nichts da, es folgt ein Eklat, angestiftet von Ingrid (Beate Støfring), der bis dato besten Freundin und, natürlich, bitchy Nebenbuhlerin. Flugs wird Alma zur persona non grata erklärt und findet sich als „Schwanz-Alma“ wieder in wenig schmeichelhaften Kritzeleien auf der Toilettenwand. Der übliche Mob grausamer Altersgenossen eben, in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt und soziale Ausgrenzung mühelos in Isolation mündet: „Mission Verbannung erfüllt“, stellt Alma resigniert fest. Fortan beschränkt sich ihr sozialer Austausch notgedrungen auf Stig, den Operator der überteuerten Sex-Hotline, zu dessen Stimme sie sich in der Küche unter dem beunruhigten Blick des Hundes befriedigt. Während Stig bei der treuen Kundin bald auch als Fernseelsorger in der Causa Artur fungiert, dürfte sich beim Zuschauer das Interesse am pubertären Kleindrama in Grenzen halten.

Das nackte Begehren

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Aber Turn me on! ist beileibe kein uninteressanter Film. Alma, die sich mit einer gewissen Ernüchterung als „geil“ diagnostiziert hat, stiftet überfällige Verwirrung im mainstreamtauglichen Coming-of-Age-Genre. Ihr sexuelles Interesse gilt allem, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, männlich und weiblich, jung und weniger jung. Es ist nicht die Antwort auf einen irgendwie gearteten Erwartungsdruck; es ist nicht das fieberhafte Sehnen nach einem Initiationsritus, der sie in den Stand der Weiblichkeit hisst; es ist nicht das Spiel mit einer kürzlich entdeckten Wirkung ihrer Reize auf andere; und es ist, anders als der illegal erworbene Alkohol und der gelegentliche Joint, kein eskapistisches Vergnügen im sonst so tripfreien Dorf. Es ist das nackte Begehren, völlig frei, völlig wertfrei.

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Zumindest bis Almas alleinerziehende Mutter (Henriette Steenstrup) auf eine Reihe expliziter Vorfälle aufmerksam wird und geekelt und ratlos zugleich an der seelischen Gesundheit der Tochter zu zweifeln beginnt. Es folgt eine schmerzhafte Umdeutung des eigenen Verhaltens: Plötzlich findet sich Alma „krank“, schämt sich für die überbordende Lust. Der Film macht es sich zur Aufgabe, dagegen aufzubegehren. Fernab einer freizügigen „Geilheit ist geil“-Botschaft rehabilitiert er seine Protagonistin als stinknormales Mädchen; dass es sich als anormal empfindet, bürgt hier umso mehr für seine Normalität. Und so wünscht man dem Film viele normalitätsgeplagte Zuschauer in Almas undankbarem Alter. Brüskiert werden sie in ihren gesitteten Sehgewohnheiten hier eh nicht. Und auch wenn Almas Fantasien die Promiskuität feiern, richten sich ihre irdischen Anstrengungen ganz konventionell auf Artur, die erste große Liebe. Alles harmlos.

Trailer zu „Turn Me On!“


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