Life During Wartime

Zwölf Jahre nach Happiness widmet sich Todd Solondz ein weiteres Mal den Schwestern Trish, Joy und Helen bei ihrer Suche nach dem Glück.

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In seinem letzten Film Palindrome wagte Todd Solondz ein interessantes Experiment. Seine Hautpfigur, die zwölfjährige Aviva, wurde durch acht verschiedene Schauspielerinnen verkörpert. Der Wandlung, die eine Figur meist im Laufe der Handlung durchmacht, verweigerte sich das Mädchen partout. Während sie ihr Alter, ihre Physiognomie und ihre Hautfarbe wechselte, blieb ihr Charakter den gesamten Film über unverändert.

Bei Life During Wartime handelt es sich gewissermaßen um eine Fortsetzung von Solondzs Happiness (1998), indem sich die drei sehr unterschiedlichen Schwestern Trish, Joy und Helen ohne Erfolg auf die Suche nach ihrem persönlichen Glück machen. Wie in Palindromes ist auch das Ungewöhnliche an der Fortsetzung zu Happiness die Besetzung: Alle Rollen wurden mit anderen Darstellern besetzt, die ihren Vorgängern dabei häufig nicht einmal ähnlich sehen.

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Inhaltlich knüpft der Film allerdings an Happiness an, die zwölf Jahre, die seitdem vergangen sind, mit einberechnet. Helen (Ally Sheedy) hat hier nur noch einen kurzen Auftritt. Vornehmlich geht es um Trish (Allison Janney), die mit dem älteren Harvey einen Neuanfang wagen möchte und die naive Joy (Shirley Henderson), die erneut an einen unverbesserlichen, obszönen Anrufer geraten ist und Trost bei ihren Schwestern sucht. Trishs Exmann Bill (Ciaran Hinds), der im Gefängnis war, weil er einen Schulkameraden seines Sohnes vergewaltigt hat, versucht sich unterdessen an Vergangenheitsbewältigung. Die immer wiederkehrende Frage in Life During Wartime lautet, ob man angesichts eines nahestehenden Menschen, der etwas Schlimmes getan hat, lieber vergessen oder verzeihen soll.

Seit Willkommen im Tollhaus (Welcome to the Dollhouse, 1995) verfügt Todd Solondz über eine prägnante künstlerische Handschrift, die er mittlerweile perfektioniert hat. Das Faible für überzeichnete neurotische Vorstadtbewohner und Verlierertypen, die meist einem jüdischen Milieu entstammen, weist in der Figuren- und Themenwahl eine deutliche Parallele zur Arbeit der Coen-Brüder auf. Auch ihre Protagonisten versuchen dem tristen Dasein zu entkommen und sind doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Mehr noch als die Coens legt Solondz allerdings Wert auf einen ambivalenten Inszenierungsstil.

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In den meisten Komödien weiß der Zuschauer genau, wann er lachen muss und was er von der momentanen Situation und ihren Figuren zu halten hat. In Life During Wartime wird dagegen immer wieder ein Gefühl der Verstörung erzeugt, weil eine Szene eben nicht eindeutig traurig oder komisch ist. Wenn es dabei auch noch um ein Tabuthema wie Pädophilie geht, das der Film ohne Berührungsängste und moralischen Zeigefinger behandelt – der pädophile Vater zählt noch zu den sympathischeren Figuren des Films – ist die Verstörung vollkommen.

Life During Wartime brilliert vor allem in einzelnen Szenen. Häufig sind die Situationen an sich schon absurd. Bei einem Gespräch in der Küche berichtet Trish ihrem elfjährigen Sohn Timmy von ihrer leichten sexuellen Erregbarkeit, später gibt es eine nicht minder seltsame Gegenüberstellung zwischen dem pädophilen Vater und seinem älteren Sohn. So pointiert Solondz diese, oft in sich geschlossenen Szenen inszeniert, so unbefriedigend ist die Gesamtkonzeption des Films.

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Life During Wartime geht ein wenig rezeptartig mit dem Schicksal seiner Figuren um. Entweder sie finden scheinbar ihr Glück und werden dann doch unglücklich oder sie sind es ohnehin schon von Anfang an. Dass besonderes Letzteres für einen Film wenig hergibt, zeigt sich exemplarisch an der Figur der Joy. Sie steht mit ihrem mangelndem Selbstwertgefühl und ihrer weinerlichen Stimme für eine Kategorie an Figuren, auf die Solondz immer wieder gerne zurückgreift und der man eher Aggressionen als Mitleid entgegenbringt. Joy ist aber auch wie Aviva in Palindrome erzählerisch ohne jegliche Entwicklung. Bei jedem Auftritt – ob sie nun mit ihren verstorbenen Exfreunden kommuniziert oder von ihrer Schwester Helen niedergemacht wird – manifestiert sich ihre Opferrolle nur aufs Neue.
Es ist schwer verständlich, warum Solondz dieser Figur fast soviel Platz einräumt wie der weitaus komplexeren Trish, die wenigstens für kurze Zeit glaubt, ihr Glück gefunden zu haben. Letztlich bereichert Joys Erzählstrang den Film weniger, als er ihn in seiner Dynamik lähmt.

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