Joschka und Herr Fischer

140 Minuten darf Joschka Fischer in diesem Dokumentarfilm von Pepe Danquart über sich selbst reden. Das bereitet ihm offensichtlich großes Vergnügen, aber der Zuschauer kommt auch nicht zu kurz.

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Man fragt sich am Anfang: Warum steht der jetzt in diesem bunkerartigen Gebäude? Ist das ein Symbol für irgendetwas? Für den Herrn Minister a.D., der sich in seinem Selbstbild einmauert, umgeben von auf transparente Leinwände geworfenen Filmaufnahmen aus sechs Jahrzehnten? Und dann der Titel. Joschka und Herr Fischer, wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Geht es da um die dunkle Seite eines Politikers?

Nein, geht es nicht. Pepe Danquart (Am Limit, 2007) hat ein in jeder Hinsicht affirmatives Porträt über Joschka Fischer gedreht, der im Wesentlichen ungehindert erzählen kann (und das kann er bekanntlich gut), wie er wurde, was er ist. Der Dokumentarfilm ist formal dabei erstaunlich schlicht: Er fängt in der Kindheit an und hört im Heute auf, ganz simpel chronologisch. Zwischengeschnitten sind so genannte Side Stories, Aussagen von Zeitzeugen wie Katharina Thalbach, der Band Fehlfarben („Es geht voran“), dem Haschrebellen Knofo Kröcher oder dem alten Freund Daniel Cohn-Bendit, den Danquart für das Interview in einen Schauplatz von damals, eine Frankfurter Kneipe, gesetzt hat. Der Film lässt sich Zeit. Nach mehr als einer Stunde ist er gerade einmal beim Mord an Arbeitgeberpräsident Schleyer angekommen, also im Jahr 1977. Da waren die Grünen noch nicht einmal gegründet.

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Dennoch werden die 140 Minuten (fast) nie langweilig, sondern funktionieren recht gut als unterhaltsame Zeitreise. Es fängt an in der miefigen Adenauerzeit, wird bald überblendet mit den ersten Rock-’n’-Roll-Klängen und dem Club Voltaire in Frankfurt. Dazu die Arbeit bei Opel und der gescheiterte Versuch, die Arbeiter zu bekehren, und die Vorlesungen bei Adorno, ohne Abitur.

In der Biografie Fischers klingt vieles an, was die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ausgemacht hat, möglicherweise ist er ein wirklich exemplarischer Charakter der alten Bundesrepublik: die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs (Fischer stammt aus einer Vertriebenenfamilie), die kulturelle Öffnung in der Studentenrevolte und alles, was dies nach sich zog, letztlich auch sein Werdegang als Autodidakt: Dass ehemalige Lederjackenträger Minister werden, das gab es früher nicht.

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Ungefähr zur Schleyer-Zeit zog Fischer sich vorerst aus der politischen Aktion zurück und wurde Taxifahrer. „Im Taxi bin ich Realo geworden“, sagt er dazu, und in dem Satz schwingen die, wie er es nennt „emotionalen Bindungsschwierigkeiten“ mit, die ihn im Verhältnis zu den Grünen plagen. Das Wort vom „Durchgeprügelt werden“ benutzt Fischer sowohl für Erfahrungen mit der Polizei in der Frankfurter Straßenkämpfer-Zeit als auch dann, wenn er über die häufigen Streits mit seiner Partei berichtet, die nicht so wollte, wie Fischer will. Selbst in so ikonischen Momenten wie der Vereidigung als Umweltminister in Hessen 1985: Er hätte zu diesem Termin lieber andere Schuhe angezogen, erzählt er, aber es sollten unbedingt die symbolischen Turnschuhe sein.

Das Archivmaterial aus der Zeit in der hessischen Regierung zeigt einen ziemlich ratlos dreinblickenden jungen Mann, der noch nicht recht weiß, wie man so ein Amt führt. Man sieht Bürgerproteste gegen Startbahnen und Atomkraftwerke und muss zweimal hinsehen, um sicher zu sein, dass das keine Bilder aus der Tagesschau von gestern sind, zum Atomausstieg oder zu Stuttgart 21.

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Fischer erzählt mit einiger Selbstironie („Meine Mutter hat mich, glaube ich, nie gewählt“), nie aber mit Selbstkritik. Das funktioniert zum einen, weil er ein guter Redner ist, und zum anderen, weil Danquart ihm keine einzige kritische Frage stellt. Joschka und Herr Fischer ist kein investigatives Porträt, sondern eine kurzweilige Geschichtsstunde – eigentlich eher etwas mehr als zwei Geschichtsstunden – die das Lebensgefühl einer vergangenen Zeit einfangen. Danquart gelingt das durch eine sehr geschickte Montage, die die Archivaufnahmen, die Äußerungen Fischers und die der Nebenpersonen in einen Dialog bringt. Die etwas dröge, streng chronologische Grundstruktur fällt auf diese Weise nicht negativ auf.

Der Filmemacher und sein Objekt liegen, was ihre Geburtsjahre angeht, nur wenig auseinander, und beide sind von ihrer Zeit in der Sponti-Bewegung geprägt. Diese Nähe ist sowohl Stärke als auch Manko des Films. Man ist als Zuschauer, um ein berühmtes Fischer-Wort zum Irak-Krieg zu verwenden, „not convinced“, aber gerne zugesehen und zugehört hat man dem ehemaligen Außenminister doch.

Trailer zu „Joschka und Herr Fischer“


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Kommentare


Dr. Boris Hartmann

"Man fragt sich am Anfang: Warum steht der jetzt in diesem bunkerartigen Gebäude?" Ist das wirklich die Frage, die sich hier stellt? Fragt man sich nicht eher: Weshalb dieser Film? Was hat Fischer eigentlich geleistet, dass ihn die Linke (immer noch) hofiert, wie die Klassenstreberin das Lehrpersonal? Fischer ist der erste Außenminister seit 1945, der deutsche Soldaten außerhalb des Territoriums der BRD einsetzte, was bis heute zu spüren ist und mittlerweile über 60 tote Soldaten einforderte. Noch im Jahr 1988 hat Fischer geäußert, man solle aufhören, die Deutschen über die Möglichkeit einer Wiedervereinigung zu belügen. Sein politischer Werdegang ist in Form von Posten- und Günstlingswirtschaft durch das "System Fischer" gekennzeichnet, das an das "System Kohl" erinnert. Und nicht zuletzt hat Fischer im Jahr 2000 mit der Visa-Affäre seinen eigenen politischen Skandal zu verantworten gehabt. Das alles fehlt bei Danquart und auch bei Thorsten Funke. Schade eigentlich, da eine kritische Reflexion von Fischer sicher auch den Grün-Sympathisanten eher gefallen hätte, als dieses zeitgenössische Nabelpiercing. Vor dem Hintergrund, dass Fischer selbst einmal die Medien als Nutten bezeichnet hat, ist davon auszugehen, dass eine kritische Herangehensweise an seine Person, trotz der Narzissmen, für ihn die größere Herausforderung gewesen wäre.


Bernd Schneider

Beachtlich, wie es Pepe Danquart fertig gebracht hat, unter Mitwirkung einer so brillianten Persönlichkeit und bei so einem guten Drehbuch und mit so einer guten Idee so einen miserablen Film zu drehen. Ich kam mir vor wie im Feierabendverkehr in der Vorweihnachtszeit, wo ich vor lauter Blitzen und Flimmern den Heimweg nur mit Mühe finde. Zum Filmemachen gehört auch eine gute Kameraführung und Beleuchtung, und da sind Verfremdungseffekte, Schnitte im Sekundentakt, Überblendeffekte und dergelichen nicht gerade geeignet. Warum wird beispielsweise auf Fischers Gesicht ein Schwarz-Weiss-Film projiziert? Das ist nach meinem Verständnis kein eigener Stil, sondern eine Furzidee. Dabei gibt der Film eine wichtige Epoche auch meines Lebens wieder, leider auf nervige Weise. Schade!






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