Jack Reacher

Jack Reacher huldigt dem Konservatismus der Superheldenfigur nach allen Regeln der Kunst. Sehenswert ist er aber allemal, wenn man ihn am Ende falsch verstanden hat.

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Für Autoren und Regisseure von Superhelden-Filmen scheint es seit einigen Jahren kein größeres Vergnügen zu geben, als ihre Heldenfiguren zu Charakterrollen auszuwalzen. Ein bisschen Kindheitstrauma für James Bond und ein bisschen Muskelschwund für Batman, und schon schleust sich der kinematografische Blick in die Psyche seiner Teufelskerle ein, um dort mit einer Dramaturgie verblüffender Aha-Effekte feststellen zu dürfen, dass diese Helden doch gar nicht so perfekt sind wie einst angenommen. Christopher McQuarrie (The Way of the Gun, 2000) hat seine Stunden in dieser Charakter-Bastelstube jedenfalls geschwänzt, was grundsätzlich nichts Schlechtes verheißen müsste.

Jack Reacher (Tom Cruise) war, basierend auf den Romanvorlagen des britischen Thrillerautors Lee Child, einst ein Militärpolizist, der nicht nur sämtliche, mittlerweile wohl schon überholte Männlichkeitsideale herunterbetet, sondern auch nach seiner Entlassung aus dem Dienst noch den einen überrationalen Gerechtigkeitssinn zu verteidigen versteht. Jack Reacher ist der erste Versuch, diese Heldenfigur in den heiligen Hallen des Actionkinos zu beheimaten. Ein Versuch deshalb, weil Jack rein gar nichts Neues anzubieten hat, was es lohnen würde, ihm im Kino die Ehre zu erweisen. Jack ist ein wenig Bond, ein wenig Ethan Hunt (Mission: Impossible, 1996), ein wenig Jason Bourne (Die Bourne Identität) und ein wenig Frank Martin (Transporter, 2002). Aus all diesen halbgaren Zutaten entsteht in Jack Reacher aber nichts Ganzes.

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In einer Kleinstadt in Indiana werden wahllos fünf Menschen erschossen. Jack genügt jedoch ein beiläufiger Blick auf irgendein Aktendokument, um zu wissen, dass es sich bei diesem Attentat ganz und gar nicht um Zufall handelt. Und wie es die altbackene Action-Logik einfordert, widerspricht diese Erkenntnis nicht nur der groben Fehleinschätzung eines dilettantischen Polizeiapparats, mehr noch, sie verursacht einmal mehr den Parallelkonflikt des Helden mit den eigentlichen Ordnungshütern, die natürlich keine unwesentliche Rolle im ermüdenden Verschwörungsgeflecht der Filmhandlung spielen. Gemeinsam mit der Strafverteidigerin Helen Rodin (Rosamund Pike) und dem Kriegsveteranen Cash (Robert Duvall) sorgt Reacher, traditionell als Nietzsches „Übermensch“ konzipiert und dabei tragisch fehlinterpretiert, für Recht und Ordnung innerhalb einer Welt der professionellen Missverständnisse. Jack ist ein Totaltalent, wie man ihn omnipotenter nicht erleben könnte. Er hat exzellente Kampfskills, ist hochintelligent, sieht nebenbei noch umwerfend gut aus und lässt nur in angemessenen Situationen ein wenig scharfsinnig erlesenen Quotenhumor über seine in Ernsthaftigkeit erstarrte Fassade gleiten. Mit anderen Worten, die Konzeption der Figur steht in einer ausgesprochen konservativen Genretradition, und der Konservatismus, der in Jack Reacher abgefeiert wird, artikuliert sich zusätzlich in einer moralisierenden Dramaturgie nach dem Schema Aktion-Legitimation-Reaktion.

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Wenn Reacher eine Gruppe jugendlicher Männer verprügelt, dann nicht, ohne sie vorher darauf hinzuweisen, dass sie diesen selbstverschuldet provozierten Kampf verlieren werden, und auch nicht, ohne ihnen wiederholt scheinheilig die Option einer vorzeitigen Flucht anzubieten. Es scheint, als wolle er sich auch noch aus der letzten Zuschauerreihe die Rückversicherung abholen, dass es sich hier lediglich um einen ethisch legitimen Verteidigungsakt handelt, an dem er nun wirklich ganz und gar keinen Gefallen finden kann. Unantastbar bleibt dieses furchtlose Draufgängertum sowohl vor der Justiz als auch vor der Moral. Unnahbar ist der Männerkult, den Cruise so beinhart zelebriert, sodass sich die Erotik zwischen ihm und Helen immer nur als Möglichkeit artikuliert, damit ja keine Intimität den Nimbus der Retterfigur ankratzt. Deren ikonischer Charakter tritt umso stärker hervor, als der eigentliche Drahtzieher der kriminellen Machenschaften – aberwitzig gespielt von Werner Herzog, der seine fiesen Killersätze in grotesk bayerisch gefärbtem Englisch dahersäuselt – einen sowjetischen Hintergrund hat. Nun ist das Actionpublikum vertraut mit diesen Marotten, was es allerdings noch nicht in dieser Penetranz erleben musste, ist die abgeschmackte Kasperledidaktik, die der Leinwandheld zur kollektiven Rezitation ins Publikum krächzt. „Habt ihr gesehen, was passiert ist? Ich werde mich nun für das meine und der anderen Wohl zur Wehr setzen! Ich wiederhole: Ich verteidige Recht und Ordnung, wie ihr es euch wünscht, das werdet ihr doch verstehen?“

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Als sehenswert verteidigen lässt sich Jack Reacher am Ende daher genau dann, wenn man ihn – versehentlich oder absichtlich – querliest. Dann bekommt der Film mit einem Mal eine unheimlich ironische Qualität, insofern als er in seiner lehrmeisterlichen Aufdringlichkeit das Konzept der Sektenpädagogik meisterhaft persifliert.

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Kommentare


egal

Wow mal wieder ein "einer gegen alle Film"gab es ja noch nie!!!Ich passe!






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