Iron Sky

Mondnazis greifen die Erde an! Die finnische Space-Satire Iron Sky ließ schon während der Entstehung Trashfilmfanherzen höher schlagen. Kann der fertige Film da noch mithalten?

Iron Sky 1

Was für eine Geschichte. Mitte der 1990er Jahre beginnt eine Gruppe junger Film-Nerds irgendwo in Finnland an einer Star Wars-Parodie zu werkeln. Die Mutter des einen stellt einen Raum in ihrem Haus zur Verfügung, gedreht wird dort vor einem behelfsmäßigen Greenscreen mit der Videokamera. Die Sternenkampf-Effekte entstehen später am Computer in der Küche des Visual-Effects-Bastlers Samuli Torssonen. Samuli und sein Mitstreiter Timo Vuorensola lassen bereits während der Dreharbeiten eine wachsende Internet-Gemeinde an ihrem Projekt teilhaben, es kommentieren und mit eigenen Ideen beeinflussen. Als das Team 2005 das fertige Werk Star Wreck: In the Pirkinning ins Netz stellt, erreicht es Millionen Zuschauer.

Ein Jahr darauf sitzt Regisseur Timo Vuorensola mit einem Freund in der Sauna und spinnt an einer neuen Geschichte: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Nazis mit Raumschiffen auf die dunkle Seite des Mondes geflohen und haben sich dort niedergelassen. Im Jahr 2018 machen sie sich auf, die Erde zu erobern. Es könnte einen Meteoriten-Blitzkrieg und ein Nazi-Raumschiff namens „Götterdämmerung“ geben. Udo Kier müsste mitspielen – und die slowenische Industrial-Band Laibach, die gern in Uniform auftritt, die Musik dazu schreiben. Welch Trash! Sechs Jahre später feiert Iron Sky auf der Berlinale 2012 seine Weltpremiere. Aus der Schnapsidee ist eine 7,5-Millionen Euro-Produktion geworden. Ein Zehntel davon steuerte die Internet-Community bei, die auch diesmal wieder in die Entstehung des Films eingebunden war. Als Independent-Produktion erreichte Iron Sky schon vor dem Kinostart mehr Aufmerksamkeit als mancher Blockbuster.

Iron Sky 2

Was für ein Erfolg. Iron Sky hat seinen festen Platz in Seminaren zum Thema virales Marketing, Crowdsourcing und Crowdfinancing sicher. Hier hat ein zukünftiges Publikum tatkräftig mitgeholfen, den Film bekannt zu machen, zu gestalten und zu finanzieren. Iron Sky zeigt nicht nur einmal mehr, dass sich Nazis in der Popkultur bestens verkaufen. Er ist gleichzeitig ein Produkt des Medienwandels, der Digitalisierung, der Möglichkeiten von Social Media. Vielleicht hat auch diese Modernität einige der traditionellen Filmförderungen überzeugt, ein Projekt zu unterstützen, das zunächst nach sehr alberner Naziploitation klingt. Vermutlich hat außerdem Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009) späteren Geschichtsfantasien den Weg geebnet, die keinen historischen Plot aus der Zeit des „Dritten Reichs“ erzählen wollen, sondern einen utopischen oder, wie hier, einen dystopischen. Zunächst einmal Hut ab vor dem Durchhaltevermögen von Regisseur Timo Vuorensola und den anderen Beteiligten an Iron Sky, die aus der Prämisse „Nazis im Weltall“ ein professionell aufgemachtes Space-Spektakel gemacht haben. Aber – ist der Film lustig?

Iron Sky 3

Es geht. „Mondnazis“, das ist so eine schön griffige Science-Fiction-Schöpfung, die sofort Assoziationen auslöst, wie gemacht für einen Grindhouse-Trailer. Aber im Langformat kann ihr schnell die Luft ausgehen. Iron Sky bietet perfekt 3D-animierte Weltraum-Schießereien, ein liebevolles Design mit hakenkreuzförmiger Mondbasis, Reichsflugscheiben und Nazi-Raumanzügen. Die Technik ist up to date, doch die Story merkwürdig retro und der Humor überraschend zahm. So wie die Nazis im Film als einfache Comic-Charaktere auftreten, die mit der NS-Vergangenheit nur noch lose über Hitlergruß, Steampunk-Fascho-Design und Weltherrschafts-Profilneurose verbunden sind, erscheinen die USA als eigentlicher Erzbösewicht – in Gestalt einer an Sarah Palin angelehnten, machtgeilen Präsidentin und ihrer PR-Beraterin, die im Dienste der Wiederwahl einen Weltkrieg gutheißt. In Zeiten von Obama wirkt dieses Duo etwas überholt.

Iron Sky 4

Um wirklich bissig zu sein, fehlt Iron Sky die Anbindung an die Gegenwart – oder an die tatsächliche NS-Geschichte, wie etwa bei der Rachefabel von Inglourious Basterds. Vielleicht fehlt auch schlicht die subversive Boshaftigkeit. Dafür ist der Film voll von Anspielungen, Filmzitaten und teils besetzt mit Schauspielern, die selbst filmgeschichtliche Zitate sind, wie der lebenslang als Obernazi besetzte Udo Kier in der Rolle des alternden Mondführers Wolfgang Kortzfleisch, dem die Autorität abhanden gekommen ist. Oder Götz Otto – in Der Untergang (2004) noch zu sehen als Hitlers Adjutant und hier als Nachrichtenübermittlungsoberführer Klaus Adler, der die Ambition hat, selbst Mondführer zu werden. Das ist natürlich schon lustig, doch eher ein Humor der Wiedererkennungseffekte und der harmlosen Späße („Heil Kortzfleisch!“). Mutmaßlich hat die finnisch-deutsch-australische Koproduktion im Laufe ihrer langen Entstehungsgeschichte auch einfach viel vom anarchischen Quatsch der Ausgangsidee verloren. Iron Sky wirkt nun wie zu Tode professionalisiert – mit Witzen, auf die sich alle einigen konnten, und einem ästhetischen Appeal möglichst für die ganze Galaxis. Das mag toll fürs Box Office sein, aber nicht für die Trashfilmfreunde: Milchstraßen-Mainstream. 

Trailer zu „Iron Sky“


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Kommentare


Chris

Mich wundert es immer wieder aufs Neue, dass Kritiker von einem Trash-Film irgendeine Art von Tiefgang oder so etwas wie "subversive Boshaftigkeit" erwarten.

Ich erwarte einfach sinnlose Unterhaltung. Die habe ich im Fall von Iron Sky eindeutig bekommen. Und dem Lautstärkepegel im ausverkauften Kino nach zu urteilen, die anderen Zuschauer auch.

Der Film erhält meine uneingeschränkte Empfehlung!


Frédéric

Mit einem einzigen Label wird man Iron Sky glaube ich aber auch nicht gerecht. Also ich würde nicht unter dem Mäntelchen von Trash alles einfach hinnehmen. Von Tiefgang schreibt Sonja übrigens nichts. Mehr Biss hätte ich mir durchaus erwartet. Ein wenig Verständnis für die leider nicht mehr zeitgemäße politische Satire habe ich, denn immerhin traut sich der Film da sehr konkret zu sein, was andere Produktionen oft vermeiden, um niemandem zu nahe zu treten. Aber klar: vor drei-vier Jahren hätte das sicher eine andere Wirkung gehabt.


Akira

Ich habe mir das Werk gestern im Kino angesehen und muß sagen das ich dort schon wesenlich schlimmeres gesehen habe, aber so wie ich das verstanden habe ist das ein eher demokratischer Film wo die Masse entschieden hat.
Zumindest war mehr Handlung drin als z.B. in Battlefield L.A.
Also weiter so und unbdingt mehr davon!






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