Das Märchen der Märchen

Riesige Kreaturen und Menschen, die irgendwie keine sind. Inmitten radikaler Künstlichkeit wird die Sorge um das Echte laut.

The Tale of Tales 1

Alles ist ein wenig aus den üblichen Proportionen geglitten: ein schlaksiger alter Mann mit überlangen Beinen, der jene Königin (Salma Hayek) bei Weitem überragt, der er die Zukunft prophezeit, ein gedrungener, infantiler Herrscher, der in seinem Thron aussieht wie ein Kleinkind im Babyhochstuhl, und vor allem ein Floh von der Größe einer Galapagos-Schildkröte. Nicht selten – besonders natürlich in den Szenen mit dem Riesenfloh – denkt man an Kafka, an Menschen, die irgendwie keine mehr sind. Diese nämlich, die Königinnen und Könige, die Prinzessinnen und Prinzen, die Waschweiber, die Gaukler, alle sind sie in einer wesentlichen Hinsicht animalisch kreatürlich; überall schlummert das Potenzial der Verwandlung, der Tierwerdung. Der Körper wird austauschbar, er folgt keiner Logik der Größenordnung, keiner Logik des Alterns, keiner der Bodenhaftung. Dass der Körper ein derart unverbindliches Gerüst ist, dass man sich auf seine Erscheinung nicht verlassen kann, ist sowohl das Gesetz als auch das Problem jener Welt von Märchen der Märchen (Tale of Tales), die sich aus drei Königreichen zusammensetzt, die wiederum nur ganz wenig miteinander zu tun haben, allesamt viel zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt sind, als dass sie etwa gegeneinander Krieg führen müssten.

Drei Fragen, eine Antwort

Tale of Tales 7

Matteo Garrone, der sich mit Das Märchen der Märchen vage entlang der Erzählungen eines der frühesten europäischen Märchenerzähler, Giambattista Basile, ausprobiert, stellt damit im Grunde den Titel seines Films infrage: Um welche Erzählung der Erzählungen handelt es sich nun, wenn es doch am Ende drei Geschichten sind, die weitgehend unabhängig voneinander bestehen, zugespitzt auf Königreiche, die noch nicht einmal wirklich nebeneinander liegen, und die ohnehin fast ausschließlich auf die jeweiligen Burgen und Schlösser reduziert sind? Es geht natürlich, das überrascht gewiss nicht für Märchen, um das Ganze, das Allgemeine im Einzelnen, um die Moral von der Geschicht’, um den Schlüssel, der die drei Erzählungen zusammenschließt. So gesehen, und das steht in krassem Gegensatz zu dem ausladenden Dekor, den seltsamen Fantasie- und Fabelwesen, die die Welten bewohnen und heimsuchen, der häufig hastigen Kamera, die ihren Protagonisten durch labyrinthische Gefilde hinterher- und voranjagt, der ständig im Anschwellen begriffenen Musik, ist Das Märchen der Märchen ein letztlich hoch systematisches Gebilde, eines, das dreimal dieselbe Frage stellt und in letzter Konsequenz vielleicht sogar dreimal dieselbe Antwort erhält.

Das Unreine der reinen Wünsche

Tale of Tales 6

Die Königin und die beiden Könige sind allesamt Betrogene: Sie wird einen Sohn gebären – befruchtet durch den Verzehr des Herzens eines Flussmonsters –, den sie selbst nicht erkennen wird und der am Ende auch auf tragische Weise seine Mutter nicht erkennen wird. Der King of Strongcliff (Vincent Cassel) wird um sein eigenes Begehren betrogen, wenn er wollüstig den zarten, jugendlichen Finger einer alten Hexe liebkost, mit der er später in absoluter Dunkelheit Sex haben wird. Und der King of Highhills (Toby Jones) wird seine geliebte Tochter an denjenigen verschenken, der an der aufgespannten Lederhaut des Riesenflohs das Tier errät. Er kann selbstverständlich nicht damit rechnen, dass ein grobschlächtiger Bergriese, selbst jenseits normaler Proportionen, in diesem Spiel problemlos siegen wird. An den Körpern und an dessen Erscheinungsweisen offenbart sich stets das Unreine an den reinen Wünschen, jenen nach dem eignen Sohn, dem starken, mutigen Ehemann, der bildschönen Bettgenossin. Solange das Kreatürliche im Menschen nistet, solange Hexerei und Verwandlung verheißungsvoll erscheinen, wird jeder Trieb, jeder Wunsch und jedes Begehren ins Brutale umgeleitet.

Künstliche Kunstfeindlichkeit

Tale of Tales 3

Trotz aller exzessiven Künstlichkeit, trotz der scheinbar grenzenlosen Fantasterei ist dieser Film, sind die Erzählungen, deren er sich annimmt, im Herzen kunstfeindlich. Feindlich gegenüber künstlicher Befruchtung, gegenüber künstlicher Schönheit, gegenüber künstlicher Tierzucht. Es ist mit Sicherheit nicht angebracht, hier dem Kurzschluss, das alles sei ein mahnender, vielleicht altbackener Fingerzeig, der in Richtung unserer Gegenwart klagt, zu erliegen, dafür gefällt sich Märchen der Märchen (gottseidank) zu sehr in seiner mystischen Geschlossenheit, eben in seiner Künstlichkeit. Tatsache aber ist, dass er von einer tiefen Sehnsucht (das mag für das Märchen oft, vielleicht sogar im Allgemeinen gelten) nach sicheren Ordnungen beseelt ist, der Ordnung der Körper und der Proportionen. Märchen der Märchen (hier ließe sich fragen, inwiefern sich diese antike Idee auf unser Heute beziehen lässt) sucht nach und hofft auf das Gleichgewicht, auf Konsistenz, auf Unveränderlichkeit. Nicht umsonst staunen alle, ja, eine Art Befreiung scheint sich auf den Gesichtern breitzumachen, wenn am Ende ein Drahtseilkünstler über einen brennenden Strick balanciert: Er ist ganz bei sich, ganz bei seinem Körper – das ist seine Kunst.

Trailer zu „Das Märchen der Märchen“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.