Hitchcock

Der Dicke und die Frauen: Zwei aktuelle Filme wollen den Mythos Hitchcock dekonstruieren und dekonstruieren letztlich einander.

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Die Vergangenheit ist halb faktisch, halb virtuell. Sie ist eine Mischung einerseits aus allem wirklich Durchlebtem – dem Teil, der rechtmäßig vergangen ist – und andererseits den Möglichkeitsräumen, die in jeder Gegenwart als Träume, Ängste und Begierden den Horizont unserer Entscheidungen formen. Letztere, die Vagheiten der nicht-realisierten, der virtuellen Wirklichkeiten, können nie als ganz vergangen, ganz abgeschlossen bezeichnet werden. Sie haben sich ja niemals ereignet. Und dank ihnen bleiben auch Tote geheimnisvoll, kann man in den vergangenen Gegenwarten herumstöbern, als stünden alle Entscheidungen erst noch bevor.

Das Biopic interessiert sich naturgemäß für diesen virtuellen Teil der Vergangenheit. Gerade bei großen Persönlichkeiten, deren Werke und Taten sie bekannt machten, sind es die dunklen, die potenziell widersprüchlichen Facetten ihres Charakters – kurzum: ihre alternativen Versionen –, die uns anziehen. Deswegen stellt das Biopic seine Protagonisten gerne vor Schwellen im Leben, platziert sie in seelischen Konflikten, in Situationen also, in denen mögliche Zukünfte an ihre Gegenwart pochen, die mit unserer dokumentierten Vergangenheit nichts zu tun zu haben scheinen.

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Anhand zweier nahezu zeitgleich produzierter und veröffentlichter Filme kann man ganz wunderbar beobachten, wie unerschöpflich dieses Reservoir der Möglichkeitsgeschichte ist. Zweimal geht es da im Modus der Fiktion um Alfred Hitchcock, die Grundlage bilden zwei verschiedene Sachbücher, und behandelt werden zwei aufeinanderfolgende Episoden im Schaffen des „Master of Suspense“, sodass beide Filme ein schönes Double Feature bilden: Zuerst zeigt uns Hitchcock (Regie: Sacha Gervasi) den englischen Regisseur beim Dreh von Psycho (1960), dann widmet sich die HBO-Produktion The Girl den darauf folgenden Filmen Die Vögel (The Birds, 1963) und Marnie (1964). Beim Übergang vom einen zum anderen Film geht es von der Komödie zur Tragödie, vom Spleen zur Obsession, von der Dekonstruktion der Identität zu Dekonstruktion der Integrität. Und alles soll ein einziges Leben gewesen sein?

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Bei Hitchcock muss man selbstverständlich Vorsicht walten lassen: Der Name war schon zu seinen Lebzeiten eine Marke; hinter seiner emblematischen Silhouette versteckten sich mehrere Personen, eine fürs Fernsehen, eine fürs Kino, eine private, viele öffentliche, je nach Anlass. Durch dutzende Cameo-Auftritte in den eigenen Filmen hat der dicke Starregisseur stets mit der Beziehung von Unverkennbarkeit und Vervielfältigung gespielt. „Hitchcock“ war selbst schon eine Inszenierung; mit seinem trockenen Witz, über den alle lachten, nur nicht er, der englischen Gentlemen-Attitüde, die sich so trefflich an den blutrünstigen Geschichten seiner Filme rieb, mit seiner stoischen Miene, den halb verwundert, halb empört aufgerissenen Augen, der nasalen Stimmlage. Jetzt haben Anthony Hopkins (Hitchcock) respektive Toby Jones (The Girl) sichtlich Spaß daran, diese Selbstinszenierung schauspielerisch zu doppeln. Aber während sich bei Hopkins die öffentliche Person fast bruchlos bis ins Private zieht, scheint sie bei Jones nur Deckschicht über einer gequälten, brutalen Seele zu sein.

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Und natürlich sind es die Frauen, die an der jeweiligen charakterlichen Dekonstruktionsarbeit der Filme maßgeblich beteiligt sind. Es ist ja kein Geheimnis, dass Mr. Hitchcock ein, sagen wir, außergewöhnliches Verhältnis zum anderen Geschlecht unterhielt, dass er seine meist blonden Hauptdarstellerinnen (gerne „Hitchcock Blondes“ genannt) zugleich wie Göttinnen verehren und aufs Übelste drangsalieren konnte, dass er wohl jahrzehntelang keinen Sexualverkehr hatte. Spätestens seit Kenneth Angers Klatschepos Hollywood Babylon und einer dort nachzulesenden Geschichte, bei der es um Hitchcock, Grace Kelly, deren Schlafzimmer und ein Fernglas geht, weiß man um das etwas eigene Sexualleben des Regisseurs.

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Daher ist The Girl, der sich auf die perverse Beziehung zwischen Hitchcock und der damals vollkommen unbekannten Tippi Hedren (Sienna Miller) konzentriert, erst einmal nicht weiter überraschend. In sich zunehmend verdunkelnden Bildern folgt Regisseur Jarrold dem Crashkurs einer Obsession, in der sich die Impotenz eines körperlich abstoßenden Mannes in den symbolischen wie realen Verstümmelungen einer schönen Frau ergeht: Er lässt Vögel ihr Gesicht zerkratzen, lässt sie vor der Kamera vergewaltigen, zerstört ihre spätere Karriere, indem er ihr jahrelang Gage dafür zahlt, dass sie nicht mit anderen Regisseuren dreht. Am Ende, so wird uns vermittelt, ist Hitchcock selbst zerstört: Er wird nie wieder einen erwähnenswerten Film drehen, er hat sich in seiner Obsession verloren. Der große Mann des modernen Kinos, er wird ganz klein und widerlich gemacht, sein Werk diskreditiert von der ans Pathologische kratzenden Sexualität. The Girl feiert den späten Triumph der dunklen über die helle Geschichte, was Umstand war, wird hier zentral, und das Zentrale, die Filme also, nebensächlich.

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Dabei sah kurz zuvor, am Ende von Hitchcock, doch alles noch so rosig aus: Mit Psycho, einem zu großen Teilen selbstfinanzierten Mid-Budget-Streifen, hatte der Regisseur alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen. Hollywood und den ansässigen Zensoren schien der Streifen, bei dem die Hauptdarstellerin schon nach einer guten halben Stunde von einem Psychopathen im Nachtgewand der Mutter hingerichtet wird, zu extrem. Einfach waren die Dreharbeiten nicht, auch wenn die „Blonde“ Janet Leigh (Scarlett Johansson) Hitch nicht so nahe an den Abgrund lockte wie ihre Nachfolgerin Hedren. Aber es gibt noch eine andere Frau in seinem Leben, und die steht hier im Vordergrund.

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Alma Reville (Hellen Mirren), seine Lebens- und Arbeitspartnerin seit den Tagen des Stummfilms, ist in Hitchcock weit mehr als die „Frau an seiner Seite“; und sie ist, anders als die von Imelda Stanton in The Girl sehr hausfräulich und verbittert gespielte Version, auch nicht der unscheinbare, asexuelle Grund für Hitchcocks unstillbare Lust auf junge blonde Damen. Alma hat hier ihre eignen Begierden, und auch sie leidet unter der sexuellen Unfähigkeit ihres genialen Ehemannes. Der Hitchcock im Titel dieses Films ist Chiffre für eine öffentliche und eine private, eine männliche und eine weibliche, eine eingestandene und eine uneingestandene Seite, kurzum eine Signatur, für die zwei Menschen verantwortlich zeichnen. Ohne Alma kein Alfred, und vor allem kein Hitchcock: Er hätte ohne sie nie einen Film fertig bekommen, so erzählt man uns.

Diese kleine Emanzipationsgeschichte im großen Schatten des Meisters wird von Sacha Gervasi wesentlich leichtfüßiger inszeniert als die sexuelle Wahnwelt in The Girl. Anthony Hopkins lässt seinen Hitchcock eine Rolle spielen, während Toby Jones den seinen eine Wirklichkeit überspielen lässt. Was einmal Neurosen sind, sind ein andermal Schrullen. Hitchcock interessiert sich auch wesentlich mehr für das Drumherum des Drehens, ist nicht sparsam mit Anekdoten und mit Verweisen auf die Geschichte des Kinos oder das Werk seiner Hauptfigur. Es ist ein Schauspielerfilm, getragen von den starken Performances Mirrens und Hopkins’.

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Was beide Biopics eint, ist, dass sie die behandelten Filme nicht als eigenständige Kunstwerke betrachten, sondern als veräußerlichte, verrätselte Symptomgefüge eines komplexen Charakters (oder deren zwei) darstellen. Die versteckte Möglichkeitsgeschichte des wirklichen Hitchcocks findet ihre reale Form in seinen Werken, jede Szene ist hier (den Psychoanalyse-Fan Hitchcock hätte das vielleicht gefreut) wie in der Freud’schen Traumarbeit Verschiebung und Umdeutung lebensweltlicher Situationen. Der voyeuristische Blick Norman Bates’ auf sein Opfer ist Hitchcocks Blick, wie er in die Umkleidekabine der Schauspielerinnen starrt; die Gewalt gegen die Frauen ist seine Gewalt, die sich unter dem Deckmantel der Setsituation entlädt; die ausgestopften Vögel in Bates Motel und die lebendigen der Bodega Bay sind Avatare seiner Perversionen. So stichhaltig diese Umdeutungen auch sein mögen, sie nehmen den Filmen selbst immer mehr weg, als sie der Figur Hitchcock andichten können.

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Am Ende haben wir zweierlei scheinbar klare Figurenporträts, die zusammengenommen ein neues Rätsel ergeben. Sie kranken je in sich an den altbekannten Problemen des Biopics, namentlich einer totalen Psychologisierung der faktischen Details, einer Funktionalisierung der ausgewählten Episoden zum Zwecke klarer Charakterzeichnung. Sie faszinieren sich für einen möglichen Hitchcock, einen anderen als den offiziellen, aber dann schreiben sie diese ihre Version wieder durch eine lückenlose Charakterisierung fest. Aber zugleich entlarven sie jeweils die konstruierte Klarheit des anderen. Nirgends ist diese Reibung besser ablesbar als am Ende von Hitchcock, wo wir einen Mann erleben, der fast alles verloren hätte und nun, gestählt vom Erfolg und versöhnt mit seiner Frau, einer scheinbar vielversprechenden Zukunft entgegenblickt. Hopkins spricht in die Kamera, er scherzt, dass er mal wieder gar keine Ideen für die neue Projekte habe, als ein Rabe auf seiner Schulter landet. Die Zukunft hat noch Meisterwerke in petto. Diese Freiheit, Zäsuren in den Lauf der Zeit einzuziehen und einen Moment im vollen Umfang seiner potenziellen Entscheidungen erscheinen zu lassen, ist eine Erinnerung an die mögliche Fortsetzung eines letztlich ganz anders verlaufenden Lebens. Denn wenn The Girl anfängt, sind alle Versprechen verflogen, und eine neue Möglichkeitsgeschichte fängt an. Die Filmgeschichte hat noch alternative Versionen in petto.

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Kommentare


Lulus Frauchen

Welch eine verschwurbelte Kritik! Da musste wohl jemand sein hoch-intellektuelles Denken zeigen. Ich (auch studiert) fand "Hitchcock" genau wie 70 andere Kinobesucher unterhaltsam und spannend, zumal "unser" Kino in Quickborn direkt im Anschluss den digital aufbereiteten "Psycho" zeigte, um den es geht. Dabei erkennt man, wie liebevoll kleine Details dargestellt werden und wie genau die Macher von "Hitchcock" hingesehen haben. Hopkins und Mirren in Hochform! Hingehen!


Jo Turat

Das ist nicht "verschwurbelt" - das ist sehr genau hingesehen.
Und auch wenn man nicht alles unterschreiben würde, was Nino Klingler schreibt:
er gibt sich sehr viel Mühe mit einem Film, der es eigentlich gar nicht wert ist.
Diese Sorte Biopic ist höchstens was für vierzehnjährige, die Hitchcock bis dahin für einen Müsliriegel gehalten haben! Hopkins war noch nie so schlecht - und Helen Mirren macht das beste aus einer miesen Rolle. Abgesehen davon, dass alle diese Biopics daran kranken, dass jeder Kinogänger über 30 doch die Originale (Monroe, Kennedy, Chaplin, Hitler - you name it, we´ve got it!) aus dem Originalfilmmaterial genau kennt und deshalb auch bei noch so begabten Hauptdarstellern keine Ähnlichkeit erkennen kann, abgesehen davon ist "Hitchcock" leider richtig lahmarschig (sorry für das harte Wort!) inszeniert und in der deutschen Synchro vollends unerträglich. Der einzige Sinn und Daseinszweck dieses Films liegt darin, dass er vielleicht ein paar Leute dazu bringt, sich Hitchcocks Filme anzuschauen - das lohnt sich, denn die sind immer noch überaus sehenswert.






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