Hereafter - Das Leben danach

Mit stolzen 80 Jahren dreht Clint Eastwood einen Film über das Sterben. Was nach einem sehr persönlichen Werk klingt, ist leider nur die ziemlich dröge Verfilmung eines unausgereiften Drehbuchs von Peter Morgan.

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Ist es ein Fluch oder ein Segen, wenn man als Regisseur nichts mehr zu beweisen hat? Clint Eastwoods zweiter Regie-Frühling hat ihm noch im Rentneralter einen überraschenden Oscar-Erfolg eingebracht, sein zweiteiliges Kriegsepos Flags of Our Fathers / Letters from Iwo Jima (2006) gehört zu den Hollywood-Höhepunkten des neuen Jahrtausends. Auch nach diesen Erfolgen erstaunte seine Woody-Allen-artige Produktivität, die Qualität der letzten Filme schwanke jedoch zunehmend. Dass Eastwood sein Handwerk wie kein Zweiter versteht, führt zwar einerseits dazu, dass selbst seine schwächeren Filme im Vergleich zu vielen anderen Hollywood-Produktionen noch gut wegkommen, andererseits scheint seine Neugier auf das Medium und dessen Möglichkeiten allmählich nachzulassen. Sie konzentriert sich zunehmend auf bestimmte Geschichten, die mit bewährten Mitteln und einem eingespielten Team verfilmt werden – und nicht immer gelingt es ihm, seine Faszination für einen Stoff erfahrbar zu machen. Invictus – Unbezwungen (Invictus 2009) war hierfür ein Paradebeispiel, und auch Hereafter hat filmisch recht wenig zu bieten.

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Das zentrale Motiv ist die Frage nach einem Leben nach dem Tod, und dieses Motiv vereint drei Episoden. Da wäre die französische Fernsehjournalistin Marie (Cécile de France), die während eines Indonesien-Urlaubs nur knapp dem Tod durch eine Tsunami-Welle entgeht. Die erlebte Nahtoderfahrung geht ihr nicht aus dem Kopf, und sie beginnt, ein Buch über das Thema zu schreiben. In San Francisco weiß George Lonegan (Matt Damon) längst, dass es ein solches Hereafter geben muss. Während sein Bruder Billy (Jay Mohr) Georges Fähigkeit, mit den Toten zu kommunizieren, gern zum einem erfolgreichen Unternehmen machen würde, verflucht George seine Begabung, weil er ihretwegen keine normale Beziehung zu einem anderen Menschen eingehen kann. Eine dritte Geschichte führt uns nach London. Dort leben die Zwillinge Jason und Marcus mit ihrer heroinabhängigen Mutter und tun alles, um nicht vom Jugendamt entdeckt und in eine Pflegefamilie gebracht zu werden. Als Jason von einem Auto überfahren wird, bricht für Marcus eine Welt zusammen. Verzweifelt sucht er nach einer Möglichkeit, mit seinem toten Bruder zu kommunizieren.

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Die episodische Struktur des Drehbuchs von Peter Morgan (The Queen, 2006) erinnert stark an die Bücher Guillermo Arriagas (Babel, 2006). Doch wo dieser seine ähnlich überkonstruierten Geschichten noch über ein zentrales Ereignis zusammenhielt, können die drei Schicksale in Hereafter tatsächlich nur von Geisterhand zusammengeführt werden – der Deus ex machina wird zum Konzept erhoben. Das mag nicht ganz unpassend sein bei einem Film, der sich mit dem Übernatürlichen beschäftigt, aber die Zufälligkeit der Ereignisse ist nicht das einzige Problem des Drehbuchs. Morgans Script ist, anders als seine auf Biografien beruhenden Arbeiten, erstaunlich dröge, die Dialoge überdeutlich und humorlos.

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Der Hintergrund für die Handlung ist das epische Panorama globaler Ereignisse. Der Film beginnt mit einer aufwändigen und visuell überwältigenden Darstellung einer Tsunami-Welle, die ein ganzes Urlaubsdorf mit sich reißt. Diese ersten Minuten sind zugleich die dramatischsten und haben nicht viel mit dem übrigen Film gemein. Dort irritiert die Abwesenheit jeglicher Dramatik innerhalb der drei Geschichten, war diese doch selbst in Eastwoods schwächeren Filmen stets spürbar. Die wenig inspirierte Inszenierung sowie die gehemmt wirkenden Darsteller können dem schon schwachen Drehbuch kaum entgegenwirken. Fast etwas gelangweilt beobachtet man die zwar spannend angelegten, aber wenig greifbaren Charaktere bei der Verarbeitung ihrer brutalen Schicksale, weil das dramatische Potenzial sich in der Frage erschöpft, ob George noch einmal seiner „Berufung“ nachgehen wird oder auf welche Weise die Figuren schließlich zusammenfinden. Morgan und Eastwood drängen den Zuschauer in eine passive Rolle und lassen keinen Platz für Andeutungen. Alles wird ausformuliert, und George erklärt gefühlte fünf Mal, dass er seine Fähigkeit nicht für eine Gabe, sondern für einen Fluch hält.

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Ob Gabe oder Fluch, Georges Konversationen mit den Toten sind das andere große Problem des Films. Denn obwohl Eastwood kein Shyamalan sein will, sondern das Augenmerk der Geschichte auf das Diesseits und die Beziehungen zwischen den einsamen Lebenden setzt, macht er schnell deutlich, dass George tatsächlich mit den Toten kommuniziert. Wenn dieser die Hände einer anderen Person berührt, befinden wir uns für kurze Zeit in einer milchigen Sphäre mit Silhouetten der Toten, kehren dann zurück zu George, der seine Verbindung aufgebaut hat und mit den Verstorbenen spricht. Der Film zeigt uns nicht, wie diese Kommunikation genau funktioniert, er will aber auch nicht uns die Entscheidung überlassen, ob wir an sie glauben wollen. Diese Unentschlossenheit begleitet den ganzen Film. Während Eastwood selbst erklärt, niemand könne wissen, ob es ein Hereafter gibt, findet sein Werk eine ziemlich eindeutige Antwort.

Sollte eine interessante Story der „New York Times“ stimmen, dann ist zumindest Autor Morgan bis zu einem gewissen Grad freizusprechen. Er soll sich überrascht gezeigt haben, als er erfuhr, dass Eastwood bereits mit den Dreharbeiten begonnen hatte, obwohl ihm nur eine erste grobe Fassung des Drehbuchs vorlag. Vielleicht ist die erstaunliche Produktivität des Altmeisters tatsächlich sein Problem. Eastwood ist ein Workaholic, der sich anscheinend nicht gern Zeit lässt bei der Auswahl seiner Stoffe. Hereafter jedenfalls wirkt in jeder Hinsicht unausgegoren. Er ist Eastwoods schwächster Film seit langer Zeit und lässt die Frage offen, ob man sich langsam von der Qualitätsgarantie verabschieden muss, die mit seinem Namen verbunden zu sein schien – oder ob das bereits angekündigte Projekt über das Leben des J. Edgar Hoover einen dritten Frühling einleiten kann.

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Kommentare


Gerry

Wieder einmal ein Meisterwerk von Clint Eastwood, geniale Schauspieler und zu Beginn des Films eine Tsunamisequenz wo man sich fragt: Wow, wie haben die das nur gemacht. Man wird auch als Agnostiker dazu angeregt sich zu fragen: Ist ein Leben nach dem Tod wirklich so absurd?


Matthias Schabert

Hereafter ist nichts für Konsumenten, welche nur kurzlebigen Nervenkitzel und sensationelle Action-Szenen erleben wollen. Er ist für Menschen geeignet, die über das Thema ernsthaft nachdenken und auf der Suche nach Antworten sind auf Fragen über das "danach", welches auf uns alle 100% tig zukommen wird. Man sollte sich rechtzeitig mit solchen Fragen beschäftigen solange dazu in unserem Leben Zeit und klarer Verstand gegeben sind. Beste Vorraussetzungen, aus diesem Film wesentlich mehr zu entnehmen zu können sind gute Bibelkenntnisse, welche auch geglaubt werden sollten, und das Buch gelesen zu haben von George Ritche: "Rückkehr von morgen" (engl. Originalausgabe "Return from tomorrow"). Darin kommt auch zu Genüge vor, daß die Toten die Lebenden um Vergebung bitten möchten, es jedoch aus der immateriellen Welt heraus dies nicht zu den Lebenden rüberbringen können. Es zeigt sich eben immer wieder als sehr Wahr, was Jesus Christus gesagt hat: "Sie haben die Schriften. Wer den Schriften (Bibel) nicht glaubt, wird auch dem nicht glauben schenken, der von den Toten (Todeszustand) zurückkommt (zurückgeschickt wird)." Jesus Christus ist derjenige, der Menschen zurückschickt, wie z.B. sogar auch Kinder in unseren Tagen wie Alex Malarkey oder Colton Burpo in Büchern bezeugen, aber kaum jemand nimmt es ernst. Im Zeitalter des Internet stößt der wache, suchende Zeitgenosse früher oder später auf diese und weitere Zeugen.
Verarbeiten und nutzen wir diese Zeugnisse zu positiven Veränderungen in unserem Leben und gehen wir mit unseren (liebsten) Mitmenschen besser um, dann haben wir später weniger das Problem, erfolglos um Vergebung und Wiedergutmachung bemüht zu sein.
Matthias Schabert


Cinemaholic

Mir gefällt ihr Artikel. Ich persöhnlich fand das Hereafter sehr viel Potenzial verschenkt.






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