Guilty of Romance

Zwischen Zwang und Erniedrigung: Belle de Jour in Japan.

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Die Gesellschaft ist ein Setzkasten. Leicht lässt sie sich einteilen in Geschlechter, Nationalitäten, Einkommens- und Altersklassen, sexuelle Präferenzen, Musikgeschmäcker und Kleidungsstile. Je kleinteiliger die Kategorien, je freier die Kombinationsmöglichkeiten, desto stärker wird manch einer zu der Überzeugung verführt, dass er ein Kästchen ganz alleine besetze: deutsch, weiß, hetero, links, Jeans und Beethoven. Und schon hat man eine „Identität“, oder glaubt es zumindest. Doch all das bin nicht ich.

Die sozialen Trennwände sind dick in Sion Sonos Guilty of Romance (Koi no tsumi). Vor allem für Frauen. Die Mächte der Tradition und des Patriarchats weisen ihnen klare Rollen zu: still, devot, verlässlich hat Izumi (Megumi Kagurazaka) zu sein, reinlich und berechenbar. Während ihr Mann (Kanji Tsuda) jeden Morgen ins Büro aufbricht, um dort gefällige Romane über die Sehnsüchte der Hausfrauen zu schreiben, bleibt sie zurück und übt Pantoffel-Positionieren und Pünktlichkeit. Die „Kunst“ seines Schriftstellertums ist ein Narkotikum für die Millionen zu Hause Gebliebenen: imaginäre Fluchten vor realer Unterdrückung, Scheinglück für jene, die nur existieren als die Summe ihrer Aufgaben.

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In den häuslichen Szenen zu Beginn von Guilty of Romance, in der totalitär-geordneten Atmosphäre zwischen weißen Wänden und dem immer gleichen Alltag beginnt Izumis Odyssee der Selbstfindung. Die Frage „Wer bin ich?“ schlägt im Herzen dieses wirren, wilden Filmchens. Philosophisch gesprochen sucht Sion Sono mit seiner Hauptfigur den richtigen Weg, wie aus „der Frau des Bestsellerautors“ die Person Izumi werden kann. Ausbruch, Überschreitung, Perversion sind die Motive dieser Bewegung, denn das Sich-setzen-lassen in die Position der Hausfrau geschieht Izumi nur. Erst wenn sie etwas tut, was allen Zuschreibungen von außen widerspricht, wenn sie widerlich und schmutzig geworden ist, kann sie sagen: Ich bin widerlich und schmutzig. Aus diesem zutiefst europäischen, besser französischen Denken, das man bei Autoren und Filmemacher(inne)n wie de Sade und Foucault, Buñuel und Breillat verfolgen kann, ist Sion Sonos Film gewebt. Ein Lob der Überschreitung!

Guilty of Romance ist ein schrilles Patchwork aus Psychodrama, (S)exploitation, Serial-Killer-Thriller und literaturwissenschaftlicher Abhandlung. Und vor allem ein ganz und gar dem Weiblichen gewidmeter Film, mit drei starken Hauptfiguren. Recht schnell entspannt sich da ein Reigen zwischen Izumi und Mitsuko (Makoto Togashi), bei Tag Universitätsdozentin, des Nachts Nymphomanin, deren Dynamik aus Lehrmeisterin und Adeptin nicht zufällig an de Sades Philosophie im Boudoir erinnert, sowie der masochistischen Polizistin Kazuko (Miki Mizuno), die einen Mordfall im Rotlichtmilieu aufzuklären versucht. Wie Kazukos Ermittlungen und Mitsukos nächtliche Exzesse zeitlich und erzähllogisch zueinander stehen, bleibt lange im Vagen; doch von Beginn an durchdringt hier eine sinistre Todesdrohung jede Form von Sexualität. Das Spiel mit den sozialen Zwängen gebärt Gewalt.

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Wobei der Film selten bis nie so explizit wird wie beispielsweise die Vertreter des New French Extremism. Wo bei Breillat und Co. auch Grenzen zwischen den Darstellungskonventionen Kunst, Porno und Splatter fallen, bleibt Sono meist diesseits des (visuell) guten Geschmacks. Das nimmt seinem Film ein gutes Stück an Vehemenz; nicht weil der Zuschauer nach Eindeutigkeiten lechzte, sondern weil es dadurch den Schauspielerinnen allein überlassen ist, das „Extreme“ in Rede und Spiel zu vermitteln. Oftmals klingt dabei ein störender, leicht pubertärer Oberton an. Es soll um existenzielle Erniedrigungen gehen, aber man schaut eher aufgedrehten Mädels bei ihren Mutpröbchen zu.

Doch Guilty of Romance findet auch wirkungsvolle Wege, um Entgrenzungserfahrungen zu vermitteln, jene Momente, in denen soziale Bezugssysteme und das darin eingeschriebene Identitätsverständnis aus den Angeln gehoben sind; die Reboot-Phase des Subjekts. Abseits des Schauspiels gelingen Sono wunderbare Übertragungen in die Filmgestalt: Formen zerfließen, Schnittmuster springen, Sprache stottert. Die Farben befreien sich von den Objekten, knallen als pures Rosa, Rot und Grün gegen die Kamera. Statt in artikulierten Sätzen zu reden, brechen die Schauspieler in wildes Lachen und Heulen aus. Aus klar beschreibbaren Gefühlen wird reines Fühlen. Und das ist meistens schmerzhaft.

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Denn die Subjektwerdung ist dem Bußweg enger verwandt als der befreienden Erleuchtung; ein Motiv, dass in Sonos famosem Love Exposure (Ai no mukidashi, 2008) noch klarer ausbuchstabiert war. Man könnte Sonos Liebesverständnis mit einer Zeile Georges Batailles beschreiben: „Ich will deine Liebe nur, wenn du weißt, dass ich widerwärtig bin, und mich im Bewusstsein meiner Widerwärtigkeit liebst.“ Niemand hier wird glücklich, aber das Unglück des selbsterschaffenen Subjekts ist so viel wertvoller als das Setzkastenglück der in ihren sozialen Rollen Verweilenden.

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Kommentare


Ulle

Was für ein Film. Ich habe gestern die org. Version - es existiert leider auch eine um 30 ! Minuten gekürzte DVD Fassung- gesehen und bin überzeugt eines meiner 2012er Highlights erlebt zu haben. Ich habe keine Ahnung , wie Sono ein solches Drehbuch entwickelt und umsetzt. Wie Arthouse Kino ( ein schrecklicher Begriff, aber jeder weiß hoffentlich im positiven Sinne , was gemeint ist) mit Trash- , Splatter- und Pornoanleihen funktionieren kann zeigt Sono. Er ist auf einem Niveau unterwegs, das mich sprachlos macht. Und dann auch noch die 3 weiblichen Darstellerinnen -OMG- So gut, so präzise, dass ich manchmal nicht glauben kann, was ich sehe . Der hier veröffentlichten Kritik kann ich inhaltich nur beipflichten. Daher ergieße ich mich noch schnell in ein Fanboy- Gestammel. Für mich der bisher allerstärkste Film, den Sono gemacht hat: schlüssig, spannend, grausam, peinlich, ekelig, wiederlich, erotisch, sexy, intelligent, brutal, faszinierend.

Der Film wäre auch eine schöne Antwort auf D. Grafs Beitrag in der Zeit zum Zustand des Deutschen Kinos in 2012 , WÄRE er ein deutscher Film; undenkbar !






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