Giulias Verschwinden

Giulias Verschwinden ist ein schlaues, wenn auch etwas überfrachtetes Ensemblestück über die Unaufhaltsamkeit der Zeit.

Giulias Verschwinden

Der Gedächtnispsychologe Endel Tulving beschreibt als höchste Form des menschlichen Gedächtnisapparats die so genannte episodisch-autobiographische Struktur. Bündig verkürzt könnte man sagen, dass wir unser eigenes Leben gleich einer stetig anwachsenden Sammlung an Geschichten der eigenen Vergangenheit speichern, ein vielfach gebrochenes, emotional koloriertes Depot aus miteinander verwobenen Narrativen. Im Älterwerden wachsen Anzahl und Ausdehnung dieses persönlichen Geschichtbandes unablässig an. Unser Charakter wird verschachtelter, unterschiedliche Episoden der Vergangenheit, eingebettet in je spezifische soziale Kontexte, formen unsere Autobiographie, die Substanz unserer Selbstwahrnehmung

Man kennt das aus dem alltäglichen Leben: der älter werdende Mensch neigt zu immer ausgedehnteren Streifzügen durch die Vergangenheit. Die Lust am Erzählen kann dabei auch Ansprüche an Exaktheit oder Wahrheit hintanstellen, dafür gibt es ja den Historiker. Das Thema „Älterwerden“ hat also eine starke Affinität zur mündlichen Rede, zum melancholischen Austausch und, ja, zum Gelaber. Auf eben dieser schmalen Kante balanciert Giulias Verschwinden, der neue Film des Schweizers Christoph Schaub, nach einem Originaldrehbuch seines Eidsgenossen Martin Suter.

Giulias Verschwinden

Es geht darin um drei Geburtstage: einen 18., einen 50. und einen 80. Am Geburtstag wird Zwischenbericht erstattet über den Stand der Zeiten, Erlebtes und Mögliches, Soll und Haben werden abgewogen, ein Tag wird auserkoren, dem allmählichen, unmerklichen Gleiten des In-der-Zeit-Seins einen Moment der Einsicht und der Reflektion entgegen zu setzen. Der Saldo aus Zukunft  und Vergangenheit fällt dabei selbstverständlich gänzlich unterschiedlich aus für die drei Altersgruppen: zwei Teenager haben noch genug Unerfahrenheit, um sich beim Ladendiebstahl erwischen zu lassen. Eine Abendgesellschaft um die fünfzig schlägt sich mit dem Übergang vom Körperlichen ins Geistige herum. Und im Altersheim blendet man das Altern aus, um wieder kindlicher Anarchie zu frönen.

Wenn sich ein Literat wie Suter eines so erzählfreudigen Themas annimmt, sind ausschweifende Dialoge zu erwarten. Und so ist Giulias Verschwinden zuallererst ein äußerst wortreicher Film. In teils sehr langen Szenen lässt Suter die Figuren fast unablässig schwadronieren. Vergesslichkeit, Krankheit, plastische Chirurgie, Probleme beim Sex, Trauer um die verlorene Jugend, Genugtuung ob der hinter sich gebrachten Jugend: Versteht man „Altern“ als ein System der Motive und Narrative, lässt Suter so gut wie kein Themenfeld unbeachtet. Im Zentrum des Filmes, sowohl hinsichtlich der Organisation des Drehbuchs als auch des filmischen Raumes, steht dabei die auf ihre Jubilarin (Corinna Harfouch) wartende Festgesellschaft zu Giulias Fünfzigsten. Die sitzt jedoch lieber in einer schummrigen Lounge mit einem in die Jahre gekommenen Charmeur (Bruno Ganz) und versucht sich daran, Reden übers Alter als Flirtmaterial nutzbar zu machen. 

Giulias Verschwinden

Das Schauspielerensemble hat sichtlich Freude daran, Suters pointenreiche Unterhaltungen mit einem gehörigen Maß an Selbstironie aufzuladen, die Gebrechen ihrer Figuren und das eigene Alter gleichermaßen auf die Schippe zu nehmen. Das Ergebnis sind wunderbar dynamische Dialogszenen, mit Verve gespielt als Pingpong-Matches voller Anzüglichkeiten und verdeckter Melancholie. Christoph Schaub inszeniert diese nicht als platte Schuss-Gegenschuss-Reihen, sondern ermöglicht Cutterin Marina Wernli dank der Verwendung zweier Kameras die Konstruktion äußerst komplexer filmischer Räume. Die Montage durchbricht den klassischen Wechsel zwischen Halbnahen und Totalen durch Aufnahmen voller verspiegelter und halbtransparenter Flächen, angeschnittener Gesichter und einem freien Umgang mit räumlichen Achsen.

Nicht nur ermöglicht diese Inszenierung eine angemessene visuelle Repräsentation des Titel gebenden Gedankens, wonach in einer von Jugendlichkeit besessenen Gesellschaft Altern mit einem allmählichem Unsichtbarwerden einhergeht, sondern sie bildet auch ein notwendiges Gegengewicht zu den teilweise allzu weitschweifigen, eindeutig einem eher literarischen Bewusstsein verpflichteten Dialogexzessen Suters.

Giulias Verschwinden

Die jedoch prägnanteste visuelle Entscheidung ist Schaubs Verwendung digitaler HD-Kameras. Das flache, gräuliche Bild des Digitalen inszeniert eine Gegenwart, die mit dem analogen Bild einen abwesenden Vorfahren, eine spürbare Vergangenheit (un-)sichtbar macht. In den Wohnungen seiner Protagonisten platziert Schaub Schwarzweiß-Fotografien, heftet sie an Spiegel, verlagert dann die Schärfe auf das Gesicht Stefans (Stefan Kurt). Spiegel, in denen uns das Alter, Fotografien, in denen uns die Jugend entgegenblickt. Selten war die Entscheidung, digital zu drehen, so schlüssig verwoben mit der filmischen Narration.

Leider jedoch plaudert Suters Drehbuch diese visuellen Einfälle allzu gerne aus. Gen Ende unterhalten sich alle, schon angetrunken vom Champagner, über Spiegel und Fotografien, über das Altern sowieso, außerdem bekommt die achtzigjährige Leonie eine kleine Digitalkamera geschenkt. Als vertraue Suter nicht darauf, dass der Film visuell klare Aussagen treffen könne. Bild und Dialog spannen sich auf zu einer Art Echoraum, in der eine Seite die andere mal verstärkt, mal wiederholt. Das gibt Guilias Verschwinden in manchen Momenten, gerade in den komödiantisch gelungenen, eine extrem dichte Atmosphäre. In anderen jedoch wirkt der Film in seiner absoluten Festschreibung auf ein Leitthema quasi autistisch. Da wünscht der Zuschauer den Figuren, dass sie sich locker machen und einmal über etwas anderes als das Alter reden. So gibt es in diesem Film, der gleichsam das Produkt eines literarischen wie eines kinematografischen Geistes ist, irgendwie alles doppelt: einmal zum Sehen und einmal zum Hören.

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