Freeheld

Brave Nacherzählung: Der amerikanische Regisseur Peter Sollett zeigt eine Episode des Kampfes für LGBT-Rechte in den USA und erlaubt sich selbst keine Abweichung.

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Im Zentrum des Films steht ein Liebespaar, dessen Zusammensetzung sich über gleich drei Normen hinwegsetzt. Zwei Frauen, die eine neunzehn Jahre jünger als die andere: Laurel Hester (Julianne Moore), die ältere, ist die toughe Polizistin, unerschrocken und unbeirrbar in ihrem Bemühen, Gerechtigkeit herzustellen; im Dienst zusammengeschlagen, angefahren, angeschossen, steht sie immer wieder auf und strebt selbstlos den Aufstieg zum lieutenant an. Stacie Andree (Ellen Page) ist da eher der häusliche Typ. Die Kfz-Mechatronikerin hält den Rekord im Reifenwechsel und träumt bescheiden, wie sie selbst sagt: Frau, Haus, Hund. Ein Traum von Behaglichkeit, der im Film haarsträubend schnell Gestalt annimmt: Im Nu verlieben sich Laurel und Stacie, gehen das rechtlich höchste Verhältnis ein, das 2003 gleichgeschlechtlichen Paaren in New Jersey offensteht, renovieren ein gemeinsames Haus. Dann wird bei Laurel Krebs in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert, und zu den existenziellen Sorgen gesellt sich die Weigerung der Verwaltung, Laurels Rentenansprüche im Fall ihres Todes an Stacie zu übertragen.

Die Behörde am Stammtisch

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Sie hat ihr Leben dem Kampf für Gerechtigkeit gewidmet; nun, da sie Gefahr läuft, es zu verlieren, wird ihr die Gerechtigkeit verwehrt. Was infolge der Mobilisierung bald die Zeitungen ziert, macht sich der Film zum Motto. Freeheld kostet die Dramatik der wahren Geschichte aus, appelliert unverhohlen an die ganz großen Gefühle. Würde sich der Plot nicht an eine wahre Begebenheit anlehnen – und das mehr eng denn lose –, würde man ihn wahrscheinlich für übermäßig konstruiert halten. Alles ist da: die Willkür, mit der die Krankheit den Rechtschaffensten auserkiest und über seine Existenz hereinbricht; die hiobartige Steigerung. Einzig der Gegner entzieht sich der sonst waltenden Eindeutigkeit. Zu diesem Zeitpunkt ist die Rechtslage nicht dezidiert gegen Laurel und Stacie: Ein Staatsbediensteter kann die eigenen Rentenansprüche einem eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partner übertragen. Als Bedienstete des county aber muss sich Laurel mit ihrem Gesuch an das board of chosen freeholders wenden, ein lokales Gremium aus fünf gewählten Vertretern. Peter Sollett dringt in die geschlossene Gesellschaft dieser gestandenen Männer und fördert die Bandbreite individueller und institutioneller Diskriminierung zutage; da wird gekichert, dass Laurel „so gar nicht lesbisch“ wirkt, die „Heiligkeit der Ehe“ beschworen und ein naher Untergang gewähnt, wenn „jeder jeden“ zum Partner erklären darf, so die Vorstellung der freeholders.

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Die unverhohlene Homophobie der fünf Männer spielt dem Film in die Hände, mühelos lenken sie die Empörung auf sich. Zeitweilig wirkt es so, als hätte man ihnen die Anweisung gegeben, fünf Allegorien zu spielen: Feigheit, Eigennutz, Erbarmungslosigkeit, Gleichgültigkeit und Zynismus sitzen an einem Tisch und beraten. Wobei auch die Beratung in ihrer Willkür entlarvt wird: Hier werden nicht Argumente ausgetauscht, sondern Parolen, in lückenhafter Sachkenntnis und haarsträubender Unsachlichkeit. Natürlich legt der Film flott die Frontlinien frei und kürt am Ende einen Sieger. Aber diese Frontlinien sind nicht starr. Im reichlich ausstaffierten Drama stehen sich nicht zwei unversöhnliche Lager gegenüber, sondern es wimmelt von Positionen, verbündet bis feindlich über wohlgesinnt und gleichgültig. Positionen, die sich behutsam annähern oder aufeinanderprallen, die einander relativieren oder bestärken. Auf Dane (Michael Shannon), Laurels langjährigen und vertrauten Arbeitskollegen, setzt Freeheld seine größte Hoffnung. Ganz pädagogisch führt der Film den coolen cop vom ahnungslosen Nutznießer der Privilegien eines weißen, heterosexuellen Mannes – wie Laurel selbst klagt – zum sensibilisierten Verbündeten. Der Kampf um Gerechtigkeit, als dessen beflissener Chronist Freeheld sich gibt, umfasst dabei weit mehr als die Übertragung der Rentenansprüche. Ganz nach dem Aktivisten-Grundsatz „If you don’t have to think about it, it’s a privilege“ macht Freeheld eine Reihe von strukturellen Ungleichheiten sichtbar, etwas bemüht, aber darum nicht weniger richtig.

Mit Kreuz und Kippa für die Sache

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Weitaus interessanter ist es, die Entstehung einer Angelegenheit zu beobachten, die zur nationalen Mobilisierungscausa anschwillt. Eine persönliche Tragödie, befindet einer der freeholders über Laurels Krankheit, die aber nichts mit ihrem Auftrag zu tun habe, nämlich das öffentliche Leben zu regeln. Die Männer werden eines Besseren belehrt. Freeheld zeigt, wie sich die Pro-Laurel-und-Stacie-Bewegung aus unterschiedlichen Einflüssen nährt – vom pfiffigen Pfarrer, der die Heiligkeit gleichgeschlechtlicher Partnerschaften verteidigt, über den Kippa tragenden schwulen Anwalt Steven Goldstein (Steve Carell). Der gibt sich übrigens flirty mit dem stockstraighten Dane und trägt die Witzfunktion seiner Figur vor sich her. Freeheld ist einer dieser Filme, bei denen man als Zuschauer das Gefühl hat, mit Nachdruck in die angebrachte Gefühlslage geführt zu werden. Was für eine Erleichterung, dass hier nicht nur Helden unterwegs sind: Unverhohlen räumt Steven Goldstein ein, dass er den Fall Laurel für seine Zwecke, nämlich die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, instrumentalisiert, während Laurel, wie ärgerlich, gar nicht die Ehe fordert, sondern „Gleichheit“. Jeder führt seinen eigenen Kampf, und letztlich ist er nur für Laurel und Stacie in aller Unmittelbarkeit existenziell: Wenn Laurels Rentenansprüche nicht auf Stacie übertragen werden, muss Stacie das gemeinsame, durch eine Hypothek gesicherte Haus aufgeben. Am Ende siegt die menschliche Gerechtigkeit; gestorben wird trotzdem, und die Frage nach einer menschlich nicht herzustellenden Gerechtigkeit bleibt.

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Kommentare


Leander

Ganz schön nihilistische Kritik, oder habe ich mich verlesen?






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