Frances Ha

Nouvelle Mumblecore.

Frances Ha 03

Vielleicht wird es den Begriff der Midlife-Crisis irgendwann nicht mehr geben. Selbst wenn diese Idee kulturell noch äußerst wirkmächtig ist, schwinden doch so langsam ihre materiellen Voraussetzungen. Lange Ehen und feste Jobs können nicht mehr langweilig werden, wenn es sie immer weniger gibt, und wie soll man gegen öden Konformismus rebellieren, wenn man doch ständig zur Flexibilität angehalten wird und sich eh am laufenden Band „neu erfindet“? Doch auch wenn man sich kaum mehr einen Porsche leisten kann, sobald man merkt, dass es langsam bergab geht, verschwinden die Fluchtmechanismen natürlich nicht ganz, sondern verteilen sich vielleicht eher mehr oder weniger gleichmäßig auf andere Lebensphasen. Bei den Mitte-Ende-Zwanzigjährigen treffen sie dabei auf die letzten Coming-of-Age-Momente, die ersten wirklich ernsthaften Existenzängste, die vage Vorstellung, dass man sein Leben mal in die Hand nehmen sollte, auch wenn man längst verstanden hat, dass man eigentlich nichts in der Hand hat und sich nur in Richtung Abgrund hangelt. „27. Das ist alt“, sagt jemand in Frances Ha.

Natürlich war die Midlife-Crisis immer Sache der Mittelklasse, und auch die in Frances Ha thematisierten Ängste und Träume von Spät-Zwanzigern setzen erst mal die Lebenswelt einer immer noch privilegierten Schicht voraus. Wer also könnte dieser noch namenlosen Lebensphase ein besseres Denkmal setzen als Middle-Class-Chronist Noah Baumbach, der mit College-Abschluss (Kicking and Screaming, 1995), Hochzeit (Margot und die Hochzeit, Margot at the Wedding, 2007), Scheidung (Der Tintenfisch und der Wal, The Squid and the Whale, 2005) und erstem Psychiatrie-Aufenthalt (Greenberg, 2010) so langsam alle Stationen der Urban-Lifestyle-Biografie behandelt haben dürfte. Bei Baumbach geht es immer um die schmerzhafte Differenz zwischen dem Zwang zum Lebensplan, von dem man sich niemals ohne schlechtes Gewissen befreien kann, und dem alltäglichen Nichtstun, in dem es nur noch darauf ankommt, beim Scheitern eine möglichst gute Figur zu machen.

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Um gleich mit dem Star ins Haus zu fallen: Greta Gerwig, von der wir uns schon in Greenberg allzu gern von Ben Stillers Autismus haben ablenken lassen, macht eine ganz wunderbare Figur als scheiternde Frances. Die Protagonistin, die dem Film auch ihren Namen gibt, sieht sich selbst als professionelle Tänzerin, hat es aber noch in keine Company geschafft, die es ihr erlauben würde, sich damit über Wasser zu halten. Und ohne diese finanzielle Unabhängigkeit ist Tänzerin eben niemals eine befriedigende Antwort auf die allgegenwärtige Dinner-Table-Frage unserer Zeit: So what do you do?

Durch ein derart unsicheres Leben kann man sich kaum tanzen, und so trampelt und stolpert sich Frances auch eher durch das schwarzweiße New York. Frances Ha wirkt in seiner Körperbetontheit manchmal fast wie ein Stummfilm, die vielen bekannten Stücke von Georges Delerue deuten dagegen eher auf eine andere Quelle der Inspiration hin. Doch trotz der überdeutlichen Verneigung vor der Nouvelle Vague ist Gerwig nicht bloß eine schöne Frau, die Baumbach in selbstverliebter Auteur-Attitüde schöne Dinge tun lässt. Die Schauspielerin hat das Drehbuch selbst mitverfasst, und die von ihr mitgeschaffene Figur ist zu jeder Zeit Antrieb des Films, steht nach jedem Schlag wieder auf und muss sich dabei nicht mal verlieben. Manchmal wirkt sie fast zu souverän, ist doch auch der neueste Film Baumbachs eher eine Ode an eine post-hippe Unsouveränität, mit der wir unser soziales Leben meistern müssen.

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So kann Frances in der Einstiegsszene nach einem Gespräch mit ihrem Freund, in dem sie diesem den Wunsch ausschlägt, bei ihm einzuziehen, nur vermuten, dass man sich wohl gerade trennt. So richtig wird man nicht mehr schlau aus den Sätzen, die man in diesen Situationen meint sagen zu müssen, deren Bedeutung aber irgendwo zwischen versuchter Ehrlichkeit und dem Zwang zur Schlagfertigkeit stecken bleibt. Die Trennung ist rasch überwunden, aber wie weiter? Dating ist auch nicht mehr so leicht, wie Frances in einer rührend komischen und selbst in ihrem Slapstick sehr wahrhaftigen Szene erfährt, die mit einem blutigen Ellbogen endet und nach der sich Frances endgültig für „undateable“ erklärt. Sowieso ist die einzige Liebesgeschichte, die sich in diesem Film versteckt, die zwischen Frances und ihrer besten Freundin Sophie (ebenfalls toll: Mickey Sumner).

Beim Setting denkt man natürlich nicht zuletzt an Woody Allens New Yorker Komödien, doch geht dem Drehbuch deren gleichwohl nicht minder amüsanter Gestus des Rechthabens ab. Hier gibt es keine wichtigen Männer mehr, und überhaupt sind die Zeiten vorbei, in denen der Psychiater zum Leben gehört wie der Frisör, weil jeder längst einen kleinen Therapeuten in sich herumträgt. Und auch die Gespräche über die hohe Kultur, die Allens Filme so dominiert haben, kommen nicht mehr zustande. Als Frances den Entschluss fasst, für ein kurzes Wochenende nach Paris zu fliegen, überlegt sie noch, Proust mitzunehmen, aber erkennt im selben Moment die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens. Proust ist nicht nur schwere Kost, sondern auch schweres Gepäck, und überhaupt müsste man ja eigentlich Französisch lernen und es dann im Original lesen. Man hat noch eine vage Ahnung davon, was man tun müsste, aber es ist kein Wunsch mehr etwas zu tun, sondern nur noch die romantische Vorstellung, es getan zu haben. Man will eigentlich gar nicht, man würde so gern wollen. Für dieses nostalgische Über-Ich sind Sam Levys Schwarzweiß-Bilder eine sehr passende Entsprechung.

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Und so lachen und lächeln wir uns mit Greta Gerwig durch diesen Film, in denen wie in den besseren Mumblecore-Arbeiten, die sie bekannt gemacht haben, ganz beiläufig eine traurige Ernsthaftigkeit durchscheint, die Baumbach mit seiner manchmal allzu flotten Erzählweise zu selten pointiert. Sein Generationenporträt ist bei allem Spaß, den der Film macht, doch hintergründig und präzise, wobei er das Fazit stets dem Zuschauer überlässt und mit Formeln der Gegenwartsanalyse eher spielerisch umgeht. Als Frances bemerkt, dass das Klingelschild in ihrem neuen Apartment wegen ihres langen Nachnamens nicht in die Vorrichtung passt, schneidet sie es kurzerhand ab. Und da steht es nun an der Tür, das fragmentierte Selbst der Postmoderne, scheint Baumbach zu sagen, um derlei Phrasen im selben Moment schon wieder auszulachen. Ha Ha.

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Kommentare


ulle

Klasse Kritik, jeder Satz passt.

" Man hat noch eine vage Ahnung davon, was man tun müsste, aber es ist kein Wunsch mehr etwas zu tun, sondern nur noch die romantische Vorstellung, es getan zu haben."..sehr schön ;-)






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