Félicité

Berlinale 2017 – Wettbewerb: Rastlos in Kinshasa: Alain Gomis treibt seinen Film durch das kongolesische Hauptstadtchaos, zwingt ihn durch mehrere Häutungen und gönnt ihm am Ende unverhoffte Ruhe. 

Felicite 5

Félicité macht erstmal keine Umwege. Eine Mission, ein Held: Nach einem Motorradunfall liegt Samo (Gaetan Claudia) schwerverletzt im Krankenhaus; will er jemals wieder Gebrauch von seinem Bein machen, muss seine Mutter Félicité (Véro Tshanda Beya) eine Million kongolesische Francs auftreiben, um die heilversprechende Operation zu bezahlen. Mit dokumentarischem Eifer zeigt Félicité auf, welche Stationen man abzuklappern hat in einem Land ohne Krankenversicherung. Zunächst wird das unausgesprochene Versprechen der Gemeinschaft, den ihren Hilfe zu leisten, auf die Probe gestellt. Ein solidarischer Ruck geht durch dieses alternative, informelle Sicherungsnetz, doch die Hilfsbereitschaft darf nicht überstrapaziert werden. Schnell wird das Netz löchrig und Félicité zur unerwünschten Bittstellerin. In der nächsten Instanz werden die Wohlhabenden um Hilfe gebeten: Félicité schmuggelt sich in eine ansehnliche Villa und bittet um Geld; unter Schlägen und Todesdrohungen wird sie des Hauses verwiesen. Auch der Vater des Kindes, der woanders lebt, verweigert Félicité seine Hilfe. Systematisch, Schlag auf Schlag, erteilt der Film allen Solidaritätsmechanismen eine Absage und lässt seine Hauptfigur nach einem kräftezehrenden Rennen hechelnd dort ankommen, wo er sie uns bereits vorgestellt hatte: auf sich alleingestellt.

Wenn Félicité vor Félicité niederkniet

Felicite 2

Dabei liefert der schmächtige Junge auf dem ranzigen Krankenhausbett der Dramaturgie nur ihren anfänglichen Impuls, schickt Félicité gewissermaßen ins Rennen und zieht sich dann, überflüssig geworden, zurück. Wir erfahren fast nichts über diesen verschlossenen Teenager und noch weniger über das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter. Félicité ist kein Mutter-Kind-Drama, verfolgt nicht das Auf und Ab von Fieberkurven und Heilungsversprechen, sondern das Auf und Ab eines exemplarischen Kampfes, der auch um etwas anderes hätte ausgefochten werden können. Und so findet Félicité in der unbeugsamen Félicité seine raison d’être; öffnet einen Raum, der nur ihr gilt, ihrer Kraft, ihrem Mut, ihrer Ausdauer, so wie auch der Titel nur ihr gilt. Félicité ist ein Film, der vor Bewunderung vergeht für seine Hauptfigur, ihre Würde wie in einem Schmuckkästchen durch das anfängliche Gehetze der Story und das unentwegte der kongolesischen Hauptstadt trägt. Immer wieder kontrastiert die Kamera Félicités ruhiges, anmutiges Gesicht mit der herrschenden, fast tranceartigen Aufregung, spendet durch sie ein wenig Rast.

Ein Bein heilen, einen Kühlschrank reparieren

Felicite 1

Der Film verliert sich nicht in retardierenden Momenten, findet keine übermäßige Lust daran, das Bangen in die Länge zu ziehen. Unerwartet früh wird das Urteil gefällt und Raum für Neues geschaffen: Das Geld reicht nicht, das Bein ist ab. Für einen Augenblick fragt man sich, ob der Film mit dem Bein nicht auch seine Daseinsberechtigung verliert. Doch die Luft ist lange nicht raus. Félicité ist so einfallsreich wie eine Heldin, klopft an viele Türen und hat im Nu sein Gewicht auf ein anderes Standbein verlagert. Die von Erfolgen und Misserfolgen rhythmierte Suche nach der Million wird überführt in ein verlangsamtes Porträt von Félicité, das sich nun gänzlich der Dramatik verweigert, um sie mit Freude im Detail wiederzuentdecken: Den mit zartem Witz gefärbten Wirren um einen kaputten Kühlschrank folgt man tatsächlich mit derselben Aufmerksamkeit wie zuvor Samos Bangen um eine Operation. Auch eine sehr schräge, etwas desillusionierte Liebesgeschichte wird langsam in den Film eingewoben.

Fantastik und Alltag

Felicite 3

Dabei sind es keine losen Elemente, die Alain Gomis auf Biegen und Brechen aneinanderreiht. Es entsteht eher der Eindruck eines reißenden, geradezu erschlagenden Stromes, in den der Regisseur mal dieses, mal jenes einfügt. Der jeweilige Handlungsschwerpunkt wechselt, doch Félicité zeigt Beständigkeit in etwas, was einem Hintergrundgeräusch am ehesten nahekommt – ein Grundgefühl von Überwältigung und Ermattung. Die Kamera ist nah an den Gesichtern, so nah, dass diese das Gesichthafte verlieren; so wie Worte, die man unablässig rezitiert, irgendwann ihre Bedeutung zu verlieren scheinen und einem nur noch wie leere Laute vorkommen. Mit einer sehr großzügig bemessenen Experimentierfreude wird die Wirklichkeit in Félicité verzerrt, erweitert und vervielfältigt. Immer wieder gibt sich der Film berauscht videoclipartigem Geflimmer hin und überlagert die Aufnahmen, stülpt den Soundtrack der einen Szene der anderen über. Aufatmen kann man in den fast mystischen Szenen, in denen sich die Fantastik Bahn bricht und die Nacht zum Sehnsuchtsort des Alltags wird. Am Ende vermischen sich Tag und Nacht, Fantastik und Alltag; der infernale Strom reißt ab, und endlich darf auch Félicité aufatmen.

Andere Artikel

Trailer zu „Félicité“


Trailer ansehen (3)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.