Ein Hauch von Zen

1969 inszenierte King Hu mit Ein Hauch von Zen einen Martial-Arts-Abenteuerfilm, der die Grenzen seines Genres sprengte und sich zu einem Klassiker des Hongkong-Kinos entwickelte.

Ein Hauch von Zen

Nach allen Standards der Filmtheorie muss der chinesische Regisseur King Hu als „Auteur“ gelten. 1931 in Peking geboren, war Hu seit 1949 in verschiedenen Filmstudios Hongkongs in den unterschiedlichsten Funktionen tätig – vom Set Designer über Schauspieler, Drehbuchautor bis zum Produzenten – bis er 1962 unter der Ägide der Shaw-Brothers-Studios erstmals Regie führte. In die insgesamt 14 Filme, die er als Regisseur inszenierte, brachte er seine vielfältigen Kompetenzen ein, so fungierte er bei einer Großzahl der Filme als Produzent, Autor oder Co-Autor, kreierte Kostüme und zeichnete für den Schnitt verantwortlich. Seinen Filmen prägte er dadurch eine unverwechselbare Handschrift auf, die ihn als großen Stilisten auszeichnete und zu einem der ästhetisch einflussreichsten Regisseure des Hongkong-Kinos werden ließ.

Ein Hauch von Zen

Neben Die Herberge zum Drachentor (Lung Men K’o Chan, 1967) war es vor allem sein Meisterwerk Ein Hauch von Zen (Hsia Nu, 1969), das sich als stilbildend erwies und maßgeblich an der Ausprägung des Genres des „Wuxia Pian“, des historischen Martial-Arts-Epos, beteiligt war. Ein Hauch von Zen setzte Standards in Bezug auf die Choreographie der Kampfkunstszenen und brachte eine Technik zur Vollendung, die Hu seit Das Schwert der gelben Tigerin (Da zui xia, 1966) zu entwickeln begonnen hatte. Anstatt sich auf die getreue Repräsentation echter, aber oft wenig photogener Kampfkunststile zu verlassen, begann er Elemente verschiedener Kampftechniken mit Aspekten des Tanztheaters und der Pekingoper zu kombinieren, da diese auf einen Show-Effekt hin entwickelt worden waren. In dieser hochgradigen Stilisierung der Kampfelemente, welche, unterstützt von einem ausgefeilten System aus Kamerafahrten, schnellen Montagen und Perspektivwechseln, die Akteure in einem präzise choreographierten Ballet agieren lässt, besteht einer der großen ästhetischen Reize von Ein Hauch von Zen. Äußerst wohlproportioniert sind diese Kompositionen gestaltet und die die Grenzen von Schwerkraft und Körpermotorik überschreitenden Elemente werden zwar effektiv, aber spärlich eingesetzt, so dass sich ein Effekt von maßvoller Schönheit ergibt. Nie ergießt sich King Hus Film in den Exzessen, die das Unwahrscheinliche der Bewegungskünste auf die Spitze treiben, wie sie viele seiner Genrenachfolger prägen, etwa den maßgeblich durch Ein Hauch von Zen beeinflussten Tiger and Dragon (Crouching Tiger, Hidden Dragon, 2000).

Ein Hauch von Zen

Nicht nur in sich sind die Kampfszenen harmonisch gestaltet, sie fügen sich auch vollkommen in die nach einer Geistergeschichte von Pu Songling adaptierte Erzählung ein. Angesiedelt zur Zeit der Ming Dynastie, erzählt der Film die Geschichte des verarmten jungen Gelehrten Ku Shen-chai, der von seiner ständig nörgelnden Mutter gedrängt wird, endlich ein Amt und eine Ehefrau zu finden. Merkwürdige Geräusche aus einem verlassenen Haus versetzen den naiven Jüngling in Aufregung, doch der vermeintliche Spuk entpuppt sich als das junge Mädchen Yang Hui-Ching, in das sich Ku verliebt. Er erfährt, dass Yang von Regierungstruppen gejagt wird, die bereits ihre gesamte Familie töteten, da der Vater, ein hoher Regierungsbeamter, eine Korruptionsaffäre aufzudecken versuchte. Gemeinsam mit zwei weiteren Getreuen treten die beiden den Kampf gegen die übermächtigen Truppen an, die sie mit Hilfe von Yangs Kampfkünsten und einer Spukinszenierung zu besiegen vermögen. Trotz dieses Sieges kann Ku jedoch Yang nicht gewinnen, sie flieht. Ku findet sie in dem Kloster, in dem sie ihre Kampfkünste erlernte. Nun buddhistische Nonne, übergibt sie ihm das gemeinsame Kind und schickt ihn fort. Als aber Ku darauf erneut in Gefahr gerät, eilt Yang ihm gemeinsam mit ihrem Mentor, einem heiligen Abt und Zen-Meister, zu Hilfe und es kommt zum finalen Showdown zwischen Gut und Böse.

Ein Hauch von Zen

In der Entwicklung seiner Geschichte bedient sich Ein Hauch von Zen einer überraschenden Anzahl unterschiedlicher Genreanklänge. Diese konstituieren in fließenden Übergängen eine Struktur, die sich vom Konkreten, Persönlichen, zum Allgemeinen und schließlich zum Abstrakten hinbewegt. Wenn im ersten Teil die persönliche Entwicklung des Muttersöhnchens Ku im Zentrum steht, bestimmen Elemente aus Komödie, Romanze und Spukgeschichte das Geschehen. Der zweite, politische Teil, in dem es vor allem um den Kampf der politisch Verfolgten gegen die Regierungstruppen geht, bedient sich des Abenteuer- und Actiongenres, welches sich im dritten Teil langsam in ein religiöses Epos wandelt, das in einem nahezu abstrakten, offenen Ende mündet, das die zur Erleuchtung führenden buddhistischen Tugenden preist.

Sowohl die Entwicklung der Geschichte als auch die Kampfkunstchoreographien sind geprägt von der atemberaubenden Schönheit der Landschaftsaufnahmen, die einerseits den atmosphärischen Hintergrund bilden, daneben aber symbolischen Wert entwickeln. So wandelt sich etwa die Lieblichkeit der Landschaft, wie sie nach der ersten Liebesnacht Kus und Yangs erscheint, in der nächsten Sequenz in einen trüben, unwirtlichen Ort, der auf die drohende Gefahr voraus weist. Den Höhepunkt der Verbindung von Landschaftsdarstellung und Kampfkunstballett bildet die Sequenz im Bambuswald, die wohl berühmteste des Films, die sich in ihrer Dynamik und visuellen Ästhetisierung gleichwohl völlig zwingend aus der Handlung entwickelt. Diese Ausgewogenheit, die eine große thematische Vielfalt mit herausragendem visuellem Vergnügen verbindet, macht Ein Hauch von Zen zu einem Höhepunkt des Hongkong-Kinos. 1975 wurde er als erster chinesischsprachiger Film mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet. Trotz des künstlerischen Erfolges seines Werkes blieb King Hu selbst allerdings ein Außenseiter in der Hongkong-Industrie; am Ende seiner Karriere wurden ihm gar Produktionen wie Meister des Schwertes (Xiao ao jiang hu, 1990) entrissen. Ein Prophet gilt nunmal nirgends weniger als im eigenen Vaterland.

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Kommentare


dk

Ein toller Film!
Für einen tollen Mittwoch-Abend! ;)


Andy

Super Film. Tolle Schauspieler, tolle Landschaftsbilder, tolle Handlung, super Kampfsequenzen - was will man mehr? Ich sah den Film als Kind, damals in den 80ern als er im ZDF lief und war sofort begeistert. Er ging mir nie mehr aus dem Kopf, ich hatte aber den Titel vergessen. Knapp 20 Jahre später, entdeckte ich den Namen des Films über eine Internet-Film-Datenbank. Erfreulicherweise erschienen alle grossen KING HU Meisterwerke 2011 auf DVD`s, so dass ich mir gleich die besten davon geholt habe.






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