Die Vaterlosen

Marie Kreutzer erzählt die Geschichte von vier Geschwistern, die in einer Kommune aufgewachsen sind und sich am Totenbett des Vaters wiedersehen. Leider genügt ihr das nicht.

Die Vaterlosen 02

Der Patriarch ist gestorben, die Angehörigen kommen zusammen, ernst und traurig schüttelt man den Kopf. Man hat sich einander entfremdet, vor allem die Geschwister, alle haben sie ihr eigenes Leben und eigentlich wenig Zeit für diese „familiäre Angelegenheit“. Familie ist vorbei, die Heimat mittlerweile woanders. Wir kennen diese Grundkonstellation aus unzähligen Filmen, man findet sie in allen Epochen der Kinogeschichte und quer durch alle Genres und könnte fast meinen, es sei alles erzählt über diese Familien, die sich am Totenbett eines verstorbenen Elternteils zum ersten Mal seit ewigen Zeiten wieder versammeln, sich streiten und sich schließlich doch näher kommen.

Der Österreicherin Marie Kreutzer ist mit ihrem Panorama-Beitrag Die Vaterlosen eine interessante Variation dieses altbekannten Stoffes gelungen. Denn der Verstorbene war kein Patriarch im eigentlichen Sinne, sondern der Alt-Hippie Hans (Johannes Krisch), dessen großzügiges Anwesen zu früheren Zeiten die Heimat einer Kommune war, in der seine Kinder zwischen sich frei liebenden Erwachsenen groß geworden sind. Vom Sterbebett aus hat Hans seine Sprösslinge nun noch einmal zu sich gerufen, aber nur Niki (Philipp Hochmair) ist noch rechtzeitig gekommen, um mit dem Todgeweihten ein paar Worte zu wechseln – als seine Geschwister eintreffen, lebt Hans schon nicht mehr.

Vito (Andreas Kiendl) scheint der Tod seines Vaters näher zu gehen als den anderen, er verrennt sich im Laufe des Films in die Idee, das Haus zu renovieren und die Kommune wiederzubeleben. Mizzi (Emily Cox), die Jüngste und nach einem Unfall im Säuglingsalter von einer neurologischen Störung geplagt, interessiert sich mehr für die Tagebücher des Verstorbenen, weil sie hofft, dort noch weitere Geheimnisse über ihre Wurzeln zu erfahren. Das erste Geheimnis wurde ihr nämlich gleich zu Beginn mit der Ankunft Kyras (Andrea Wenzl) enthüllt – Mizzi wusste bis zu diesem Zeitpunkt nichts von der Existenz einer weiteren Schwester. Kyra hatte die Kommune zusammen mit ihrer Mutter verlassen müssen, und Mizzi setzt alles daran herauszufinden, warum Hans sie nicht mehr bei sich haben wollte.

Die Vaterlosen 01

Es ist Kreutzer hoch anzurechnen, dass sie den gemeinsamen Hintergrund ihrer Figuren tatsächlich als Hintergrund funktionieren lässt, ihn nicht als großes Thema ausschlachtet und Thesen über anti-autoritäre Erziehung aufstellt. Zwar sind die vier Geschwister alle durch ihre besondere Jugend geprägt, aber doch so unterschiedliche und stark gezeichnete Figuren, dass man über mögliche vereinfachende Zusammenhänge zwischen dem Aufwachsen in einer Hippie-Atmosphäre und dem jeweiligen späteren Schicksal in der „echten Welt“ gar nicht nachdenkt. Sujets wie die Probleme der Kindererziehung innerhalb alternativer Lebensentwürfe oder die geheimen Machtstrukturen in eigentlich egalitären Gemeinschaften werden angerissen, aber nicht ausdiskutiert.

Nur die zwei Außenseiter – Kyras Freund Miguel (Sami Loris) und Vitos Liebschaft Sophie (Pia Hierzegger) – sehen den Bauernhof mit jenen Vorurteilen, die Kreutzer zu vermeiden sucht: Vor allem Miguel ist zwar erst begeistert von den Erzählungen über Hans und dessen Vision, je mehr sich aber in der Erinnerung seiner Freundin an die scheinbar heile Kommunenwelt Risse bemerkbar machen, desto eher fühlt er sich abgestoßen, hat genug vom Hippietum und sucht die Nähe Sophies.

Die Haupthandlung funktioniert vor allem wegen der klug ausgearbeiteten Figuren und des starken Ensembles. Blicke und versteckte Andeutungen verraten viel über die Beziehungen zwischen den Geschwistern, vor allem auch viel über den verstorbenen Hans, der die von ihm propagierte Freiheit wohl stets zuallererst für sich beansprucht hat. Das Problem ist, dass Kreutzer es nicht bei Andeutungen belassen will. Sie visualisiert die Erinnerungen mit stilisierten Rückblenden im Polaroid-Look und lässt ihren Film damit immer wieder unnötig ins Plakative gleiten. Der heutige Blick auf die Kommunen der 1960er und 70er Jahre ist eben doch erst einmal ein klischeebeladener Blick, und dieses Klischee kann in so wenigen Szenen nicht dekonstruiert werden. Später werden auch in der Haupthandlung die Dialogzeilen zunehmend deutlicher, und vieles von dem, was man als Zuschauer eigentlich spüren sollte, wird schließlich doch explizit ausgesprochen.

Wenn am Ende noch das Geheimnis gelüftet wird, wie es zu Mizzis Unfall kam und was Kyras Weggang damit zu tun hatte, hat Die Vaterlosen seine anfängliche Kraft längst eingebüßt. Diese letzte Wendung steht in keiner Beziehung zu den Themen, die zuvor verhandelt wurden, und die Regisseurin opfert den Film einem vermeintlichen Überraschungseffekt, anstatt ihn leise ausklingen zu lassen. Sie zeigt, erklärt und stopft damit Löcher, die wunderbar hätten offen gelassen werden können. Dass Marie Kreutzer so zum einen die Spannung künstlich aufrecht erhält und sich zum anderen nach allen Richtungen absichert, das ist die große Schwäche dieses Films. Mehr Vertrauen in die Grundidee, mehr Reduktion, mehr Platz für das Darstellerensemble, das hätte man sich hier gewünscht.

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Kommentare


Matthias Grebenstein

Ich danke den Beteiligten für den wirkungsvollen Film!
Danke auch für die differenzierte Filmkritik von Till Kadritze. Hier wurde mir aber zu viel über das vermeintliche Hippieleben nachgedacht.
Der Film scheint das Leben in der Hippie-Kommune doch eher nur als Randthema, bzw. als Bühne für etwas anderes zu nutzen. Dafür spricht, dass die Rückblicke erst dort einsetzen, wo die Kommune auseinanderbricht. Wir erfahren nichts über die vermutlich heiklen Wendepunkte. Es geht also gar nicht um den Lebensstil.
Die filmischen Rückblicke dienen vielmehr dem Verstehen, wie die Beteiligten Abschied und Trennung erlebt haben. Dies scheint zentral, denn das Thema, das im Titel des Filmes angedeutet wird, ist aus meiner Sicht das Erleben der Figuren von Bindung und Beziehung sowie eben die mögliche Bedeutung eines Vaters, der nur mehr oder weniger präsent ist. Hier laufen im Film mehrere Ebenen zusammen und lediglich Miguel spricht mögliche lebensgeschichtliche Zusammenhänge direkt an.
Im Film zeigen die Darsteller, unterstützt von einer wunderbar nahen Kameraführung, wie es in der Seele der Figuren rumort. Es ist keine spektakuläre oder furcht erregende Betroffenheitsdramatik, sondern eine ganz unterschwellige und kaum sichtbare, innere Zerrissenheit, die sich in ihrer Intensität gerade darin zu unterscheiden scheint, inwieweit Hans' Kinder ihre Beziehung zum Vater als hinreichend gut oder eben nicht gut erlebt haben.
An dieser Stelle hätte ich mir einzig noch einen stärkeren Blick auf Hans gewünscht, mehr Szenen, die ihn in der Interaktion mit seinen Kindern zeigen. Andererseits belässt es der Film gerade hier bei kräftigen Andeutungen, die zum Weiterdenken anregen. Noch mehr Reduktion hätte dem Film an dieser Stelle nicht gut getan.
Dass Kyra dann am Ende selbst das Auto fährt, sich dabei dann zuerst freiwillig in einem Schulterblick von einer wichtigen Person trennt und dann noch auf den ihren geliebten Niki trifft, den sie damals gezwungenermaßen zurücklassen musste und der ihre Ziehharmonika aus Kindheitstagen heuer lässig auf der Schulter spazieren trägt, war dann noch ein wenig Hollywood am Schluss. Eine nette Idee, vor allem, weil sich wohl viele Menschen wünschen, Frieden mit ihrer Biographie zu finden. Oder war es einfach ein trügerisches Harmoniebedürfnis?
Ich bin da eher ein Anhänger des Unbehagens, in dem die vielen ungelösten Fragen einfach mal im Raum stehen bleiben. Hier gebe ich Till Kadritze recht: das gab es Löcher, die gerade wegen des aufwühlenden Themas, wunderbar hätten offen gelassen werden können.


Liesel Kneidl

Ein biederer, konventioneller, leidenträchtiger film einer unbegabten frau der das handwerk und viel fantasie für spannung fehlt. sie sollte doch besser buchhändlerin werden und träumen, statt uns mit komunen zu langweilen , und filmstoffen, die schon längst gegessen sind. abgeschaut und schlecht. die unbegabung des jahres


Matthias Grebenstein

Sehr geehrte Frau Kneidl. Sie können den Film selbstverständlich für bieder, konventionell oder leidensträchtig halten. Dass Sie die Regiseeurin jedoch persönlich als unbegabt hinstellen, und ihr auch noch Ratschläge zu geben meinen, finde ich ungerecht und unfair. Ich frage mich vielmehr, was Sie, Frau Kneidl, dazu veranlasst? Vielleicht eine eigene unverarbeite Erfahrung? Wenn Sie mir zu dieser Vermutung einen Ratschlag erlauben: Vielleicht sollten Sie Ihren Frieden damit besser therapeutisch suchen als im Kino - zumal in einem Film, der die Dynamik unverarbeiteter Erfahrung, sanft und doch drastisch zum Ausdruck bringt. Dieses Thema nutzt sich nie ab! Das sieht man im Übrigen auch an unseriösen Kritikien wie der Ihren. Und zum Schluss noch an die Adresse der Regisseurin: Trotz dramaturgischer Schwächen - Danke für Ihren Mut zu leisen Tönen.


stefan hering

Lieber Herr Grebenstein,
es ist ja sehr schön, dass sie diesen Film für gut halten. Allerdings halte ich die Kritik von Frau Kneidl für nicht übertrieben


Albert Holub

Wir, meine Frau und ich, haben den Film sehr genossen. Die Figuren wirken meiner Meinung nach recht autenthisch und das posthume "Familienleben" der wiedervereinten Kinder ist in seiner ganzen Widersprüchlichkeit eine Hommage an das Leben in Gemeinschaften.
Das happy end wäre nicht nötig gewesen, ist aber für mich zum aushalten.






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