Die Kunst zu lieben

In seinem Episodenfilm ist Emmanuel Mouret mal wieder der Liebe auf der Spur und schafft die Gratwanderung zwischen pathetischer Tragik und subtiler Komik.

Die Kunst zu Lieben 1

Der in Deutschland lebende französische Autor Alain-Xavier Wurst hat sich vor Kurzem in einem Zeit-Artikel über die fehlende Flirtkultur in Deutschland echauffiert und ein Loblied auf französische Filmkomödien gesungen, in denen die Frau zwischen zwei Männern zögert und zur Entscheidungsfindung völlig komplexfrei mit beiden schläft – für Wurst in deutschen Filmen undenkbar. Emmanuel Mourets Episodenfilm Die Kunst zu lieben gefiele ihm sicherlich gut. Gleich in einer der ersten Szenen rät eine Frau ihrer allein stehenden Freundin, sich einen Liebhaber zu nehmen, um nicht aus der Übung zu kommen und überhaupt ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun. Auf den ersten Blick bedient der Film aus deutscher Perspektive das Klischee von Frankreich als dem „Land der Liebe“.

Eine pathetische Stimmung, die sich im Komischen entlädt

Die Kunst zu Lieben 2

Genauer gesagt dreht sich bei Mouret alles ums „désir“, um Verlangen und Leidenschaft, diese instabilen Gefühle zwischen zwei Menschen, die genauso schnell wieder verpuffen können, wie sie entstanden sind. Anstatt sich auf eine Handlung zu konzentrieren, entwirft Mouret eine Handvoll Episoden – auffälligerweise mit ausschließlich heterosexuellen Paaren –, die locker miteinander in Berührung kommen und sich ergänzen. Da ist der Komponist (Stanislas Merhar), der vor seinem Tod nie die große Liebe kennenlernen durfte. Die Mittdreißigerin Isabelle (Julie Depardieu), die immer noch auf sie wartet. Das alternde Paar (Philippe Magnan und Ariane Ascaride), das die Leidenschaft verloren hat und sich trennen will. Die langjährigen besten Freunde (Judith Godrèche und Laurent Stocker), die sich plötzlich ihre körperliche Anziehung eingestehen. Ein junges glückliches Paar (Élodie Navarre und Gaspard Ulliel), das lieber getane Dinge bereuen als nicht getane bedauern möchte und dann über seine eigene Freiheit stolpert. Und schließlich die beiden alleinstehenden Nachbarn (Frédérique Bel und François Cluzet), die viel verbindet, aber eigentlich viel mehr voneinander trennt.

Die Kunst zu Lieben 4

Einigen dieser Geschichten gibt Die Kunst zu lieben mehr Raum als anderen; das verbindende Element ist das Gefühl des Verliebtseins, das Mouret als das Ertönen individueller Melodien beschreibt. Der massive Einsatz klassischer Musik von Mozart über Schubert bis Brahms verleiht dem Film eine recht pathetische Stimmung; glücklicherweise gelingt Mouret meistens rechtzeitig die Entladung im Komischen. Eine allwissende Erzählerstimme sowie Liebesweisheiten, die als Zwischentitel vor den einzelnen Episoden eingeblendet werden, erinnern an das literarische Kino der Nouvelle Vague, die ihre Vorbilder in den Schriftstellern des 19. Jahrhunderts fand.

Keusche Beziehungen

Die Kunst zu Lieben 6

Und auch thematisch knüpft Mouret, der mit seinem Titel das gleichnamige berühmte Werk Ovids zitiert, an die literarische Tradition des Liebesromans an, denn allen Episoden liegt das Muster eines „mensonge romantique“ zugrunde, einer romantischen Lüge im Sinne René Girards. Auch wenn es Isabelles Freundin Zoé (Pascale Arbillot) so behauptet, sind Mourets Figuren nicht frei von moralischen Konventionen und können ihre Leidenschaft keineswegs selbstbestimmt ausleben. Vielmehr ist diese vermittelt und gespiegelt im Verlangen eines Anderen, egal, ob es sich um den ewig sich Verliebenden (Cluzet als Achille) oder den sich neu Verliebenden (Magnan als Paul) handelt. Judith Godrèches Figur der bourgeoisen Amélie, die aus Nächstenliebe bereit ist, alles zu geben außer dem eigenen Körper, und die, um die eigene Moral zu retten, wie eine Amélie Poulain wider Willen mit den wildesten Tricks zwei sich verkennende Seelen zusammenführt, erkennt ihr eigenes Begehren erst im Begehren der Freundin – als sie sich selbst hoffnungslos ins Aus katapultiert hat. Vielleicht ist dieser Handlungsstrang der gelungenste, weil er das moralische Dilemma seiner Figuren in einer gelungenen Balance aus Tragödie und Komödie inszeniert.

Die Kunst zu Lieben 8

Auch wenn die Figuren nur an das eine denken und nur über das eine sprechen, bleiben ihre Beziehungen überraschend keusch. Der Liebesakt wird im Dunkeln hinter den zugeklebten Vorhängen eines Hotelzimmers vollzogen, und auch der Seitensprung findet letztendlich nur im Traum statt. Vor allem aber wird, in schönster Rohmer’scher Tradition, über die Liebe geredet, um das eigene Gewissen zu beruhigen oder das des anderen. Und um schließlich, auch das wird in den Filmen von Eric Rohmer vorgelebt, im vorgesteckten Rahmen der gesellschaftlichen Konventionen zu bleiben und (fast) nichts zu tun. Am Ende des Films stellt sich die Frage, ob die flirtfreudigen Franzosen nun auch das aufregendere Liebesleben haben. Herr Wurst, können Sie uns das beantworten?

Trailer zu „Die Kunst zu lieben“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.