Thursday Till Sunday

Ein beachtliches chilenisches Regiedebüt auf der Viennale zeichnet eine Familienkrise auf Rädern.

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Als Archetypus des Road Movies entstand Easy Rider (1969) vor dem Hintergrund einer krisengebeutelten US-amerikanischen Gesellschaft während des Vietnam-Krieges. Das Leben on the road als einzig mögliche Alternative zur zeitgenössischen Gesellschaft und deren gegenwärtigen Lebensentwurf. Das ständige Unterwegssein ohne Ziel als Dekonstruktion des American Dream. Im Spielfilmdebüt von Dominga Sotomayor ist es der Mythos von der glücklichen Kindheit samt Familienidyll, der auf einer Reise im Angesicht einer Ehekrise anfängt zu bröckeln.

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In Thursday Till Sunday (De jueves a domingo) macht sich eine vierköpfige Familie in ihrem in die Jahre gekommenen Kombi von Santiago auf in den chilenischen Norden. Zu Beginn sind die Rollen klar verteilt: Die beiden Kinder lenken sich unbeschwert auf der Rückbank mit Spielen ab. Die Eltern versuchen, deren heile Welt zu wahren. Selbst reden sie jedoch betont wenig, während der Vater am Steuer sitzt. Wie in Rolling Family (Familia rodante, 2004), wo sich eine ganze Großfamilie in einem alten Wohnmobil von Buenos Aires auf den Weg in den Norden Argentiniens macht, beginnt die Fahrt als fröhlicher Urlaubstrip einer intakten Familie, entpuppt sich jedoch – je weiter sie sich von der städtischen Zivilisation entfernen – als letzte gemeinsame Reise vor der Trennung der Eltern.

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Die unbeschwerte Welt der Kinder wird stets als Gegensatz zur zerrütteten Beziehung der Erwachsenen inszeniert. Exemplarisch wird dies in einer Szene veranschaulicht. Die beiden Kinder fahren ein kurzes Stück auf dem Dachgepäckträger des Autos mit. Ihr Blick fällt nach unten durch die Heckscheibe auf die Eltern, die auf diese Weise wortwörtlich auf dem Kopf stehen. Zusätzlich erschüttert die Fahrt auf dem Schotterweg das Bild. Subtil beleuchtet die Regisseurin die angespannte Stimmung zwischen der Mutter Ana (Paola Giannini) und ihrem Mann (Francisco Pérez-Bannen), dessen Figur – als einzige ohne Namen – mehr als Prototyp denn als Charakter funktioniert. Beider Sachlichkeit und Kommunikationsarmut stehen im direkten Gegensatz zu der Zuneigung und dem Verständnis, das sie ununterbrochen für ihre Kinder aufbringen.

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Während der Sohn Manuel (Emiliano Freifeld) noch zu klein ist, um die Probleme seiner Eltern wahrzunehmen, ist es die 10-jährige Lucía (Santi Ahumada), die eine leise Vorahnung zu hegen beginnt. Auf ihrer Perspektive liegt der Fokus von Thursday Till Sunday. An den verschiedenen Haltestellen der Reise folgt ihr die Kamera auf Streifzüge durch die Umgebung. In unbeweglichen Einstellungen beobachtet sie gemeinsam mit ihr die Eltern aus der Ferne. Von der Rückbank aus hört der Zuschauer an ihrer Seite zusammenhanglose Gesprächsfetzen über eine Wohnung, die der Vater für sich mieten will. Durch die Nähe der Kamera zu Lucía, die uns einen unschuldig-naiven Blick auf die Geschehnisse offenbart, fühlt sich der Zuschauer wie ein weiteres Kind der Familie behandelt, dem die Eltern ebenso wie den anderen beiden ihre Probleme verheimlichen.

Dennoch spürt man, dass es unter der Oberfläche brodelt. Sowohl die trügerische Stimmung im vermeintlich sorgenfreien Urlaubsidyll, die für die Kinder aufrecht erhalten wird, als auch eine mangelnde Fähigkeit innerhalb der Familie über Probleme offen zu sprechen, beschwören die Atmosphäre von Der Morast (La ciénega, 2000) der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel herauf.

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Gleichzeitig handelt es sich um eine Reise des Ausbruchs aus dem statischen Familiengefüge. Deren Auflösung und die Entfremdung der Eltern stellt Sotomayor in vielen Nuancen dar. Das Auto versinnbildlicht den bisherigen Lebensraum Familie, welcher im Laufe der Reise mehr und mehr im Kontrast mit der Außenwelt aufgespalten wird. Zwei junge Tramperinnen gesellen sich mit auf die hinteren Sitzbänke, deren Unabhängigkeit die festgefahrene Situation der Mutter augenfällig macht. Im Motel ist es der Vater, der allein auf dem Boden schläft.

Im Gegensatz zur Enge innerhalb des Fahrzeugs wird die Weite der kargen Landschaft des chilenischen Nordens rund um das Gebiet der Atacama-Salzwüste inszeniert. Metaphorisch bietet sie den Schauplatz für den Zerfall der Familie. Hier sind die Figuren jenseits des Familiengefüges als Individuen zu erleben. Während jeder einzelne im Innenraum des Autos bedrängt durch die anderen in seiner familiären Rolle gefangen auftritt, erscheinen sie hier verloren in der Unendlichkeit der Möglichkeiten, die ihnen außerhalb des gewohnten Zusammenlebens offensteht.

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Dominga Sotomayor inszeniert in Thursday Till Sunday das Schlittern der Familie in die Krise als universelles Road Movie. Das Besondere liegt in der Feinfühligkeit, mit der sie ihre Protagonisten zeichnet, in der subtil-beobachtenden Kameraarbeit, mit der sie deren verschiedene Stimmungslagen einfängt und im Detailreichtum, mit dem sie die Dynamiken innerhalb der Familie akzentuiert.

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