Mutter und Sohn

Mama richtet’s schon. Von hilflosen Männern und schwachen Rechtssystemen.

Pozitia copilului 01

Komisch, dass Calin Peter Netzers Mutter und Sohn (Pozitia Copilului) im Wettbewerb der Berlinale läuft. Denn sollte er dort ausgezeichnet werden, wäre das nach eigener Logik ein Anschlag auf seine Wirkungsmacht. James Agee hat mal mit bebender Feder gegen den „Judaskuss“ der öffentlichen Akzeptanz angeschrieben, dessen tödlichste Waffe das Label „Kunst“ sei: „In God’s name don’t think of it as Art“, warnte er im Vorwort zu Let Us Now Praise Famous Men, seiner elegischen Reportage über die in bitterer Armut gefangenen Sharecroppers des Depressionsamerika. Jede Empörung werde zielsicher dann neutralisiert, wenn sie die Hochkultur als Kunst umarmt.

Pozitia copilului 04

Man braucht diese Position nicht gelten lassen, aber Caroline (Luminita Gheorghiu), zentrale Figur in Mutter und Sohn, ließe sich gut zu ihrer Illustration anführen. Die blondierte Endfünzigerin ist das Paradebeispiel für eine kunstbeflissene Upper Class ohne soziales Gewissen, die im Post-Ceauşescu-Rumänien weiterhin mit ein paar Briefumschlägen voll Geld und Kontakten zu Gott und der Welt klarstellt, dass vor dem Gesetz manche gleicher sind als andere. Ihrem verzogenen, hypochondrischen Sohnemann Barbu (Bogdan Dumitrache), der bei einer nächtlichen Raserei einen Jungen totgefahren hat und nun, auf Mamas Verhandlungsgeschick vertrauend, indigniert an allem außer an sich selbst rummosert, hat sie mal Bücher geschenkt. „Eine Herta Müller und einen Pamuk“, sagte sie mit der Slimzigarette im Mund zur sich unwohl windenden Putzfrau, „Nopelpreis, das ist wenigstens was.“ Später, wenn sie für den leidenden Sohn ein paar Sachen aus dessen einrichtungskatalogtauglicher Designerwohnung abholt, packt sie die Bücher vom Regal wieder in die Tasche. Die Sticker prangen noch auf dem Cover: Der beste Grund, ein Buch nicht aufzuschlagen, ist der Nobelpreis. Man kann sich dann ja sicher sein, dass es schon genug Leute gelesen haben.

Pozitia copilului 03

Netzer beweist nach seinem tragikomisch-kritischen Ehrenmedaille (Medalia de onoare, 2009) erneut, dass er Figuren, Gegenstände und Räume präzis im sozial-ökonomischen Koordinatensystem verorten und verschieben kann. Als Caroline und ihre gut vernetzte Freundin Olga die kleine Polizeistation aufmischen, in der Barbu nach der Todesfahrt verhört wird, sind ihre Pelzmäntel nicht minder Uniformen wie diejenigen der Beamten, und ihr ständiges Herumwurschteln mit großen Smartphones ist ein klares Signal, dass man schon mit dem höherrangigen Offizier, dem Anwalt, dem zuständigen Arzt in Verbindung steht. Alte Elite, neue Elite: Ob Diktatur oder neoliberale Demokratie, der Filz bleibt der gleiche. Nachdem ein Polizist Carolines Namen gegoogelt hat, fragt er ganz unverbindlich, ob die Architektin nicht vielleicht einem Freund bei Bauproblemen behilflich sein könnte.

Mutter und Sohn verschreibt sich einem radikalen Psychorealismus, bei dem alles über die Figuren funktioniert. Caroline und ihr Barbu sind keineswegs sympathisch, aber ihre leicht inzestiöse Dynamik zwischen Einzelkindsyndrom und erstickender Mutterliebe dockt ununterbrochen an weiter gefasste Problemfelder der heutigen rumänischen Gesellschaft an. Doch je mehr Zeit man mit Caroline – hinter deren Präsenz sich die Schauspielerin Gheorghiu quasi zum Verschwinden bringt – teilt, desto mehr wächst sie einem ans Herz, gerade weil man die eigene Ablehnung so gut an ihr schärfen kann. Als Vergleichspunkt könnte Bong Jon-Hoos Mother (2009) herhalten, der eine auf ähnlich rabiat-kompromisslose Weise herumschnüffelnde Mutter im Kampf um ihren Sohn und gegen das Gesetz porträtiert. Man lernt dabei, ganz nebenbei, so einiges über polizeiliches Prozedere, denn Caroline mischt sich in alle Schritte der Ermittlungen als skeptischer Zaungast ein.

Pozitia copilului 02

Seine Figuren sind Netzers Kapital: Sie sind realistisch im besten, fast Faulkner’schen, Sinne, jeder charakterliche Widerspruch hat nachvollziehbare Gründe, jede Schwäche erzeugt soziales Feedback. Was man vom Drehbuch nicht vorbehaltlos sagen kann: Der Topos „Verkehrsunfall = Clash der sozialen Klassen“ ist doch schon reichlich abgearbeitet. Der tote Junge kommt natürlich aus den ärmeren Bevölkerungsschichten.

Die Frauen haben bei Netzer die Hosen an. Ähnlich wie beim alten Sprichwort „Ein Chef ist nur so gut wie seine Sekretärin“ heißt es hier, dass jeder Mann so hilflos oder stark ist wie die Damen in seinem Umkreis. Einmal unterhält sich Caroline mit der ihr vor Eifersucht verhassten Freundin des Sohnes (Ilinca Goia): „Lass uns ehrlich sein. Wir müssen zusammenarbeiten, damit er nicht ins Gefängnis kommt.“ Die Macht der Frauen ist jedoch keine Chiffre für anti-rechtstaatliche Mauschelei und Filz, der Film ruft nicht nach einer neuen, männlich-präzisen Ordnung. Nein, es ist eine praktische, findige Macht der Deals und Kompromisse, eine Alltagsmacht, die man, egal was ihre Mittel sind, auch bewundern kann.

Pozitia copilului 05

Leider aber bleibt Netzer inszenatorisch sehr im Altvertrauten: Seine lang andauernden, weich schattierten Handkamerabilder lassen Mutter und Sohn etwas unerheblich wirken. Auch akustisch ist der weitgehende Verzicht auf extradiegetische Musik und die Verwendung von dem Visuellen entsprechenden Soundperspektiven altbekannt. Man hat sich an diesen Stil doch mittlerweile so weit gewöhnt, dass man die wahrscheinlich einstmals intendierten Realismuseffekte nur noch als inszenatorische Behauptung wahrnimmt. So wird diesem scharfen und beachtenswerten Film, der die klassische, komplexe Kunst des Einfühlungsschauspiels meisterhaft zur Anwendung bringt, viel von seiner Brisanz geraubt. Und außerdem: Eine solche Geschichte auf diese Weise aufzubereiten, schreibt sich ein in eine ständig wachsende Liste von Filmen zwischen Dardenne und Puiu, die schon seit geraumer Zeit kulturell und ästhetisch assimiliert worden sind. Es wäre zu wünschen, dass Netzer nicht bald verschweißt und mit dem Sticker „Silberner Bär für die beste Hauptdarstellerin“ im DVD-Regal der rumänischen Intelligenzia landet.

Trailer zu „Mutter und Sohn“


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