sr – Kritik
Weit sind sie herumgekommen mit ihrem langen Hals. Höflich beobachtend sammelt Lea Hartlaubs Dokumentarfilm sr in der Welt und der Kulturgeschichte Giraffen ein.

Die Giraffe ist, aus menschlicher Perspektive, ein sympathisches Tier: sozial, die Care-Arbeit wird in der Gruppe verteilt, außer in reinen Männergruppen nicht hierarchisch orientiert, nicht aggressiv, recht empfindsam. Sie pflückt sich die Nahrung von Baum und Strauch, sie steht in der Landschaft, da ist sie im ersten Bild dieses Films zu sehen, aber beinahe auch wieder nicht. Das Bild ist ein Tableau, wie viele noch folgen, die Kamera blickt in einer fast unendlich weiten Totalen auf ein Wimmelbild der Natur. Ein Bergrücken, Bäume vorne, Sträucher hinten, Licht und Schatten darin und zwischen dem Licht und dem Schatten, den Bäumen und den Sträuchern stehen, wenn man genau hinsieht, Giraffen. Im nächsten Bild, wieder starr, wieder Tableau, die Totale nicht mehr ganz so unendlich, ist man ihnen etwas nähergerückt.
Tableaus mit einem Hang zur Symmetrik

Sie taucht mit ihrem langen Hals aber auch in der Kulturgeschichte vielerorts auf. Lea Hartlaub hat einen Film gedreht, in dem sie dem gespaltenen Huf des Tiers mit Geduld, Neugier, Insistenz folgt. Es ist eine höfliche, die Distanz wahrende Annäherung an ein Wesen, das, wie sich im Verlauf immer deutlicher zeigt, sehr weit herumgekommen ist, seit es sich das Leben auf diesem Planeten mit dem Menschen teilt. In Afrika ist der Ursprung, bis in frühgeschichtliche Höhlen, wo man sie an die Wand gemalt hat, reichen die Dokumente des gemeinsamen Lebens. Von den damaligen Mythen und der Rolle der Giraffe darin ist nichts überliefert. Die Bilder sind nur Reste, Spuren eines Reims, den sich die Menschen auf Natur, Tier, die Rolle ihrer selbst in der Welt gemacht haben: das alles ein Zusammenhang, der verloren ist, nur die Giraffe und die anderen Tiere sind als Zeichen, die für immer ins Leere gehen werden, noch da.
Auch den Menschen, die von Giraffen erzählen, dem Tier und dem, was der Mensch aus ihm macht, nähert sich Hartlaub mit höflichem Abstand. In Tableaus mit einem Hang zur Symmetrik. Dabei ganz und gar nicht mit den Filmen Ulrich Seidls verwandt (in dessen Safari eine Giraffe, von Jägern getötet, es zerreißt einem das Herz, stirbt), der die Wirklichkeit brutal ins Bild arrangiert. Die Kamera von sr ist eine, die, was sie zeigt, zwar rahmt, hält und fasst. Aber immer mit Abstand, neutral, so still, dass sie die Orte, an denen sie ist, und die Tiere oder Menschen darin, kaum irritiert.
Tier-, Raum-, Zeitzeugenschaft

Zum nüchternen - wiewohl oft schönen - Tableau kommt eine Stimme, die fast schon provozierend neutral schildert, zusammenfasst und erklärt. Man erkennt hier die alte WDR-Schule, ursprünglich, so weit geht es zurück, hat der 2018 verstorbene einstige Redakteur Werner Dütsch - dem im Abspann an erster Stelle gedankt wird -, dieses Projekt unterstützt. Die Stimme selbst gehört der Schriftstellerin Dorothee Elmiger, radikal reduziert, in keine Richtung gefärbt, selbst der schweizerische Akzent ist fast völlig getilgt.
Wenn sie Aufnahmen zeigt, die sie findet, Fotos, Filme, zieht Lea Hartlaub einen Rahmen darum. Sie setzt die Mitarbeiterinnen der Archive noch mit ins Bild: am Tisch, alte Wochenschauen durchsuchend, die Stelle findend, an der es um den exploitativen Zoo-Direktor Hagenbeck geht. Es versteht sich von selbst, dass der Film in vielen Kapiteln die Kolonialgeschichte streift und erzählt. Giraffen werden entlang Linien verschoben, die von den Mächten gezogen worden sind. So landen sie auf den Philippinen, in Israel, in China oder eben in Hagenbecks Zoo. Hartlaub hat es nicht nötig, das zu unterstreichen. Sie postiert sich aber verlässtlich mit der Kamera in der Gegenwart und vor Ort: so höflich wie trotzig. Eine Tier-, Raum- und Zeitzeugenschaft entschlossener Art.
Durch den Dschungel werden Pfade geschlagen

Geschichten, in die die Giraffe sich einschleicht: In der Erzählung von Noahs Arche ist die Rede von einem zehnten koscheren Tier, dem Zemer. Die Gelehrten streiten sich darüber, ob damit die Giraffe gemeint ist. Die Religionsgelehrten streiten sich darüber, ob sie also ein koscheres Tier ist. Die Giraffe wird geschächtet, ein etwas absurder Pfad, dem Hartlaub bis in einen Seminarraum in Israel folgt, wo sie dem Dozierenden lauscht und sich mit der Kamera wie gehabt im Hintergrund hält. Der philippinische Diktator hat eine ganze Insel zu einem Reservat für wilde Tier bestimmt. So ist die Giraffe hierhin gelangt. Die ursprünglichen Einwohner wurden vertrieben, dann gewannen sie vor Gericht und sind wieder zurück. Durch den Dschungel werden Pfade geschlagen für die Tiere, mit denen die Zurückgekehrten sich nun den Platz teilen müssen. In China sitzt eine Literaturprofessorin an ihrem, wie es scheint, häuslichen Tisch und liest aus einem Text aus der Zeit der Ming-Dynastie, in dem die Giraffe, die einst als Gabe ins Reich der Mitte gelangt, erscheint.
So geht das durch den Raum und die Zeit. So sammelt Hartlaub Geschichten. Sie dokumentiert und assoziiert, was aber in der Figur der Giraffe immer einen klaren Zusammenhalt hat, so sehr sich die Spuren in buchstäblich alle Welt zerstreuen. Der Film sammelt sie ein. Er zwingt sie zu nichts, so dass dieser Streifzug durch die Kulturgeschichte nie ein Beutezug ist. Mit der Deutung ihres Tuns hält sich Hartlaub dabei, wie mit allem, höflich zurück. Noch der Titel macht sich klein. sr ist die Umschreibung einer ägyptischen Hieroglyphe für die Giraffe, einer Hieroglyphe, die etwas wie “vorhersagen, prophezeien” bedeutet.
Am Ende geht es nach Afrika zurück. Zwei riesige Giraffen, in vorsintflutlicher Zeit in die Felsen gemeißelt. Der Ort ist Niger, der zur Bewachung der Dabous-Giraffen angestellte Mann, bekommt schon eine Weile kein Geld mehr. Die Touristen bleiben ohnehin aus. Drei Männer sitzen unter einem Baum und sprechen. Die Kamera von Lea Hartlaub ist mit dabei, wir hören zu, wie stets mit höflichem Abstand. Letztes Tableau: die Dabous-Giraffen. Nur einen kurzen Moment mitten am Tag treten sie ganz aus dem Schatten, sind im Licht der Sonne zu sehen. Da sehen wir sie. Worauf eine letzte Schwarzblende folgt.
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