Un Poeta – Kritik

In Un Poeta erzählt Regisseur Simón Mesa Soto eine tragikomische Geschichte über einen Dichter, der sein Leben gründlich versemmelt hat. Nüchterner Sozialrealismus verbindet sich mit Momenten unerwarteter Schönheit – am Ende bleibt nur die Hoffnung auf ein fröhliches Gedicht.

„Wo Leiden ist, da ist heiliger Boden“, zitiert Oscar (Ubeimar Rios) in einer Szene in Un Poeta eines seiner literarischen Vorbilder. Dass auch in seinem eigenen Leid ein heiliges Versprechen steckt – der Keim eines großen Dichterschicksals –, davon ist Oscar tief überzeugt, vor allem, wenn er mal wieder einen Aguardiente zu viel gestürzt hat. Dann ist der verkrachte Dichter ganz in seinem Element, deklamiert Liebesgedichte auf offener Straße, schwelgt in Erinnerungen an längst vergangene literarische Erfolge oder vergleicht sich mit seinem großen Idol, dem kolumbianischen Nationalpoeten José Asunción Silva – ein Versager in den Augen seiner Zeitgenossen, dessen Porträt heute die kolumbianische 5000-Peso-Note ziert. Das Dichten, weiß Oscar, ist ein schweres Los, eine harte, undankbare Arbeit, von der der Schreibende selbst nichts hat, außer der kühnen Hoffnung, dass das eigene Werk die Zeit überdauern wird und man weiterlebt in den Herzen und Köpfen und auf den Geldscheinen der Nachwelt.

Unsentimentales Coming-of-Middle-Age-Drama

Dumm nur, dass Oscar nichts tut, was diese Hoffnung auf ein ruhmreiches Nachleben rechtfertigen würde. Ein Gedicht hat er schon seit Jahren nicht mehr geschrieben. Wenn er nicht gerade trinkt und von fiktiven Buchprojekten schwadroniert, badet er in Selbstmitleid, pumpt sich bei seiner jugendlichen Tochter (um die er sich nicht kümmert) Geld oder bietet sich seiner betagten Mutter (die ihn bei sich wohnen lässt) ungefragt als Sterbebegleiter an. Auf Drängen seiner Schwester nimmt Oscar schließlich eine Aushilfsstelle als Philosophielehrer an. In der Schule lernt er Yurlady (Rebeca Andrade) kennen, ein unscheinbares 15-jähriges Mädchen aus einem Brennpunktviertel, das bemerkenswert kluge und feinfühlige Gedichte schreibt. Oscar ist begeistert. Er erklärt sich kurzerhand zu Yurladys Mentor und bringt sie mit den Veranstaltern eines Literaturfestivals in Kontakt. Doch die Schülerin verfolgt schon bald ihre eigenen Ziele.

Ein jugendliches Schreibtalent aus prekären sozialen Verhältnissen und ein trinkender Möchtegernpoet, der verzweifelt nach einem Lebenssinn sucht: Dass das nicht gutgehen kann, ist in Simón Mesa Sotos zweitem Langspielfilm von Beginn an klar. Nach seinem Debüt Amparo (2021) über die Verheerungen des kolumbianischen Drogenkriegs in den 1990ern präsentiert der Regisseur diesmal ein betont unsentimentales Coming-of-Middle-Age-Drama, das wenig Gutes für seinen verpeilten Antihelden bereithält. Bald schon lautet die Frage nicht mehr, ob Oscar aus dem Loch, in dem er steckt, wieder herauskommen wird, sondern, wie viel tiefer er noch sinken kann.

Von bedröppelt bis cringe

Mit viel Geduld und zahlreichen dramaturgischen Volten bereitet Mesa Soto den unvermeidlich katastrophischen Höhe- bzw. Tiefpunkt seines Films vor. Davor jedoch gönnt er seinem Protagonisten ein paar (wenn auch trügerische) Hoffnungsmomente: Durch seine Begegnung mit Yurlady schöpft Oscar neuen Lebensmut. Er hört auf zu trinken, Kollegen klopfen ihm anerkennend auf die Schulter, seine Schüler*innen bitten ihn vertrauensvoll um Rat, sogar seine Tochter wendet sich ihm wieder zu. Einen kurzen Augenblick lang darf Oscar spüren, wie viel leichter und erfüllter ein Dasein ohne Leidenspose ist, ohne das Beharren auf ein Schicksal als verkanntes Genie.

Hauptdarsteller Ubeimar Rios, der selbst Dichter ist und Philosophie unterrichtet – und der vor dem Dreh von Un Poeta noch nie vor einer Filmkamera gestanden hatte –, spielt Oscar mit beeindruckender Intensität. Von liebenswert-bedröppelt über ätzend selbstmitleidig bis cringe an der Grenze zur Groteske deckt seine Performance fast sämtliche Facetten des Tragisch-Komischen ab. Um einiges reduzierter, aber nicht weniger eindringlich ist das Spiel von Rebeca Andrade in der Rolle der Yurlady. Mit ihrer stillen, rätselhaft gleichmütigen Präsenz bildet Andrades Figur das atmosphärische Kraftzentrum des Films. Während Oscar zielsicher von einer kompromittierenden Situation in die nächste stolpert, sitzt Yurlady oft einfach nur da und beobachtet selbstvergessen das Spiel von Lichtreflexen in ihrer Umgebung. Diese Szenen, die ganz dem Jetzt verpflichtet sind, werden auf grobkörnigem 16mm mit delikat ausgefransten Bildrändern gefilmt – mit einem Wort: Poesie.

Ein kleines Wunder

Schroffer Sozialrealismus und das sinnliche Feiern des Besonderen, beides bekommt Kameramann Juan Sarmiento G. lässig unter einen Hut. Auch inhaltlich gelingt Un Poeta dieser Spagat. Soziale Ungleichheit, tokenism im Literaturbetrieb, der männliche Hang zum permanenten Schwanzvergleich (in einer Szene auch ganz buchstäblich), Väter, die sich aus der Verantwortung stehlen, und Töchter, die beschließen, dass sie allein besser dran sind – von all diesen Dingen erzählt Mesa Soto in seinem Film packend und engagiert, ohne das spezifisch Menschliche und Individuelle seiner Figuren aus dem Blick zu verlieren.

Un Poeta ist kein Lehrstück, sondern ein Film über einen einzelnen Mann, der sich ändern will. Dass man Oscar diesen Willen zur Veränderung auch abnimmt, trotz seines Talents, verlässlich das Falsche zu tun, ist das große kleine Wunder dieses Films. Er wolle versuchen, ein fröhliches Gedicht zu schreiben, verspricht Oscar ganz am Ende in einem Brief an Yurlady. Ob es gelingen wird? Man wünscht es ihm von Herzen.

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