Von der Interpassivität zur Tiefenästhetik – Neue Kritik für Neue Medien? / Teil 3

Die Schattenseite der Interaktivität heißt Interpassivität. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Planetgalata Korsakow

In einer Artikelreihe widmen wir uns Fragestellungen zu neuen webbasierten Formen des Dokumentarischen.

Interpassivität

Das Digitale ist trotz seines binären Codes scheinbar endlos. Unentwegt sind wir konfrontiert mit möglichen Entscheidungen, die den Anschein der Vielfalt annehmen und uns dennoch immer wieder vor schlichte Fragen stellen: Ja oder Nein? Vorwärts oder Zurück? Weitersurfen oder Browser schließen? Clip A, B oder C? Kommentar, Teilen, Gefällt mir? Oder alles drei? Pressen uns nicht die Optionen hinein in ein reduktionistisches Denken des Entweder-Oder? Slavoj Žižek hantiert in seinen Lacan-Lektüren an mehreren Stellen mit dem Begriff der Interpassivität, den er dem österreichischen Philosophen Robert Pfaller abgeguckt hat. Er sieht darin die Schattenseite der Interaktivität, die aus dem Zwang zur Beteiligung folgt, weil der Zuschauer, der nun mehr und mehr selbst teilnehme und sogar die Regeln des Spiels mit setzen könne, seiner Passivität und eigenen Reaktion, von Befriedigung über Trauer bis zum Lachen, beraubt werde.

Nutzen wir die Medien, oder nutzen sie uns? Was tragen die Medien zu unserer Selbstständigkeit bei, was tun sie dagegen? Žižek interpretiert den Drang zur Interaktivität in den Neuen Medien auch als Mittel der Reflexions- und Handlungsverhinderung: Solange wir klicken, denken wir nicht. Solange wir die Optionen annehmen, erhält das Revolutionäre keinen Raum. Der erste wahrlich kritische Schritt ist daher der Verzicht auf eine Teilnahme: Echte Aktivität ist erst auf dieser Grundlage möglich, echte Aktivität verändert die Koordinaten.1 Gerade im Bereich des Dokumentarischen, wo Erkenntnis und eigenständiges Reflektieren des Zuschauers als Parameter im Zentrum stehen, müssen die Strukturen des Non-Linearen als Optionenfächer zu denken geben.

Begriffssuche zwischen Filmtheorie und Marketing

Klassische Begriffe der Filmkritik wie Montage und Mise-en-scène haben weder ausgedient noch ihr volles Potenzial im Rahmen multimedialer Konstellationen bisher ausgeschöpft. Gerade das französische Wort für Inszenierung bietet mit seiner umfassenden Bedeutung in Hinblick auf räumliche und gestalterische Aspekte die Möglichkeit, die multimedialen Anordnungen auf eine Ebene der bewussten und maßgeblichen Entscheidungen zu heben. Dafür spricht auch, dass der Begriff der multimedialen Mise-en-scène schon allein in spontanen Assoziationen das Feld der bisherigen Arbeiten neu ordnet. Einher geht eine solche ästhetische Befragung von Werken mit einem Interesse für deren Rezeption: Ein besonders vielversprechendes Konzept dafür ist die Immersion, ein nicht nur für Computerspiele relevantes Phänomen des psychologischen Eintauchens in den medialen Raum.

Schnell wird offensichtlich, dass demgegenüber die Hoffnung auf Partizipation, wie sie eingangs als Schlagwort bereits angeführt wurde, primär einer Vermarktungslogik entspringt, weil sie nicht danach fragt, ob eine solche aktive Mitwirkung des Nutzers adäquat und inhaltlich zielführend ist. Gleiches gilt freilich für das inzwischen etwas ausgelaugte buzzword der viralen Verbreitung. Dass dies an eine Infizierung durch eine Krankheit denken lässt, ist kein Zufall, schließlich soll der User übermannt und zum unbeseelten Verstärker einer Botschaft werden. Spielt es überhaupt eine Rolle, wer das ist, der auf Teilen klickt? Wofür er steht, und was er denkt?

Statt von Viralität und Partizipation zu sprechen, ließe sich die Immersion noch etwas weiter denken: Neben dem psychologischen könnte es noch ein soziales Eintauchen geben. Immersion stünde dann auch für ein aktives Sich-Verhalten, aus dem je eigenen konkreten Verhältnis zum Werk heraus und darüber hinaus, als eine Aktivität sui generis, die etwa in der diskursiven Verarbeitung des Projekts im eigenen Umfeld liegen könnte. Eine freilich völlig unzeitgemäße, weil analoge und noch dazu schwer messbare Leistung. So wie bis dato noch kaum Mittel zur Verfügung stehen, um zu erkennen, ob ein Klick ein guter oder ein schlechter ist, ob er aus Wut oder Abscheu, aus Neugier oder zur Bestätigung der eigenen Vorurteile entsteht. Jeder Klick ein Erfolg? Wenn die Statistik sich ausreichend wahrgelogen hat, ist es Zeit für die Staffelübergabe an eine andere Form der Auseinandersetzung: Auftritt Kritik. Gerade weil die fragilen Konstellationen noch nicht für sie bereit sind, ihr noch nicht standhalten können, ist ihr Einsatz dringend nötig.

Soziale Immersion und Tiefenästhetik

Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Eine effektive multimediale Mise-en-scène – nicht nur, aber besonders im Dokumentarischen – sollte Prozesse der Teilhabe statt einer bloßen Teilnahme befördern. Damit könnte ein Engagement ausgelöst werden, das verbunden wäre mit den aus dem Stoff gewonnenen Erkenntnissen. Ein politisches und gesellschaftliches Potenzial würde es freisetzen, eine Keimzelle des Revolutionären durch das Infragestellen des Status quo. Offensichtlich kann eine solche Immersion der Nutzer von Marketing-Abteilungen und Community-Managern nicht hergestellt werden. Sie ist Kernbereich der künstlerischen Konzeption durch die Autoren, Filmemacher und Artdirectors. Dafür sollte der Immersion der Rezipienten auch auf der Gestaltungsseite ein Begriff entsprechen. In Anlehnung an die für ihre inszenatorische Finesse und die Ermächtigung des Zuschauers von Bazin gefeierte Tiefenschärfe ließe sich etwa von Tiefenästhetik sprechen – zu verstehen als eine Verlagerung der Aufmerksamkeit auf die Staffelung von Transmedia-Projekten in einem sich ständig auffächernden und potenziell unendlichen psychologischen und sozialen Raum.

Wer ästhetisch in die Tiefe konzipiert, denkt den Nutzer als selbstbewussten Akteur mit. Das Verhältnis zwischen Bewegtbildern und dem Gegenüber wird wieder eines unauflösbarer Spannung sein. Das Band, das sie verbindet, wird, wenn es reißt, Wunden hinterlassen. Und wenn es hält, wird die Welt eine andere sein: eine beseelte, erweiterte Realität. Die Geister werden sich scheiden: Gibt man dem Akteur Handlungsoptionen und verwandelt jede Webdoku in eine dreidimensionale, zu erforschende, gar zu erspielende Welt? Oder überträgt man eher die Prinzipien des linearen Kinoerlebnisses auf das vernetzte Computer-Dispositiv und setzt die verstreichende Zeit und die Chronologie der Bilder als maßgebliche Parameter?

Spannend wird es sein, wenn die Zukunftsangst die Gegenwart aus ihren Fängen entlässt. Wenn die Gegenwart ihr Trauma ablegt, als Negativbild der Zukunft auftreten zu müssen. Filmische Entgrenzungen werden zu sich finden. Nicht die Filmkritik wird sich zur Medienkritik wandeln, sondern umgekehrt.

1. Vgl. Žižek, Slavoj: How to Read Lacan: The Interpassive Subject: Lacan Turns a Prayer Wheel. Online abrufbar: www.lacan.com/zizprayer.html.

Weitere Teile der Artikelreihe:

Teil eins steckt den Rahmen ab: Was heißt das überhaupt: Cross- und Transmedia? Und: Sitzt die Kritik dem perversen Versprechen des Fortschrittsglaubens auf?

Teil zwei widmet sich konkreten Beispielen: Berlinfolgen und das Korsakow-System stehen für eine Marktnische – und die Krise in der Bilderproduktion.

Teil vier ist ein Rundumschlag – mit fünf Thesen zum Status quo der Webdoku.

Kommentare zu „Von der Interpassivität zur Tiefenästhetik – Neue Kritik für Neue Medien? / Teil 3“

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