Terza Visione: Die frische Seeluft spüren

Für drei Tage widmete sich ein Nürnberger Festival ganz dem italienischen Genrekino. Ein Gespräch über zwei Filme, die in die Ferne schweifen, um ihre Wahrheiten hinter der Maskerade des Blackfacing oder in den Gedärmen einer Schildkröte zu finden.

Raecher der Meere - Poster

Lukas Foerster: Meine größte Entdeckung des Festivals hätte ich fast verpasst: Am Samstagmittag wurde mir, auf dem Weg vom Hotel zum Nürnberger Filmhaus, plötzlich übel, möglicherweise aufgrund von verdorbenem Fisch, den ich beim Frühstück gegessen hatte. Ausgerechnet in einem Nürnberger Rotlichtviertel direkt hinter der alten Stadtmauer, durch das mich der Weg führte, wäre ich fast zusammen gebrochen. Ich konnte mich dann gerade noch so ins Kino retten – und nach dem Film war ich wieder komplett fit. Domenico Paolellas Rächer der Meere (Il giustiziere dei mari, 1962) hatte mich geheilt. Vielleicht weil das ein Film ist, wie hinterher jemand im Gespräch meinte, bei dem man die frische Seeluft direkt zu spüren scheint.

Tatsächlich ist das ein gewissermaßen sehr luftiger, sich frei anfühlender Piratenfilm. Oft hat man ja bei exotischen Abenteuerfilmen den Eindruck, dass man die Beschränkungen des Studiokinos doch irgendwie spürt – und genau das hat natürlich gelegentlich auch einen eigenen Reiz. Bei Rächer der Meere, der in Nürnberg zwar in der manchmal etwas steril synchronisierten deutschen Fassung, aber dafür in einer gut erhaltenen Filmkopie lief, ist das ganz anders. Zwar gibt sich der Film wenig Mühe, seine eigene Artifizialität zu verstecken – besonders deutlich wird das in einer Szene mit fleischfressenden Plastikpflanzen –, aber Paolella gibt sich doch alle Mühe, sein Pulp-Abenteuer in das physische Spiel der Elemente einzubetten: die Seeluft eben, auch die Meeresbrandung, die weite Horizontlinie.

Raecher der Meere

Michael Kienzl: Eigentlich war das der Film, von dem ich mir an diesem Wochenende am wenigsten erwartet habe. Als Kind bin ich zwar gerne in die fernen Welten von historischen Actionfilmen eingetaucht, aber was mich damals daran gereizt hat, will mir heute nicht mehr einfallen. Umso überraschender war es, wie schnell sich in Räuber der Meere der Mief nach alter Theaterkulisse verzogen hat und den Blick auf ein ungezügelt leidenschaftliches Abenteuer freigelegt hat. Erzählerisch wirkt der Film zunächst etwas ungelenk. Gleich in der ersten Szene trifft der Held, ein englischer Offizier, ganz zufällig auf seine versklavte Familie. Paolella haut uns diese Wendung vor den Latz, ohne sie in irgendeiner Weise vorzubereiten (ob das auch mit der Synchronfassung zusammenhängt, kann ich leider nicht beurteilen). Durch so einen Moment kann man sich leicht dazu verleitet fühlen, den Film erstmal in die Trash-Ecke zu stellen, nach dem Motto: „Nicht einmal das einfachste Handwerk beherrscht der Regisseur.“ Aber da befindet man sich auf dem Holzweg, weil sich Paolella dafür so vielen anderen Dingen mit großer Achtsamkeit widmet; nicht nur der Action, sondern auch den Dialogszenen, in denen die Figuren immer wieder versuchen, ein ungleiches Mächteverhältnis auszubalancieren, oder dem ausgestellten Leiden der Unterprivilegierten.

Eigentlich sind Swashbucklers ja klassische Jungsfilme, bei denen der Reiz darin besteht, große Abenteuer vor exotischer Kulisse zu erleben. Interessant bei Palolella ist aber, wie sehr er sich dabei für den männlichen Körper als erotisches Objekt interessiert, gerade im Vergleich zu den konsequenterweise sehr angezogenen Frauen. In der für das Genre obligatorischen Auspeitschsszene, in der sich rote Striemen auf dem muskulösen Körper des Gemarterten bilden, geschieht das natürlich sehr offensichtlich. Noch stärker eingeprägt hat sich mir aber eine längere Szene, in der der Held, halbnackt und in Ketten gelegt, im schimmernden Meerwasser treibt. Das hat mich ein bisschen an die Frauenfiguren in Slasherfilmen erinnert: Wenn es ihnen an den Kragen geht, leidet man als Zuschauer zwar mit ihnen, genießt aber auch diesen Moment der Unterwerfung.

Raecher der Meere 2

Foerster: Tatsächlich war mir schon bei der ersten Szene klar, dass ich den Film mögen würde: Rächer der Meere beginnt in Australien, das zum Zeitpunkt der Handlung noch eine britische Gefängniskolonie ist. Die ersten Szenen beschreiben dieses Freiluftgefängnis als eine egalitäre, proto-demokratische, wenn nicht gar proto-sozialistische Gesellschaft: Die Häftlinge organisieren ihr Leben und ihr Auskommen selbst, beide Geschlechter und alle Altersgruppen beteiligen sich wie selbstverständlich an allen Aktivitäten, trotzdem hat das Ganze nichts uniformistisches: Schnell greift der Film aus der Masse Individuen heraus, die ihre eigenen Interessen verfolgen dürfen.

Später führt der Film eine ganze Reihe anderer Modelle von Gesellschaft vor: auf dem Schiff der Briten, auf dem Piratenschiff, auf der Pirateninsel, bei den Eingeborenen. Aber das sind alles, auf die eine oder die andere Art, tendenziell totalitäre Systeme. Das schlimmste System besteht nur aus zwei Personen: Der britische Militärkommandant hält sich eine Eingeborene als Konkubine – er hat für sie im Bauch des Schiffes ein bizarr anmutendes Zimmer eingerichtet, dessen Wände ornamental bemalt sind und das ganz eindeutig ein psychotisch ausgeschmücktes Refugium vor der Realität ist. Die (intrigante) Konkubine wird von einer italienischen Schauspielerin in blackface gespielt – was einem natürlich von heute aus betrachtet aus guten Gründen Bauchschmerzen bereitet; aber was doch irgendwie passt zu der morbiden Atmosphäre des leisen Wahnwitzes in diesen Szenen: Da basteln eben zwei Menschen an ihrer höchstpersönlichen bösartigen Gegenwelt, an der wirklich alles falsch ist – also auch ihre eigene Hautfarbe.

Raecher der Meere 3

Kienzl: Im Gegensatz zu dir habe ich diese kommunistische Piratenrunde eher als einladende Utopie verstanden: ein Leben jenseits der Legalität, sanft geordnet von einem warmherzigen Brummbären und durchsetzt von demokratischem Geist, das muss doch Spaß machen. Kollektive spielen in dem Film schon eine wichtige Rolle, aber, ehrlich gesagt, habe ich mit einem viel konservativeren Weltbild gerechnet; nicht mit lauter Rebellen, die sich gegen Autoritäten auflehnen. Das Blackfacing ist auf den ersten Blick natürlich unangenehm (vielleicht auch gerade nicht auf den ersten Blick, weil es sich dabei eher um ein Hellbraunfacing handelt, das mir am Anfang fast entgangen wäre). Das Spannende daran ist jedoch, dass sich hinter dieser fragwürdigen Aufführungspraxis die interessanteste Figur des gesamten Films verbirgt: eine von Ehrgeiz zerfressene Frau, die sich mit der Rolle, die ihr in der Gesellschaft zugewiesen wird, nicht abfinden will. Zu ihrer Familie kann sie nicht zurück, für die ist sie nur eine Hure der Weißen. Und den Weg in die britische Oberschicht muss sie sich erst noch erkämpfen und ist dabei von einer ständigen Panik gejagt, ihren Status zu verlieren.

Foerster: Eine Verbindungslinie könnte man ziehen zwischen Herrscher der Meere und einem anderen Film, der am Samstag etwas später gezeigt wurde: Bora Bora (1968) von Ugo Liberatore. Beide Filme spielen auf Inseln, in beiden geht es um einen Begriff von Exotik, und durchaus auch um das Erbe des Kolonialismus. Liberatores Film spielt in der Gegenwart seiner Entstehungszeit, also in den späten 1960ern. Es geht um einen jungen Mann, der seine Frau sucht, die ihn verlassen hat, um mit einem anderen auf einer Pazifikinsel ein neues Leben zu beginnen.

Bora Bora - Poster

Wo Rächer der Meere sich für die exotische Ferne als einen gleichzeitig narrativen und politischen Möglichkeitsraum interessiert – als einen Raum, in dem man außerordentliche Erfahrungen machen und sich eine Gesellschaft vorstellen kann, die über das hinausweist, was man vor der eigenen Haustür vorfindet –, hat das fremde Andere, von dem Liberatores Film handelt, ganz im Gegenteil etwas Beengendes an sich. Eigentlich geht es im Film nur um die beiden europäischen Hauptfiguren, die vor bunter Kulisse einerseits ihre Beziehungskrise durcharbeiten, andererseits auch mit ihren individuellen Persönlichkeitsstörungen (vor allem der Mann ist ein ziemlich unfassbares Arschloch) zurechtkommen müssen. Die exotischen Attraktionen sind dabei auf merkwürdige Art verbunden einerseits mit dem Versprechen auf, andererseits aber fast noch mehr mit der Angst vor sexueller Befreiung. Mit einer regelrecht manischen Ausschließlichkeit beschäftigt sich die verbiesterte männliche Hauptfigur mit der vermeintlichen Virilität der Südseebewohner.

Bora Bora 1

Kienzl: Ein Regisseur, der Strahlemann Peter Kraus italienische Gastarbeiter verprügeln lässt (der betreffende Film heißt Lovemaker (1969) und ist wohl nur sehr schwer zu bekommen), hat erst einmal meine volle Aufmerksamkeit. Tatsächlich ist Bora Bora eine sehr unangenehme Geschichte über gut situierte Westler, die in der Ferne ihr Glück suchen und dabei nichts außer ihren eigenen Unzulänglichkeiten finden. Ein bisschen wirkt der Film wie ein trügerisch glänzendes Komplementärstück zu Ulrich Seidls Paradies: Liebe, wobei sich Liberatore, wie du schon gesagt hast, nur für die Touristen interessiert. Ohne sich kategorisieren zu lassen (zu reißerisch für einen Autorenfilm, zu züchtig für einen Sexploitationfilm) macht es sich Bora Bora in einem Vorhof zur Hölle gemütlich. Die beiden Protagonisten wiederholen dabei scheinbar endlos ihre Rollenmuster: Er provoziert sie auf denkbar plumpe Weise. Sie ist so dumm und steigt darauf ein. Und weil es auf einer verlassenen Südseeinsel niemanden gibt, der die beiden in ihre Schranken weist, laufen eigentlich ganz normale Beziehungsmechanismen völlig aus dem Ruder.

Nach dem Film gab es eine kurze, hitzige Diskussion darüber, warum Liberatore die Reiseprospekt-Ästhetik seines Films an keiner Stelle bricht. Bora Bora lebt zweifellos von der Unbehaglichkeit, die er seinen Zuschauern bereitet, aber das sein Blick letztlich genauso getrübt ist wie der seiner Figuren, hat mich dann doch ein wenig gestört. Natürlich geht es in dem Film weder um Tahiti noch um seine Bewohner, aber es hätte nur eine einzige Regieanweisung benötigt, um zumindest eine Ahnung davon zu geben, dass dort mehr zu finden ist als makellose Sandstrände und edle Wilde.

Bora Bora 2

Foerster: Ich glaube, dass es dem Film wirklich gerade darum geht, keinerlei Außenperspektive zuzulassen: Gerade in der Ferne ist man ausschließlich bei sich selbst, eingeschlossen in die eigenen Vorurteile und Psychosen. (So gesehen ist das eine interessante Variation auf die Filme von Antonioni, die ja auch von bourgeoiser Selbstentfremdung handeln, aber eben immer in einem dezidiert urbanen, europäisch-modernen Setting spielen.) Vielleicht gilt das sogar für die eindrücklichste, aber auch sonderbarste, weil komplett unerwartete Szene des Films, eine Szene, die wie aus dem Nichts in den Film einbricht und eigentlich, trotz ihrer unbestreitbaren Schockwirkung auf die Zuschauer, innerhalb der Handlung kaum Spuren hinterläßt. Die Szene involviert Riesenschildkröten und ist einer eher fragwürdigen Tradition des italienischen Kinos zuzurechnen, die ihre Apotheose ein gutes Jahrzehnt später in Cannibal Holocaust erreicht: dem Tier-Snuff. Nicht einmal die Gedärme der Schildkröte können das eisenharte Selbstgefängnis durchbrechen, in dem die Europäer eingesperrt sind. Eigentlich sagt auch diese Szene nur: So widerwärtig sieht es auch in unserem Innern aus.

Es ist ja auch interessant, dass man fast gar nichts darüber weiß, was die Hauptfiguren vor ihrer Flucht in die Karibik getan haben. Geld scheint zumindest der Mann genug zu haben, ansonsten gibt es kaum Hinweise auf die Alltagswelt, vor der sie geflohen sind. Und es geht ja auch gar nicht darum, dass am Ende wieder alles in Butter ist, nur weil sich da zwei wieder gefunden haben. Zumindest ich kann mir nicht vorstellen, was die beiden mit dem Rest ihres Lebens anfangen wollen. Ein komplett weltentrückter Film ist das.

Kienzl: Ich finde deine Deutung durchaus plausibel, wobei ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob du dir den Film ein wenig schönredest oder ich ihm nicht genug zutraue – weil ich mir irgendwie nicht vorstellen kann, dass Liberatore seinen Zuschauern so viel zutraut. Vielleicht gerät man auch leicht auf eine falsche Fährte, weil sich der Film mit der Schildkrötenszene in eine Tradition einreiht, die in der Regel kein besonderes Feingefühl im Umgang mit dem Anderen beweist. Vielleicht stört mich, dass Bora Bora zu viel Raum für Missverständnisse lässt, vielleicht macht ihn das aber auch interessanter. Dass es Liberatore um eine Außenperspektive geht, zeichnet sich tatsächlich an mehreren Stellen ab. Am Anfang tauchen zum Beispiel Bilder von Gauguin auf – noch so einem Westler, der ein fremdes Land in seine eigene, idealisierte Form presst. Wir bekommen hier nur falsche Bilder zu sehen. Das ist eigentlich schon klar, als der Protagonist ein Gauguin-Museum besucht und ihm Doris Kunstmann erklärt, dass es hier kein einziges Original gibt.

Bora Bora 3

Doris Kunstmann fand ich überhaupt sehr faszinierend. Ich musste mir nach dem Film erstmal erklären lassen, wer das eigentlich ist: nämlich eine sehr attraktive Schauspielerin – germanisch streng, aber zugleich sinnlich und herausfordernd –, die in ihren jungen Jahren nicht nur bei Ernst Hofbauer, Peter Schamoni und Alfred Vohrer zu sehen war, sondern auch in einigen italienischen Produktionen. Bewusst kenne ich sie nur aus Cassandras Warnung (2011) von Dominik Graf, wo sie einen tollen Monolog darüber hält, warum München so vor die Hunde gekommen ist (dass das aus dem Mund einer Frau kommt, die ihre Blütezeit erlebte, als Schwabing noch swingte, ist natürlich ein Besetzungscoup). In Bora Bora wirkt sie wie ein blonder Sonnenstrahl, der in eine durch und durch finstere Welt fällt. Das hat mir schon gefallen, dass Liberatore die Suche nach Utopien in der Ferne nicht pauschal verurteilt. Kunstmann hat es sich in Tahiti schön eingerichtet, lebt einen Urlaub, der nie zu Ende geht, liegt lasziv am Pool und hat Sex – je nach Bedarf mit Einheimischen oder Touristen. Irgendwie scheint dieser Lebensentwurf aber zu funktionieren. In der Mitte des Films hat mich kurz der Schlaf überwältigt. Als ich wieder aufgewacht bin, ist Doris Kunstmann auf einmal verschwunden, ohne dass ich wusste, wo sie geblieben ist. Danach konnte es nur noch bergab gehen.

Weitere Berichte über das 2. Festival des italienischen Genrefilms gibt es von Silvia Szymanski und Oliver Nöding

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