John Carpenter: Ästhetik der Apokalypse

Er lebt!

Ein Jahrhunderttalent des amerikanischen Horrorfilms meldet sich zurück auf Station.

John Carpenter: Assault – Anschlag bei Nacht

Mit einem bedrohlich-schlichten Synthesizer-Thema kommt das Grauen. Der markante, minimalistische Sound des damals 28jährigen John Howard Carpenter eröffnet seinen, mit wenigen Mitteln perfekt umgesetzten Zweitfilm Assault – Anschlag bei Nacht (Assault on Precinct 13, 1976). Zwei Jahre nach seinem No-Budget-Streifen Dark Star, der schnell Kultstatus erlangt hat, führt der junge Carpenter – in Personalunion Regisseur, Autor, Cutter und Komponist – einen filmischen Geniestreich vor. Assault ist ebenso einfach wie überwältigend suggestiv erzählt. Ein paar Bildfetzen am Anfang genügen, um klar zu machen, dass das Areal, in dem der Film spielt, eine tickende Zeitbombe ist: Gangmitglieder kollidieren brutal mit den Kräften der örtlichen Polizei. Der Wilde Westen mitten in der Stadt.
Dabei ist erstaunlich, wie gezielt Carpenter das belagerte Polizeirevier Nummer 13, den Hauptschauplatz des Films von seiner Umgebung isoliert und dezentral in Szene setzt. Die nötige Hilfe für die Insassen, zu denen ein Cop, zwei Kriminelle und zwei „Normalbürger“ zählen, scheint in unerreichbarer Ferne. Das beklemmende Szenario, das Carpenter auch auf das Verhalten seiner Hauptfiguren überträgt, weckt Erinnerungen an Genre-Klassiker wie George A. Romeros Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead, 1968) oder Howard Hawks’ stilprägenden Western Rio Bravo (1959).
Auch in seinen zwischen 1977 und 1982 entstandenen Folgewerken greift Carpenter visuelle Elemente des Western der 1950er Jahre auf und zeigt sich von den erzählerischen Gestaltungsmitteln sowohl eines Michael Powell, als auch eines Alfred Hitchcock beeinflusst. Vor allem der Einsatz von Suspense stellt Carpenter in diese Tradition.

Halloween Die Nacht des Grauens 02

Psycho (1960) gilt denn auch als unmittelbares Vorbild seines nächsten Films Halloween – Die Nacht des Grauens (Halloween, 1978). Der aus heutiger Sicht überaus ruhig erzählte Film besticht mit seinen langen Einstellungen, die ein Gefühl von immanenter Bedrohung vermitteln. Die breiten Nebenstraßen eines amerikanischen Vororts werden in weiten Cinemascope-Aufnahmen eingefangen, was dem Terror eine neue räumliche Dimension verleiht. Die Bewegungen der jungen Laurie (Jamie Lee Curtis) wirken dabei schutzlos langsam, während ihre Nemesis, der 21jährige Michael Myers (Tony Moran) überall gleichzeitig zu lauern scheint.

Bemerkenswert ist der Einsatz einer subjektiven Kamera, die konsequent die Sichtfelder der Protagonisten imitiert und den Zuschauer mitten in eine Welt des Schreckens zieht.
Mit Halloween hat Carpenter den Slasherfilm als Subgenre des New-Wave-Horror Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre populär gemacht. Ihm folgten viele weitere junge Filmemacher, die seine Ideen übernahmen und in oft sehr fragwürdig gestalteten Produktionen wie Freitag der 13. (Friday the 13th, 1980) oder Blutiger Valentinstag (My Bloody Valentine, 1981) einbauten.

The Fog 05

Carpenter spielt in Halloween und auch seinem Folgefilm The Fog - Nebel des Grauens (The Fog, 1979) konsequent mit der realistischen Darstellung von körperlich spürbarer Gewalt und ihrer Dimension im Bewusstsein des Zuschauers. Gerade in The Fog gibt es erstaunlich wenige Gore-Szenen, das Grauen kommt in ruhigen Schritten und wirkt dadurch nachhaltiger.

Dank des anhaltenden kommerziellen Erfolgs von Halloween und dessen Fortsetzung, bei dem Carpenter als Drehbuchautor und Produzent wirkt, kann sich der mittlerweile etablierte Regisseur in der Mitte des Jahres 1980 einem Wunschprojekt widmen. Die Klapperschlange (Escape from New York) wird über vier Monate lang mit einem Budget von 7 Mio. US-Dollar gedreht. Carpenter zeigt sich hier deutlich vom Erfolg des Rache-Thrillers Ein Mann sieht rot (Death Wish, 1974) von Michael Winner beeinflusst. Auch wenn er dessen Philosophie nicht unbedingt teilt, macht er sich die Inszenierung der amerikanischen Großstadt als erbarmungslosen Dschungel zu eigen: Carpenters New York des (damals) futuristischen Jahres 1997 sieht aus wie die brodelnde Vorhölle. Drogensüchtige Junkies gehen nachts auf Menschenjagd und in den Kellern verfallener Häuser beleuchten Fackeln bizarre Sado-Maso-Spielchen.
Carpenters düstere Vision war so gespenstisch, dass es sechs Jahre dauerte, bis sein Drehbuch verfilmt wurde – zum Glück von ihm selbst. So schnörkellos und atmosphärisch dicht erzählt in Amerika kaum ein anderer Regisseur. Seine Filme sind beklemmend, weil seine Protagonisten mit unlösbar scheinenden Aufgaben konfrontiert werden. Für Snake Plissken (Kurt Russell) wird sein Auftrag zu einem Wettlauf gegen die Zeit – ein Spiel um Leben und Tod. Carpenter liebt es, seine Filme so zu komprimieren, dass der Druck am Ende unerträglich wird.

Es gibt ein interessantes Interview mit den drei Regisseuren Carpenter, John Landis und David Cronenberg, zu sehen auf der Bonus-DVD von Cronenbergs Videodrome (1983, Criterion Collection). Die Aufnahme entstand 1982, während der Postproduktion von Carpenters Remake des Howard-Hawks-Klassikers Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing from Another World, 1951). Carpenter sitzt dabei in der Mitte, zwischen seinen beiden Kollegen, und während der Diskussion um Postmodernität und Zensur sieht man ihm an, auch mental etwas hin- und hergerissen zu sein zwischen dem verspielten, kindlichen Geist Landis’ (An American Werewolf in London, 1981) und Cronenbergs ständig hinterfragenden, intellektuellen Ansichten.

The Thing 03

Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing, 1982) stellt nun auch den letzten Beitrag seiner künstlerischen Hochphase dar, kann er doch mit seiner Interpretation des Science-Fiction-Klassikers dem Horrorgenre einige interessante Nuancen abgewinnen. Beispielhaft inszeniert Carpenter hierbei Korridore und Zimmer als ausweglose Orte, die dem apokalyptischen Film seine klaustrophobische und beklemmende Stimmung verleihen. Lange Einstellungen und ruhige Bewegungen der Protagonisten werden gezielt eingefangen, und dienen dazu, der erzählten Geschichte um Misstrauen und Angst enorme Proportionen zu geben. Für den Soundtrack hatte man den berühmten Ennio Morricone verpflichten können, der Carpenters effektvolle Klangmotive eindrucksvoll zurückhaltend orchestrierte.
Der Film verdient auch auf Grund einer anderen Tatsache erwähnt zu werden. Mit seinem bis dato größten Budget von ca. 15 Mio. US-Dollar setzte Carpenter vor allem in der letzten Hälfte stark auf die Künste des Maskenbildners Rob Bottin (Das Tier, Total Recall), sodass der Film als Hybrid aus Psychohorror und Splatter gelten darf, und bei seiner Videoveröffentlichung im Jahr 1983 die europäischen Zensurbehörden zu neuen Maßnahmen zwang.
Während viele Kritiker und Fans den Film als Carpenters bisher ausgereifteste Arbeit sahen, und seine Regiekünste in höchsten Tönen lobten, bezeichneten ihn andere bereits als „Ausstellungsstück für die verblüffenden Möglichkeiten der Trick- und Spezialtechniken des modernen Hollywood-Kinos“ (Lexikon des int. Films/Quelle).

Im genannten Zitat, das man zweifelsohne hinterfragen darf, kündigt sich eher prophetisch die Entwicklung des ehemaligen Independent-Regisseurs an. Immer stärker an die Vorgaben der Produzenten gebunden, verfilmt Carpenter in den folgenden Jahren immer belanglosere Stoffe wie Starman (1984) oder Sie leben! (They Live!, 1988), wobei klar erkennbar wird, dass die künstlerischen Ansprüche des Regisseurs untergehen.

Carpenter gelingt es nicht, mit seinen Ausflügen aus dem Horror-Genre zu überzeugen, bei denen er sich selbst immer stärker in den Mystery- und Fantasy-Bereich hineinziehen lässt. Sein 1995 uraufgeführtes Remake von Wolf Rillas Stadt der Verdammten (Village of the Damned, 1960) beschränkt sich auf eine relativ einfallslose Kopie der ursprünglichen Ideen und setzt vor allem auf visuelle Effekte. Sein verzweifeltes Snake-Plissken-Reboot Flucht aus L.A. (Escape from L.A.) im Jahr darauf lässt ihn schließlich auch bei vielen seiner treuen Fans in Ungnade fallen.

The Ward 02

Vampire (John Carpenter’s Vampires, 1998) stellt für manche eine solide inszenierte Horrormär mit garstigen Schreckmomenten dar. Der Streifen verhilftCarpenter zu einem kleinen Comeback, wenn man den Film sieht, fällt jedoch auf, dass er gerade in der letzten Hälfte enorm an Spannung und narrativer Stringenz einbüßt. Er verläuft sich in mystischer Redundanz und schlechtem Schauspiel. Letztlich kann man anbringen, dass Vampire und nicht zuletzt die beschämende Folgeproduktion Ghosts of Mars (2001) den ehemals talentierten Regisseur endgültig in der Nische schlecht gemachter Horrorfilme verorteten, die vor allem mit ihren Blut- und Ekelszenen hervorstachen.

Nach diesem künstlerischen Suizid, der Carpenter von vielen Fans und Kritikern in den letzten zwei Dekaden nachgesagt wurde, ist es dem mittlerweile 63jährigen Regisseur jetzt wieder gelungen , einen richtig guten Film auf die Leinwand zu bringen. The Ward (2010), unabhängig finanziert, besticht durch seine gekonnte Inszenierung von Klaustrophobie, greift Motive des klassischen Slasherfilms auf und arbeitet wirkungsvoll mit Schock und Suspense. Er stellt eine Rückführung zu der starken, anfänglich etablierten Bildsprache Carpenters dar, benutzt lange Einstellungen und zentralperspektivische Zooms, um dem Handlungsschauplatz eine weitreichende Erzählfunktion zuzuweisen. The Ward, die Station, ist bildliches Symbol der Einengung und Unterdrückung unserer Gesellschaft, der Mensch ist dabei das wahre Monster.

Trotz seiner technischen Stärken, wird es The Ward vermutlich schwer haben, das langjährige künstlerische Desaster seines Schöpfers auszumerzen, aber ein eindrucksvoller Neuanfang und eine Rückkehr zu alten Werten ist auf jeden Fall getan.

Kommentare zu „John Carpenter: Ästhetik der Apokalypse“


Mars

John Carpenter für mich einer der besten Regisseure aller Zeiten.
Die oben gezeigten Filme gehören auch zu meinen Lieblingsfilmen aller Zeiten. The Fog, The Thing, Halloween. Wirklich schade das man diesen Meister des Films damals vertrieb aus dem Filmgeschäft und er kaum noch was drehte sehr schade. Stattdessen darf sowas wie Uwe Boll und Rob Zombie Filme machen nicht gerecht.
Oder solche Pfeifen wie diese beiden die die ganzen Parodien wie Date Movie und was weiß ich machen.






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