Die Unordnung der Welt: Das 69. Filmfestival von Locarno

Starkes japanisches Kino und eine herausragende Retrospektive über das deutsche Nachkriegskino sorgen am Festival del Film in Locarno für Kinoglück – das sich jedoch zumeist aus eher düsteren Visionen speist.

The Apple of my Eye 02

Ordnung muss sein, zumindest am Anfang: In einem Pariser Mietshaus wohnt Elise mit ihrer Schwester. Sie ist blind, ihre Schwester kokainsüchtig. Eine Etage unter ihnen lebt Théo mit seinem Bruder, zwei Franzosen mit griechischen Wurzeln. Sie treten als Musiker auf, der Erfolg lässt allerdings auf sich warten. Der Mittelpunkt dieser geometrisch organisierten Welt ist der Fahrstuhl des Hauses. Dort treffen sich die beiden Geschwisterpaare und entwickeln schnell eine gründliche Antipathie. Die Verhältnisse sind geklärt, bis Théo eine Sonnenbrille aufsetzt und behauptet, über Nacht erblindet zu sein. Vorbei ist es mit der symmetrischen Anordnung, mit der Axelle Roperts dritter Spielfilm La prunelle de mes yeux (The Apple of my Eye) beginnt. Das Ziel des Paares ist vorherbestimmt, nicht jedoch der Weg, der dorthin führt. In gewisser Weise kann man Roperts Film als eine Neuinterpretation des Experimentalfilms Der Lauf der Dinge (1987) des Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss sehen. In diesem Klassiker erzeugten Fischli und Weiss eine Reihe physikalischer und chemischer Prozesse, die eine gigantische Kettenreaktion auslösen. Wie an einer Perlenkette angeordnet, erfolgt eine Reaktion nach der anderen – und genau diesem Prinzip folgt Ropert in ihrem herrlichen Film.

Brooks Meadows and Lovely Faces 01

Eine auf den ersten Blick ähnliche Ausgangslage findet sich im ägyptischen Wettbewerbsfilm Brooks, Meadows and Lovely Faces (Al Ma’ wal Khodra wal Wajh El Hassan) von Yousry Nasrallah. Eine verschachtelte Liebeskonstruktion: Refaat liebt Shadia, die sich jedoch zurückhaltend gibt. Refaats jüngerer Bruder Galal wiederum hat eine Affäre mit einer verheirateten Frau. Karima, die eigentlich Refaat zur Heirat versprochen ist, liebt jedoch Galal und versucht diesen von ihrer wahren Liebe zu überzeugen. Zusammen mit ihrem Vater betreiben Refaat und Galal ein bekanntes Catering-Unternehmen, das sich auf rauschende Feste spezialisiert hat. Dessen Existenz wird jedoch durch Gentrifizierung und Korruption bedroht. Das Schöne an Brooks, Meadows and Lovely Faces ist die unübersichtlich wirkende Quirligkeit, in die der Film immer wieder kippt und die er geradezu herausfordert. Das daraus von Nasrallah behutsam herausgearbeitete Abbild der ägyptischen Gesellschaft kann man durchaus als Kommentar auf den arabischen Frühling lesen.

In der Schwebe

Hermia and Helena 02

Niemand verfilmt Shakespeare so schön, verspielt und frei wie Matías Piñeiro. Nach Rosalinda (2010), Viola (2012) und La princesa de Francia (2014), der ebenfalls in Locarno im Wettbewerb zu sehen war, setzt Piñeiro mit Hermia and Helena sein Shakespeares-Projekt fort. Camila, eine junge Frau aus Buenos Aires, erhält in New York ein Stipendium, um Shakespeares Mitternachtstraum ins Spanische zu übersetzten. Im winterlichen New York muss sie sich neu orientieren und schnell vernachlässigt sie ihre Arbeit. Hermia and Helena war ein Glanzlicht des Festivals, und das nicht nur weil sich eine der emotionalsten und schönsten Szenen vor mir entfaltete (in der Camila ihren leiblichen Vater besucht, den sie noch nie getroffen hat – man stellt sich etwas schüchtern gegenseitig Fragen, am nächsten Morgen fährt Camila nach New York zurück). Eine Qualität von Piñeiros Filmen, und das wurde mir in Hermia and Helena noch einmal ganz deutlich, ist ihre geisterhafte Erscheinung: Sie mögen an uns bekannten Orten angesiedelt sein – in Parks, Restaurants, Schlafzimmern –, doch sie erscheinen uns flüchtig, mehr einer Zwischenwelt als unserer Realität angehörend. In Hermia and Helena findet Piñeiro vielleicht sein bisher bestes Abbild dieser Welt im Schwebezustand: Den Übergang von der einen in die andere Stadt markiert er jeweils mit ganz langsamen, kunstvollen Überblendungen. Und in dem Augenblick, in dem sich die beiden in Überblendung befindenden Bilder mit gleicher Deckkraft treffen, bevor eines sich herauskristallisiert und das andere schließlich verdrängt, gehört der Film keinem der beiden Orte mehr an, sondern nur noch einem Moment, der sich sofort verflüchtigt.

Paradies und Hölle

Bangkok Nites 01

Das junge japanische Kino und Locarno, das war bereits in den vergangenen Jahren eine Kombination, die mir viel Freude bereit hat. Katsuya Tomita etwa war vor vier Jahren bereits im Wettbewerb mit Saudade (Saudāji, 2012) vertreten, ein Film, der zu einem Schlüsselwerk des jungen japanischen Kinos geworden ist. Bereits hier stellte Thailand einen Sehnsuchtsort für Tomitas jugendliche Delinquenten dar, der sich jedoch noch als unerreichbar darstellte. Mit Bangkok Nites hat Tomitas Kino diesen Sehnsuchtsort nun erreicht. Ozawa ist ein ehemaliger Soldat der japanischen Armee, der in Bangkok in bescheidenen Verhältnissen lebt. Luck arbeitet als Hostesse im Rotlichtviertel der Thanyia-Strasse, einem gerade bei japanischen Touristen beliebten Ort. Auch Ozawa war einmal ihr Kunde, und als Luck ihn fünf Jahre später wieder sieht, kommt ihre damalige Liebe für ihn wieder auf. Zusammen reisen sie in den Norden des Landes, Luck stellt Ozawa ihrer Familie vor, bevor er weiter in Richtung Laos aufbricht. Bangkok Nites ist ein vielschichtiger, ausufernder Film, der ein großes Panorama Thailands und ihrer Bewohner entwirft und im Verlauf seiner drei Stunden nicht nur Menschen auf der Suche nach dem Paradies begleitet, sondern auch das Erbe des japanischen Kolonialismus evoziert.

Destruction Babies 01

Der Fokus in Destruction Babies von Tetsuya Mariko ist dagegen geradezu eng. Suchen in Bangkok Nites die Menschen nach dem Paradies, so reißt uns Destruction Babies direkt in die Hölle. Ein junger Mann verabschiedet sich von seinem bisherigen Leben und prügelt sich in einen wahren Rausch. Scheinbar willkürlich greift er auf brutalste Weise fremde Männer an und schlägt sich so lange mit ihnen, bis er gewonnen hat. Wie ein Virus infiziert er mit seiner Gewalt seine Mitmenschen, und in der zweiten Hälfte des Filmes folgt ihm ein schwächlicher Typ, der wiederum eine Frau entführt, deren Handlungen ebenfalls eskalieren. Gewalt speist sich hier nicht in erster Linie aus kriminellen Energien, sondern wird als fast schon sportliche Aktivität dargestellt. Wo liegen die Grenzen der eigenen Physis? Marikos Film ist äußerst brutal und ein düster-pessimistischer Kommentar auf die japanische Gesellschaft. Wenn am Ende ein alljährliches Fest gezeigt wird, bei dem Menschenmassen aufeinanderprallen und eine Art Wettkampf stattfindet, scheint die Gewalt des jungen Mannes ihr unheimliches, gesellschaftliches Abbild gefunden zu haben.

Im Morast versinken

Schwarzer Kies  01

„Dies ist ein gesundes Land“, bemerkt in Rolf Thieles Labyrinth (1959) ein Suchtkranker in einem Schweizer Sanatorium. Was ist dann die BRD? Ein krankes Land? In Helmut Käutners Meisterwerk Schwarzer Kies (1961) etwa werden zwei Tote in dem für den Straßenbau  benötigten Kies vergraben. Auch sonst zeichnet der Film ein düsteres Bild der Bundesrepublik und des Wirtschaftswunders: Im Umfeld einer Basis der amerikanischen Streitkräfte siedeln sich zwielichtige Figuren an, die ihr Geld unter anderem mit Schmuggel verdienen. Kampfjets und amerikanischen Soldaten sind omnipräsent. Eine fulminantere Generalabrechnung mit der BRD kann man sich kaum vorstellen. Schwarzer Kies war eine der großen Entdeckungen der diesjährigen Retrospektive, die sich dem Kino der Bundesrepublik zwischen 1949 und 1963, also den Jahren Konrad Adenauers, widmete. Das große Panorama eines faszinierenden Unterhaltungskinos, das sich irgendwo zwischen gleißendem Sonnenlicht und dunklen Schatten einen Platz gesucht hat.

Menschen im Netz

Wie etwa Menschen im Netz (1959) von Franz Peter Wirth. Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung muss ein Mann feststellen, dass seine Frau sich während seiner Abwesenheit verändert hat. Er vermutet eine Affäre, doch als sie ermordet wird, kommt ihr Leben als (widerwillige) russische Agentin zum Vorschein. Die Polizei der BRD sieht im Mann den Schlüssel, um den gefährlichen Agentenring zu zerstören. Dieser Mann streift desillusioniert und müde auf der Suche nach dem Leichnam seiner Frau durch ein München, das von Schatten verschluckt wird. Menschen im Netz ist mitreißendes Hochspannungskino und man fragt sich, warum dieser Film nicht zum Kanon des Thriller-Kinos gehört. Rosen blühen auf dem Heidegrab (1952) von Hans Heinz König schließlich gibt sich als Heimatfilm, König injiziert diesem beliebten Genre jedoch schnell eine profunde Unheimlichkeit. Die Moorlandschaft von Deutschlands Norden wird hier aufgerieben zwischen Fortschritt (einem Architekten) und Vergangenheit (einem rückständigen Bauern). Und wenn das dramatische Finale im Moor schließlich kommt, dann ist der Heimatfilm vollends zum Horrorkino mutiert.

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