Die Kettensäge singt nicht mehr – Nachruf auf Tobe Hooper

Nach Wes Craven und George A. Romero verstarb mit Tobe Hooper am 26. August ein weiterer der großen US-amerikanischen Horror-Regisseure. Bei Hooper ist es schwieriger, eine klare Linie in seinem Schaffen auszumachen, vor allem hat er einen der einflussreichsten Horrofilme der Filmgeschichte erschaffen. Eine Spurensuche.

The Texas Chain Saw Massacre

Man muss sich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, um zu behaupten, Blutgericht in Texas (The Texas Chainsaw Massacre, 1974) ist die effizienteste Schreckensmaschine, die das Kino je hervorgebracht hat. Tobe Hooper lieferte mit seinem Low-Budget-Debüt die Blaupause für eine Spielart des Genres, für die sich in den letzten Jahren der Begriff des Terrorfilms etabliert hat: Es ist ein Film, der den Zuschauer mit dem Stahlhandschuh bei der Gurgel packt, seine Eingeweide in einer Schraubzwinge festhält und ihm den Schweiß auf die Stirn treibt. Er verschafft keinen wohligen Grusel, und seine Schocks machen keinen Spaß, wie bei den modernen „scary movies“, in die man seine Angebetete mitnimmt, in der Hoffnung, dass sie sich einem dabei in die Arme wirft. Blutgericht in Texas tut weh, obwohl er ganz entgegen seinem Titel auf plastische Splattereffekte gänzlich verzichtet. Und er hat in den 43 Jahren seit seiner Premiere nicht ein Quäntchen an Kraft eingebüßt.

Willen eines Fanatikers

The Texas Chainsaw Massacre 2

Vielleicht musste Hoopers restliche Karriere nach diesem fulminanten Auftakt zwangsläufig wie ein langer, schmerzvoller Niedergang in die Bedeutungslosigkeit wirken. Wie hätte er diesen Monolithen auch toppen sollen? Blutgericht in Texas merkt man heute noch die fiebrige Energie an, die sein Regisseur in die Waagschale warf. Es ist ein Film, der nur entstehen kann, wenn man ein Niemand ist, sich um nichts scheren muss, nichts zu verlieren hat. Man sieht diese unbändige Energie, diesen Fanatismus in den Bildern von Kameramann Daniel Pearl, der die staubige Hitze von Texas in trostlosen Bildern des Verfalls und des Wahnsinn einfängt, man hört sie in den dissonanten Klängen von Wayne Bells erbarmungslosem Score, spürt sie im unerbittlichen Hämmern des Schnitts und in der Intensität der darstellerischen Darbietungen, besonders natürlich seiner Hauptdarstellerin Marilyn Burns, die während der berühmten Dinner-Sequenz tatsächlich dem Wahnsinn nahe scheint. Nichts blieb hier dem Zufall oder dem Glück überlassen, die körnige Rohheit und Hingeworfenheit des Films ist hart erarbeitet. Wenn der Zuschauer sich nach knapp 80 Minuten schon erschöpft, ausgelaugt und zerschlagen fühlt, wie muss es dann seinem Urheber ergangen sein, der Wochen und Monate an diesem Werk geschliffen hat? Kann man sich davon erholen?

Eine Karriere voller Rückschläge und Enttäuschungen

Eaten Alive

Keiner von Hoopers folgenden Filmen erreichte auch nur annähernd die Klasse seines unangefochtenen Meisterwerkes. Der bizarre Blutrausch (Eaten Alive, 1976) etabliert eine ähnlich dichte Atmosphäre, nutzt ebenfalls das Lokalkolorit des texanischen Hinterlandes und den musikalischen Ikonoklasmus Wayne Bells, hat zudem einen ultrapsychotischen Neville Brand in der Hauptrolle aufzubieten. Aber der sich stetig einmischende Produzent Mardi Rustam kam dem Gelingen immer wieder in die Quere. Es ist ein Film, der eine Wiederentdeckung lohnt und in vielen Details einen kreativen Stilisten erkennen lässt – aber nicht vollständig zufriedenstellt. Mit Brennen muss Salem (Salem's Lot, 1979), der Fernsehverfilmung von Stephen Kings gleichnamigem Roman, landete Hooper noch einen weiteren Achtungserfolg (der heute aber nahezu vergessen ist), bevor er für Kabinett des Schreckens (The Funhouse, 1980) – ein weiterer visuell herausragender, stimmungsvoller kleiner Schocker, diesmal allerdings ohne jeden Anspruch auf Nachhaltigkeit – auf die Leinwand zurückkehrte. Dieser Film ebnete den Weg zum Engagement als Regisseur von Poltergeist (1982), der vielleicht so etwas wie der Knackpunkt in Hoopers Karriere war. Details sind auch nach 35 Jahren immer noch unbekannt, aber es gilt als gesichert, dass Produzent Steven Spielberg seinem Schützling nach wenigen Drehtagen die Kontrolle entzog und den Film selbst inszenierte.

Brennen muss Salem

Nach dieser Episode bot die umtriebige Produktionsfirma Cannon dem gescheiterten Wunderkind neue Chancen: Innerhalb kürzester Zeit entstanden – mit ansprechenden Budgets ausgestattet – das Sequel Texas Chainsaw Massacre 2 (1986), Invasion vom Mars (Invaders from Mars, 1986), das Remake eines Science-Fiction-Klassikers, sowie, angelehnt an die Quatermass-Filme der Hammer Studios, Lifeforce (1986), ein Horror/Science-Fiction-Hybrid mit visuellen Effekten von Star Wars-Mastermind John Dykstra und einem marketingtechnisch ausgeschlachteten Nacktauftritt von Mathilda May. Keiner dieser ambitionierten Filme spielte sein Geld wieder ein, es dauerte gut zehn Jahre, bis TCM 2 als eigenständiger Klassiker wiederentdeckt und rehabilitiert wurde. Es ist wahrscheinlich Hoopers zweitbester Film, im Unterschied zum Vorgänger eine comichaft überdrehte schwarze Komödie mit surreal-psychedelischen Anflügen, einem unfassbaren Dennis Hopper und detailverliebten Splattereffekten mit integrierter Kotzgarantie. Eine Achterbahnfahrt, die bis heute annähernd konkurrenzlos ist.

Das untere Ende der Verwertungskette

Lifeforce

Hoopers Karriere war nach den Cannon-Flops im Grunde genommen vorbei: Er blieb dem Horrorgenre treu, drehte regelmäßig neue Filme, aber es festigte sich die Ansicht, dass seine einstige Großleistung ein einmaliger Glücksgriff gewesen war. Lösten Werke wie Fire Syndrome (Spontaneous Combustion, 1990) oder The Mangler (1995) – die höchst seltsame Verfilmung einer Kurzgeschichte von Stephen King, die vielleicht eine Wiederentdeckung verdient hat – eine Art wohlwollender Gleichgültigkeit aus, ließ Tobe Hooper’s Living Nightmare (Night Terrors, 1993) an seinem Verstand zweifeln. Mit Beginn des neuen Millenniums war der Schöpfer des gnadenlosesten Horrorfilms aller Zeiten endgültig in den Untiefen des Direct-to-Video-Horrors angelangt. Crocodile (2000) oder Mortuary (USA 2005) ernteten nur noch Unverständnis. Lediglich Toolbox Murderers (USA 2004), ebenfalls ein Remake, ließ noch einmal aufmerken, doch ein Comeback, wie es Romero mit Land of the Dead (2006) vergönnt war, gab es für Hooper nicht. Er fungierte bis zu seinem Tod noch als Zeitzeuge und eine Art Erinnerung an alte Zeiten, vergleichbar mit Rockbands, die im hohen Alter noch vom Erfolg ihrer längst vergangenen Glanzleistungen profitieren, deren neue Alben aber selbst die treuesten Fans nicht mehr wirklich erwarten.

Hoopers Tod ist traurig, weil ihm das Happy End versagt blieb, das man ihm gegönnt hätte, noch einmal ein großer, anerkannter Erfolg, ein Film, der unter Beweis gestellt hätte, dass da ein außergewöhnlich begabter Mann am Werk war. Ich hoffe, er starb in dem Wissen, dass er in jungen Jahren ein sprachlos machendes Meisterwerk geschaffen hatte, das unerreicht bleiben wird.

Und hier geht's zu unserer Besprechung von Hoopers bekanntestem Film The Texas Chain Saw Massacre: www.critic.de/film/the-texas-chain-saw-massacre-3393/

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