The Texas Chain Saw Massacre – Kritik

Provinz schlachtet Stadt. Fünf Jahre nach den Morden des Manson-Clans widmet sich Tobe Hooper einer nicht minder degenerierten Familie. 

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Wie jedes Genre basiert der Horrorfilm auf immer wiederkehrenden Erzählmustern. Hat sich eine Geschichte erst einmal bewährt, ist der Weg für zahlreiche Nachahmer geebnet. In dieser Hinsicht nimmt Tobe Hoopers mit geringem Budget gedrehter Debütfilm The Texas Chain Saw Massacre (1974), der wiederum ansatzweise an John Boormans Beim Sterben ist jeder der Erste (Deliverance, 1972) angelehnt ist, eine Pionierstellung ein. Was damals noch eine unverbrauchte Geschichte war, dient heute längst als Grundgerüst unzähliger Backwood-Horrorfilme: Eine Gruppe Jugendlicher fährt in die Provinz, trifft dort auf mordlüsterne Einheimische und kämpft ums Überleben, bis nur noch das Final Girl übrig bleibt.

Der Backwood-Horror basiert auf einem einfachen Konflikt: dem zwischen arroganten Städtern und zurückgebliebenen Landeiern. Letztere wirken gerade deshalb so bedrohlich, weil sie sich in unerforschten Gebieten eine Parallelwelt jenseits menschlicher Zivilisation geschaffen haben. Tobe Hooper und sein Drehbuchautor Kim Henkel haben sich, als Personifikation des außer Kontrolle geratenen Rednecks, Leatherface zusammengesponnen: einen degenerierten Metzgersohn, der mit seiner namensgebenden Ledermaske, den grobschlächtigen Bewegungen, den tierischen Lauten und natürlich der Kettensäge heute fester Bestandteil der westlichen Popkultur ist. Allein im neuen Jahrtausend sind ihm – inklusive einer noch bevorstehenden 3D-Version – drei Filme gewidmet.

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Aus heutiger Perspektive wirkt das Drehbuch von The Texas Chain Saw Massacre erstaunlich einfach gestrickt. Wo spätere Genrebeiträge eine Kunst daraus machen, Spannungsmomente zu strecken und Mord- und Folterszenen mit immer neuen Wendungen weiter hinauszuzögern, kommt Hooper geradezu pragmatisch zur Sache. So verstörend der Film mitunter ist, um die Feinheiten der Spannungserzeugung wie etwa in John Carpenters Halloween (1978) geht es hier nicht.

Stattdessen hat Hooper besonders in der ersten Hälfte seines Films eine überdrehte Satire gedreht. Schon bei den Figuren handelt es sich um eine Ansammlung von Karikaturen. Die Jugendlichen sind Hippies, die esoterischen Schwachsinn von sich geben, die Einheimischen Grimassen schneidende Sonderlinge, die von körperlichen Defiziten wie schiefen Zähnen und großflächigen Pigmentstörungen gezeichnet sind. Man zweifelt keine Sekunde daran, dass es kein gutes Ende nehmen kann, wenn diese beiden Parteien aufeinandertreffen.

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Interessanterweise verfügt der Film mit dem körperlich behinderten Franklyn (Paul A. Partain) über eine Schwellenfigur. Der hegt einen Groll gegen seine Mitfahrer, weil sie ständig Spaß haben und ihn dabei außen vor lassen. Lässt man sein späteres Schicksal einmal außer Acht, wirkt er streckenweise wie ein Verbündeter von Leatherface. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich The Texas Chain Saw Massacre wie viele Teenie-Slasherfilme auch als Kampf der Außenseiter und Nerds gegen die Alphatierchen amerikanischer High Schools verstehen. Natürlich sind es die unbeschwerten und schönen Jungen und Mädchen, die als Erstes ihr Leben lassen müssen.

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Als der Film seinerzeit in die Kinos kam, erwies sich vor allem eine Strategie als maßgeblich für seinen kommerziellen Erfolg: die Behauptung, die Handlung basiere auf einer wahren Begebenheit. Die Figur des Leatherface ist tatsächlich an den Serienmörder Ed Gein angelehnt, der schon Pate für Filme wie Psycho (1960), Deranged (1974) und später für Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, 1991) stand. Abgesehen von einer Schwäche für Crossdressing und einer Begabung für morbides Kunsthandwerk ist der Mann mit der Ledermaske aber vor allem eine Eigenschöpfung.

Unter Hoopers Regie wird Leatherface zum verkannten Schöngeist. Gleich in der ersten Einstellung verharrt die Kamera ungewöhnlich lange auf einer Skulptur aus Leichen, später wird mit geradezu liebevoller Ausführlichkeit die Werkstatt des Künstlers präsentiert: eine Bank aus menschlichen Gebeinen, ein aufgespießter Hühnerkadaver und ein Stuhl, bei dem die Bezeichnung Armlehnen eine neue Bedeutung bekommt. Dabei ist Leatherface wie viele andere gesichtslose Killer des Genres kein einsamer Wolf, sondern gleichzeitig Sohn und Mutter in einer Familie, die ihm in diesem Fall an Perversion in nichts nachsteht.

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In Deutschland ist es fast eine kleine Sensation, dass der Film, der einst unter dem Titel Blutgericht in Texas in die Kinos kam, nun auf DVD und Blu-ray erhältlich ist. Lange Zeit war Hoopers Debüt verboten oder nur mit starken Kürzungen verfügbar. Welche Schwierigkeiten selbst heute noch überwunden werden mussten, um den Film zu veröffentlichen, zeigt die Auseinandersetzung zwischen dem Vertrieb Turbine und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die im Beiheft der liebevoll gestalteten DVD-Box ausführlich dokumentiert ist. Erfreulicherweise bleibt das Engagement von Turbine ungebrochen. In naher Zukunft will man sich dort noch anderen, in Deutschland aus schwer nachvollziehbaren Gründen indizierten oder gar beschlagnahmten Horrorklassikern annehmen, etwa Wes Cravens Das letzte Haus links (Last House on the Left, 1972).

Sieht man sich The Texas Chain Saw Massacre genau an, wirkt das frühere Verbot reichlich absurd. Denn was die Darstellung von Gewalt angeht, ist der Film alles andere als explizit. Tatsächlich verhält es sich hier mit dem Fleischerhaken, dem Hammer oder der Kettensäge ähnlich wie mit dem Messer in der berühmten Duschszene von Hitchcocks Psycho: Man sieht die Geräte auf den Körper zusteuern, die Penetration ins Fleisch wird aber vom Zuschauer zu Ende gedacht.

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Leicht zu verdauen ist der Film trotzdem nicht. Oft genügen Andeutungen von Gewalt, das beunruhigende Gegrunze von Leatherface oder das vor Angst und Ekel verzerrte Gesicht von Hauptdarstellerin Marilyn Burns, das die Kamera aus nächster Nähe einfängt, um beim Zuschauer für Unbehagen zu sorgen. Besonders die letzte halbe Stunde des Films ist pures Chaos, eine Persiflage auf die amerikanische Familie mit ihren pervertiert überzeichneten Ritualen. Fünf Jahre vor Erscheinen des Films hatte die scheinbar letzte Bastion des konservativen Amerika durch die Morde der Manson-Family schon reichlich Schaden genommen. Hooper nimmt die Institution Familie endgültig auseinander. Wie sehr einen der Film hier in seine verkehrte Welt hineinzieht, liegt nicht zuletzt an einem außergewöhnlichen Soundtrack. Mit einer Vielzahl unterschiedlicher Geräte – vom chinesischen Becken bis zur Essgabel – haben Hooper und Wayne Bell eine beklemmende Collage aus perkussiven Geräuschen zusammengestellt, die dem ganzen Wahnsinn den angemessenen Rahmen verleiht. Willkommen im amerikanischen Albtraum. 

Der Text bezieht sich auf die DVD-Veröffentlichung aus dem Jahr 2012.
2014 kommt der Film in einer neuen 4K-Abtastung noch einmal ins Kino.

Trailer zu „The Texas Chain Saw Massacre“


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