Wall-E – Der letzte räumt die Erde auf
Pixars jüngstes Animationsabenteuer blickt 800 Jahre in die Zukunft. Während die Erde einer Müllhalde gleicht und die Menschheit den Planeten längst verlassen hat, entwickelt ein kleiner Roboter allzu menschliche Gefühle.
Wir schreiben das Jahr 2800. Die Welt, so wie wir sie heute kennen, hat schon lange aufgehört zu existieren. Der einst blaue Planet ist zu einer trostlosen und lebensfeindlichen Einöde verkommen, in der zwischen riesigen Müllbergen höchstens noch einige Kakerlaken umherirren. Der Mensch hat diese Wüste längst verlassen. Ein kleiner Roboter namens Wall-E verrichtet mittendrin tagein tagaus, als wäre nichts geschehen, seinen Dienst. Er formt Müll zu kompakten Würfeln, die er fein säuberlich aufeinander stapelt. Ordnung muss sein – auch in der Apokalypse.
Pixar, seit mittlerweile über einem Jahrzehnt unbestritten die kreative wie technische Speerspitze des Animationsfilms, hat schon vieles mit der Rechenpower seiner Computersysteme zum Leben erweckt, seien es exzentrische Spielzeugfiguren, freiheitsliebende Fische, putzige Monster oder kochbegeisterte Nager. Ein Roboter war bislang noch nicht darunter. Andrew Stanton und sein Team nahmen sich dieses Mal der Herausforderung an, einem per Definition kalten Metallklumpen Persönlichkeit und Seele einzuhauchen, die es dem Zuschauer ermöglichen, zu Wall-E tatsächlich eine emotionale Bindung aufzubauen.
Pixars Ansatz ist dabei keineswegs neu, seine Ausführung dagegen schon. Wall-E, dieser putzige Hybrid aus Nummer 5 (Nummer 5 lebt!, Short Circuit, 1986) und E.T. (E. T. – Der Außerirdische, E.T. the Extra-Terrestrial, 1982), muss in die Rolle Robert Nevilles schlüpfen, des Last Man on Earth. Seine Animation soll glaubhaft menschliches Verhalten imitieren und so sein eigentlich blechernes Ego vergessen machen. Der Prozess der Vermenschlichung des letzten Roboters auf Erden und damit die erste halbe Stunde von Wall-E – Der letzte räumt die Erde auf (Wall-E) dürfte bereits jetzt einen Platz in der „Hall of Fame“ des Trickfilms sicher haben.
Eine Handlung im engeren Sinn lässt sich dabei zunächst nicht ausmachen. Stanton zeigt vielmehr Impressionen aus Wall-Es Alltag, von seiner Arbeit zwischen den Müllbergen, seiner ungewöhnlichen Freundschaft zu einer Kakerlake und seinem Zuhause, das er – man neigt unweigerlich zu diesem Vokabular – mit viel Liebe zum Detail in ein echtes Schmuckkästchen verwandelt hat. Pixars Trickkünstler erschaffen aus einem seelenlosen Roboter einen richtigen Sympathieträger, der die Herzen des Kinopublikums im Sturm erobern dürfte. Wall-E, so die klar verständliche Botschaft, geht es nicht anders als uns, wenn wir zu lange alleine sind. Er ist einsam und sehnt sich nach Nähe.
Innovativ ist vor allem, wie der Film während der ersten 30 Minuten seine sehr reduzierte Geschichte erzählt. Weil Wall-E keine menschliche Stimme erhalten sollte, kam dem Sound-Design eine besondere Bedeutung zu. Niemand geringerer als Ben Burtt, mehrfacher Oscar-Preisträger und Vater der Stimme von R2-D2, entwickelte Wall-Es Sprache. Er und seine Mitroboter kommunizieren in einem nicht immer verständlichen, maschinellen Kauderwelsch, das Burtt aus verschiedenen synthetischen und organischen Soundelementen kreierte. Das Ergebnis verbindet auf originelle Art die monotonen Geräusche einer Maschine mit Wärme und – so paradox es auch klingen mag – dem Ausdruck von echten Gefühlen.
Die Animationen des kleinen Müllschluckers wiederum verblüffen nicht nur ob ihrer technischen Brillanz. Neben den beinahe fotorealistischen Lichtreflexionen an den metallenen Oberflächen schenkten die Designer ihrem Ziehkind auch eine ausgeklügelte Mimik und Gestik. Zeitweilig scheint Wall-E gar Stummfilmhelden wie Charlie Chaplins Tramp-Charakter zu imitieren, wenn er sich verlegen umschaut und bei einem ihm unbekannten Geräusch panikartig in Deckung geht. Mit seinen großen, gläsernen Augen und den vergleichsweise kurzen Armen und Beinen, die nicht zufällig dem Kindchenschema ähneln, appelliert Wall-Es gesamte Erscheinung an unser Fürsorgerverhalten – mit Erfolg.
Komplett wird er jedoch erst durch seine überaus charmanten Eigenarten und Vorlieben. So hat Wall-E zum Gene-Kelly-Musical Hello, Dolly! (1969) über die letzten 700 Jahre offensichtlich eine besondere Beziehung aufgebaut. Der auf einer alten VHS-Kassette archivierte Film dient ihm als romantisches Ventil, bis die Liebe in Gestalt des im Gegensatz zu ihm hochmodernen Erkundungsroboters EVE tatsächlich und gänzlich unverhofft Einzug in sein „Leben“ hält. Von da an spielen die Module verrückt und Wall-E entwickelt sich zu einer anrührenden, aber zu keiner Zeit kitschigen Romantischen Komödie, die während der zweiten Filmhälfte leider von einer viel zu plakativ vorgetragenen Kritik an der modernen Konsum- und Wegwerfgesellschaft ausgebremst wird.
Ab dem Moment, da Wall-E EVE auf das Raumschiff folgt, mit dem die Menschen einst die Erde verließen, wird aus der originellen Komödie eine Holzhammer-Satire auf den „American Way of Life“. Die ausnahmslos übergewichtigen, beinahe bewegungsunfähigen Passagiere sollen dem Publikum einen Spiegel vorhalten, letztlich schüren sie nur Verdruss, weil sich der Fokus des Films dadurch unnötigerweise von Wall-E und EVE weg bewegt. Auch der Umstand, dass die Szenen in der Raumstation Stanton ausreichend Gelegenheit boten, cineastische Vorbilder wie Star Wars (1977), Ridley Scotts Alien (1979) und Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltall (2001: A Space Odyssey, 1968) zu zitieren, will den Unterhaltungswert nicht mehr auf das Niveau der ersten Dreiviertelstunde hieven.
Erst zum Ende hin besinnt sich Pixars neuntes Spielfilmprojekt dann wieder seiner eigentlichen Stärken, indem Stanton Wall-Es und EVEs Schicksal in den Mittelpunkt rückt und man als Zuschauer Gelegenheit bekommt, sich von diesem wahrlich ungewöhnlichen Paar angemessen zu verabschieden.
Kritik von Marcus Wessel
Fotos: © Disney
Veröffentlicht am 23.07.2008
Film-Angaben:
Titel: Wall-E - Der letzte räumt die Erde auf (Wall-E)
USA 2008
Laufzeit: 95 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Regie: Andrew Stanton
Drehbuch: Andrew Stanton
Produktion: Jim Morris
Musik: Thomas Newman
Schnitt: Stephen Schaffer
Stimme: Ben Burtt, Elissa Knight, Jeff Garlin, John Ratzenberger, Kathy Najimy, Sigourney Weaver
Kinostart: 25.09.2008
Verwandte Filme:
- Oben - USA 2009; Regie: Pete Docter
- Ratatouille - USA 2007; Regie: Brad Bird
DVD-Angaben:
Titel: Wall-E (Special Edition)
Vertrieb: Walt Disney Studios
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Türkisch (DD 5.1), Englisch (DD 6.1 EX), Deutsch (DD 6.1 EX)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch, Englisch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 95 Minuten
Extras: Kurzfilm "Presto", Kurzfilm "BURN-E", Vorschau: WALL-E'S Tour durchs Universum, Audiokommentar von Regisseur Andrew Stanton, Sound-Design im Animationsfilm: Welten aus Tönen erschaffen, Zusätzliche Szenen, Die Pixar-Story von Leslie Iwerks, weitere zusätzliche Szenen, WALL-E's Schätze & Schmuckstücke, Buy n Large Kurzfilme, "Viele Bots" Abenteuerbuch, Das Making Of von WALL-E
neben der Special Edition mit 2 DVDs erscheint auch eine preiswertere Ausgabe mit weniger Extras und nur einer DVD.
Verleih ab: 05.02.2009
Verkauf ab: 05.02.2009
Kommentare
Nessa aus Neuburg/Inn
Montag, 22-12-08 13:20
kleinerChaot aus Duisburg
Dienstag, 21-10-08 07:41
Ja, der Mittelteil, wo Menschen vorkommen, ist tatsächlich etwas langweilig. aber sonst ist die kleine Müllpresse mit ihrem Wunsch, Eve an der Hand zu halten, wohl die packendste Liebesgeschichte der letzten Jahre. Schade dass Pixar es zu den großartigen Bildern verpasst hat, auch in der deutschen Synchronisation diesselbe Emotion in die "Geräusche" zu packen. gerade wenn Wall-E laut mehr ...
DJ Flo
Samstag, 18-10-08 23:04
Vergiss Ratatuille, dies ist der Beste Animationsfil den ich je gesehen habe. Hier passt alles. Gerade die erste halbe Stunde, die andere als Langweilig empfinden hat einen solchen charme. Es dann der Tempowechsel. Und dabei bleiben die Macher allen Charaktären treu. Dann die Kritisch- Ironische Anspielung auf die allgemeine Faulheit der Menschen. Und mitten drinn Eve und Wall E. Ich habe den Film mehr ...
Frank aus Breckerfeld
Dienstag, 14-10-08 16:05
Ich war mit meiner Frau und unseren Kindern 9 und 5 am Sonntag in Wall.E. Und wir waren begeistert.
Liane aus Erlangen
Samstag, 11-10-08 06:17
Klasse Film! Für Erwachsene auf jeden Fall - aufgeweckte Kinder um die 10 Jahre werden sicher auch ihren Spaß dran haben - spricht Mädchen wie Jungen an. Außerdem ist er ein prima Bonbon für den Unterricht (Umwelterziehung, Müllproblematik...).
Alex
Dienstag, 07-10-08 22:11
Ich muss ebenfalls sagen dass die Kritik von Silke mehr als unangebracht ist... Ich denke Wall-E ist einer der besten Filme die in letzter Zeit produziert wurden, da er sowohl für jüngere als für ältere Generationen gut geignet ist. Die kleinen sind von den niedlichen Figuren fasziniert ( die älteren warscheinlich aber auch :) Und der Film regt ältere mit seinem doch recht tiefsinnigen Hintergrund mehr ...
elli aus duisburg
Dienstag, 07-10-08 08:54
ich finde die beschwerde von Silke völlig unnötig!!! Der film ist süß gemacht und alle mögen wall-e! Nur weil ihr vielleicht der film nicht gefallen hat ,muss sie ihn doch nicht gleich so schlecht machen!!!
Silke
Sonntag, 05-10-08 18:14
Dieser Film ist keinesfalls empfehlenswert. Die erste halbe Stunde sterbenslangweilig, danach das übliche amerikanische hektische, überlaute Spektakel. Die Gesellschaftskritik geht in Lärm, grellen Bildern und künstlicher Aufregung unter. Ganz sicher kein Kinderfilm, also warum bitte die Altersfreigabe ab 0 Jahren? Mit zwei Kindern von 9 Jahren war ich in diesem Film ganz falsch (allerdings waren mehr ...
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Dieser Film ist der beste den es überhaupt gibt!!!!!Wall-E ist der beste Freund den man sich überhaupt wünschen kann man weiß aber nicht ob es in gibt!!!!!!!!!!!!!!!