Turistas
Junge westliche Touristen geraten im brasilianischen Niemandsland an den falschen Arzt. John Stockwell versucht sich mit handwerklicher Sicherheit am Körperhorror, das Drehbuch liefert aber leider nicht einmal solides Genrematerial.

Es dürfte Horrorfans sattsam bekannt sein, dass man sich als Amerikaner möglichst nicht aus den schützenden Räumen der Zivilisation herausbewegen sollte. Schon im Hinterland der eigenen Provinz kann es gefährlich sein, wie zuletzt Hügel der blutigen Augen (The Hills Have Eyes, 2006) und sein Sequel (2007) darlegten, um wie viel gefährlicher wird es da erst in der Fremde?
Der heftig umstrittene Film Hostel (2006) verlegte das blutige Treiben ins raue Osteuropa, wo arglose Touristen gegen Geld von reichen Geschäftsleuten zu Tode gefoltert werden durften. Gegenüber Osteuropa, müssen sich die Produzenten von Turistas gesagt haben, hätte Brasilien natürlich den Vorteil, dass es Strände und viel Sonne gibt. So kann man sich sehr eng an Hostel orientieren, die jungen Reisenden, die der Mordlust skrupelloser Eingeborener zum Opfer fallen, tragen aber deutlich weniger Kleidung und zeigen deutlich mehr nackte Haut als in Eli Roths Film.

Eine Gruppe junger Touristen aus Europa und den USA landet, nachdem ihr Bus einen Unfall hatte, an einer Strandbar im brasilianischen Nirgendwo: außer einer kleinen Ortschaft ist da nur noch Urwald. Am Morgen nach ihrer Ankunft wachen sie benommen und bestohlen am Strand wieder auf. Bevor böse Menschen sie nacheinander umbringen und ausweiden werden, ist allerdings noch genug Zeit für ein ausführliches Bad in einem Bergsee.
Turistas verspricht also viele knappe Bikinis und tiefe Einblicke ins Innere des menschlichen Körpers: Der Film kokettiert so fortwährend mit den Möglichkeiten des Exploitationkinos, ohne sich je ganz dazu entschließen zu können, diesem Weg auch zu folgen. Denn nach der ersten Hälfte, die noch genretypisch auf die obligatorische Szene mit Skalpell und Operationslampe zuläuft, gerät der Film auf einmal zu einem etwas uninspirierten Verfolgungsthriller, dessen Inszenierung meine Begleitung recht zutreffend als „Tauchen mit Leni Riefenstahl“ beschrieb.
Noch mehr Körper in Badebekleidung also: Dabei ist das alles gar nicht schlecht gemacht. Regisseur John Stockwell, der schon bei Blue Crush (2002) und Into the Blue (2005) unter die Meeresoberfläche gegangen war, beherrscht sein Handwerk unter Wasser, aber auch an der Luft.

Nur genügt Handwerk allein eben nicht, und da sich die Handlung mit ihrem zentralen und im Trailer groß angepriesenen Moment auf dem Operationstisch doch allzu offensichtlich an Hostel anlehnt, wird das Thema der Folter noch mit einem – jetzt wird’s bizarr! – philanthropischen Moment angereichert: es geht um den globalisierten Organhandel. Hier betätigt sich ein Arzt, um einen Ausgleich dafür zu schaffen, dass reiche „Gringos“ armen Brasilianern ihre Organe abkaufen. Als selbsternannter Rächer der Ausgeweideten kehrt er also jene Bewertung um, nach der das Leben eines Amerikaners mehr wert ist als das eines Brasilianers.
Leider nimmt man dem Mann weder ab, dass er ein freundlicher, noch dass er ein wirklich skrupelloser Mensch ist. Die Szene, in der er einem Opfer lang und breit seine Gründe erläutert, während er die Organe entnimmt, wirkt denn auch, obwohl oder gerade weil die blanken Brüste der jungen Frau mehrfach zentral ins Bild gerückt werden, vor allem peinlich.
Kritik von Rochus Wolff
Fotos: © Universum Film
Veröffentlicht am 29.05.2007
Film-Angaben:
Titel: Turistas (Turistas)
USA 2006
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: John Stockwell
Drehbuch: Michael Ross
Produktion: Marc Butan, Scott Steindorff, John Stockwell, Bo Zenga
Darsteller: Josh Duhamel, Melissa George, Olivia Wilde, Desmond Askew, Beau Garrett, Max Brown, Agles Steib, Miguel Lunardi
Kinostart: k.A.
DVD-Angaben:
Titel: Turistas
Vertrieb: Universum Film
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: keine Angabe
Spieldauer: 90 Minuten
Extras: Trailer; Deleted Scenes
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 04.06.2007
Kommentare
Marc
Donnerstag, 14-06-07 14:38
le M.
Dienstag, 29-05-07 16:20
Danke für die schöne Rezension, der ich voll und ganz zustimme! Das Hauptproblem von »Turistas« ist, dass der Film sich nicht entscheiden kann oder will, was (und wo) er sein möchte. Kokettiert der Trailer noch mit Splatterelementen und Anspielungen auf Filme wie »Hostel« oder gar »Cannibal Holocaust«, entpuppt sich der Streifen als seltsam unkonzentrierter Genre-Mischmasch, bei dem zumindest mehr ...
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Soweit ich weiss überleben aber nur 3 Leute. Dem Rest deiner Kritik stimme ich allerdings zu - für einen DVD Abend reicht es aber allemal.