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Sophie Scholl - Die letzten Tage

Auf der Berlinale mit zwei Silbernen Bären ausgezeichnet kommt nun, zwei Tage vor dem zweiundsechzigsten Jahrestag von Sophie Scholls Hinrichtung, dieses bedrückende und emotional eindringliche Plädoyer für Zivilcourage in die Kinos, in dem die studentische Widerstandskämpferin zur modernen Heldin stilisiert wird.

Sophie Scholl - Die letzten Tage

Der Titel des Films spricht für sich. Im Zentrum steht die Perspektive der 21-jährigen Studentin Sophie Scholl und ihre letzten sechs Tage (17.-22. Februar 1943). Anders als Verhoevens Die Weiße Rose (1982), der die gesamte Widerstandsgruppe thematisierte, und anders als Adlons Fünf letzte Tage (1982), der ein distanziertes Porträt Sophie Scholls aus der Perspektive ihrer Zellengenossin zeichnete. Regisseur Marc Rothemund konzentriert sich in Sophie Scholl - Die letzten Tage auf die letzte Flugblattaktion der Weißen Rose, auf die Verhaftung der Geschwister Scholl in München, auf die Untersuchungshaft und Sophies Vernehmung durch die Gestapo, bis zum abschließenden Nazischauprozess und der Hinrichtung. Gespielt wird Sophie Scholl von Julia Jentsch, die für ihre schauspielerische Leistung in diesem Film auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Ihre intensive, klare Darstellung der Sophie Scholl von der lebenslustigen Studentin zu einer gefassten jungen Frau, deren Idealismus und Zivilcourage ans Märtyrerische reicht, fasziniert von Anfang an und hinterlässt ein aufgewühltes Publikum.

Sophie Scholl - Die letzten Tage

Was aber genau wird eigentlich durch den zweiten Silbernen Bären geehrt, mit dem der gesamte Film ausgezeichnet wurde? Die Frage lautet: wie wird uns heute die Geschichte der Studentin Sophie Scholl erzählt, die sich daran beteiligte, Flugblätter herzustellen und zu verteilen, die dazu aufriefen den Krieg mangels Erfolgsaussichten zu beenden? Und vor allem: Warum scheint dieser Film einen Nerv zu treffen? Das Wie lässt sich beschreiben: Die Handlung spielt hauptsächlich in Innenräumen und ist als Kammerspiel mehr durch die Dialoge bestimmt als durch visuelle Vielfalt. Die Ausstattung ist allgemein historisch, steht aber nicht überbordend im Vordergrund. Überzeugendstes Kernstück der Dramaturgie ist die Vernehmung Sophie Scholls durch den Gestapo-Beamten Hans Mohr (Alexander Held). Im einfachen Schuss/Gegenschuss Verfahren wird ein eindringliches Psychoduell inszeniert, zwischen der unbeirrbaren Studentin in Strickjacke und Rock und dem cleveren und unerbittlichen Beamten mit Parteiabzeichen. Er versucht sie in die Enge zu treiben. Sie antwortet ruhig, in klaren Sätzen und kann den Beamten zunächst sogar von ihrer Unschuld überzeugen. Später, nachdem Sophie Scholl gestanden hat und im Film unnötiger Weise ausgelassen wird, dass sie mehrere Namen der Widerstandsgruppe offenbart hat, wird der Disput zwischen freiheitlicher und totalitärer Weltanschauung noch weiter auf moralischer Ebene ausgetragen. Auch hier kann Sophie Scholl den Beamten Mohr beeindrucken, der anfängt Sympathie für die Widerstandskämpferin zu zeigen und ihr zur Rettung ihres Lebens einen Deal anbietet, den sie aber standhaft ablehnt. Angesichts einer solch soliden moralischen Überzeugung kann der Gestapo-Mann seine Zweifel nicht verhehlen. Genau wie der Film auch allen weiteren Statisten, die mit der Verhaftung und Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose zu tun hatten, eingesteht, Zweifel gehabt und nicht anders gekonnt zu haben. Denn fast ein jeder scheint Sophie Scholl mit mitfühlenden Blicken auf ihrem unvermeidlichen Weg zur Guillotine zu begleiten. Das Böse des totalitären NS-Staates wird abstrakt. Selbst der surreal geifernde Nazi-Richter Freisler bekommt einen milden, zweifelnden Zug am Ende seines Schauprozesses, aus dem er im moralischen Sinne als Verlierer hervor geht.

Sophie Scholl - Die letzten Tage

Der Film zeigt auf diese Weise Sophie Scholls Zivilcourage als unerbittlichen Kampf gegen die abstrakten Mühlen des NS-Staates und verklärt somit die Heldin zu einer modernen Märtyrerin. Zum Zeitpunkt des definitiv letzten Augenschlags von Sophie Scholl befindet sich der Zuschauer auf Augenhöhe mit ihr unter dem Fallbeil des Widerstandes und darf sich fragen, wie er selbst gehandelt hätte. Voller Ehrfurcht sehen wir uns im Angesicht der unerreichbaren, fast religiösen Sophie. Helden, denen man nur mit Ehrfurcht begegnen kann, sind im Kino ein Problem, denn zur Identifikation dienen sie nicht. Mit einer solch plakativen Emotionalität nehmen Drehbuch und Regie dem Zuschauer jede Möglichkeit der Differenzierung und des individuellen „Hinterfragens“ und jede Mühe der (Selbst-)Erkenntnis ab. Einen solch manipulativen Kloß im Hals muss man erst einmal schlucken. Danach kann man überlegen, ob der zweite Silberne Bär wirklich dem Film als Kunstwerk gilt, oder eher als Resultat der Demut vor und als verunglückte Ehrung der Person Sophie Scholl gedeutet werden müsste, oder gar eine Drehbuchauszeichung ist für die schulfunktaugliche, wie populärkulturelle Interpretation der bis 1989/90 im DDR-Archiv schlummernden, historischen Verhörprotokolle. Vielleicht aber preisen wir uns auch nur selbst, weil wir uns einig sein dürfen und ein jeder von uns bis in die letzte Schulbank voll seliger Betroffenheit die Botschaft nach Zivilcourage, Menschenwürde und Gerechtigkeit verstanden hat.

Kritik von Tillmann Allmer

Fotos: © X-Verleih

Veröffentlicht am 24.02.2005



Film-Angaben:

Titel: Sophie Scholl - Die letzten Tage (Sophie Scholl - Die letzten Tage)
Deutschland 2004
Laufzeit: 116 Minuten

Regie: Marc Rothemund
Drehbuch: Fred Breinersdorfer
Produktion: Christoph Müller, Sven Burgemeister, Fred Breinersdorfer, Marc Rothemund
Darsteller: Julia Jentsch, Fabian Hinrichs, Gerald Alexander Held, Johanna Gastdorf, André Hennicke, Florian Stetter, Johannes Suhm

Kinostart: 24.02.2005



DVD-Angaben:

Titel: Sophie Scholl – Die letzten Tage (2-Disc-Set)
Vertrieb: X-Verleih, Warner Home Video
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 116 Minuten

Extras: Audiokommentar; Dokumentationen; Making of; Postergalerie; verpatzte und nicht verwendete Szenen; Trailer

Verleih ab: 23.09.2005
Verkauf ab: 23.09.2005





 




Kommentare

 

Raphael Haugwitz

Dienstag, 03-07-07 01:02

Schlechte schauspielerische Leistung des Richters? Nun, das wohl gerade nicht, denn handelt es sich um dass, was dort im Gerichtsaal abläuft, nicht gerade um einen Schauprozeß vor versammelter Naziriege? Also was rüberkommen soll ist ein Richter, der schauspielert, also jemand, der mit seiner Entrüstung und seinen Vorwürfen künstlich übertreibt, z.B. seiner Stimme künstlich Lautstärke verleiht, mehr ...

F4FSurajF4F

Freitag, 23-02-07 12:30

Jo, der Film wahr ganz gut. Verstehe zwar immer noch nicht wie man eine ganze nation zu "heil hitler" statt "grüß gott" treiben kann. Naja in diesem Sinne: Der NationalSzialismus hat ausgedient!

Anna-Maria

Freitag, 23-02-07 12:30

Der Film behandelt die Problematik der Judenverfolgung und die Unterdrückung des Volkes.Da diese Themen sehr heikel zu behandeln sind muss der Regisseur dieses kritische Thema mit äußester Vorsicht angehen. Teilweise ist ihm das auch ganz gut gelungen. Jedoch gönnt er den Zusehern zu wenig Einblicke in das Gefühlsleben der Figuren.

KathArina Berger

Freitag, 23-02-07 12:20

zum Film: Die Geschichte des Filmes ist sehr interessant, wenn doch auch schon sehr veraltet da ständig irgendein Thema zum 2.Weltkrieg verfilmt wird... Die schauspielerische Leistung lässt zu wünschen übrig von seitens der Sophie Scholl, ebenso der Richter, besonders gut hat mir der Beamte Mohr gefallen...

Sevi

Freitag, 23-02-07 12:07

Ich fand die mit abstand beeindruckendste Szene spielste sich vor Gericht ab ... Trotz eines Richters der einen kaum zu Wort lies .. hat Sophie Scholl sich mit ihrer ruhigen Art durchgesetzt um ihre Meinung durchzusetzen ... Ähnlich die Szene beim Verhöhr , wo sie mit ihrer ruhigen Art die Zuschauer beeindruckt. Auch der Film selber hat es geschafft sich erfolgreich durchzusetzen, in einem Jahr mehr ...

TS

Montag, 06-02-06 19:31

excellentes drehbuch und wunderbare schauspieler (julia jentsch in wahrscheinlich ihrer paraderolle) heben den film hervor. meine persönliche auseinandersetzung mit dem theme geht weit über den film hinaus, hilft mir aber trotzdem, den mut der jugend in der gegenwart, egal wann und wo auf dieser welt, mehr zu respektieren. ein wehrmutstropfen habe ich, die filmmusik ist grauenvoll, gerade zu deplaziert, mehr ...

Arthur Micke

Donnerstag, 02-02-06 22:18

War gerade heute mit 350 italienischen Schülern in einer Vorstellung auf Italienisch und war tief beeindruckt, mitgenommen und nicht nur ich: von den vielen 15-18jährigen im Kino blieb kaum einer unbewegt, wer bei Titanic nicht geweint hat, wird es in diesem Film - und das ist gut so! Die Werte, die in diesem Film vermittelt werden (ich hoffe jedenfalls sie werden es, das heißt sie kommen tatsächlich mehr ...

Kirsten

Samstag, 28-01-06 16:41

Ich finde "Sophie Scholl" prima, der Film brachte mich zum nachdenken, ich interessiere mich sehr für den zweiten Weltkrieg, da ich mich immer noch frage wie ein Mensch so ein Blutbad anrichten konnte, es ist traurig zu wissen, was alles ein einizer Mensch anrichten kann. So viele unschuldige Menschen, ob Kinder, Frauen oder sogar Babys, egal wer keiner hatte zu der Zeit Recht auf Leben... einfach mehr ...

e.........

Montag, 14-11-05 19:33

Ich habe mir diesen film zusammen mit meiner klasse angesehen und wir fanden ihn alle sehr gut außerdem haben wir vorher noch das buch "Das kurze leben der Sophie scholl " von hermann vinke gelesen und danach,so wie ich finde, den film besser verstanden .

Rothemund

Dienstag, 05-04-05 19:59

Destruktive Kritik, am Publikum vorbei. Wie ein Klischee. Kein Respekt vor mehreren Jahren Arbeit vieler leidenschaftlicher Filmschaffender Zeitzeugen.

 

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