Paradise Now
Zwei junge Palästinenser sind für ein Selbstmordattentat auserkoren, doch die Operation scheitert in einem ersten Versuch gewaltig. Plakative Schuldzuweisungen vermeidend, liefert der Film das subtile Portrait eines für Europäer unverständlichen Phänomens.

Wohl kaum ein Phänomen des Palästinenserkonfliktes ist aus europäischer Perspektive schockierender und unverständlicher als das der Selbstmordattentäter. Was man in den Nachrichten im Allgemeinen davon mitbekommt, sind die verstörenden Bilder des Blutbads und ein kurzer befremdlicher Ausschnitt aus dem Märtyrervideo, in dem der Attentäter seine Mission mit dem Heilsversprechen legitimiert. Wie kann ein religiöser Fanatismus jungen Menschen derart das Hirn waschen, dass sie im Glauben transzendentaler Erlösung sich und andere in den Tod reißen?
Das Erschreckende an den Protagonisten aus Hany Abu-Assads Paradise Now (2005) ist ihre Durchschnittlichkeit. Saϊd (Kais Nashef) und Khaled (Ali Suliman) sind zwei total normale Jungs, wie wir sie eigentlich auch aus unserem deutschen Alltag kennen könnten. Die beiden langjährigen Freunde jobben in einer Autowerkstatt, interessieren sich für schnittige Flitzer und hängen in ihrer Freizeit Wasserpfeife rauchend in den Hügeln um Nablus ab. Bis sie von fundamentalistischen Schergen zu ihrer vorbestimmten Mission gerufen werden. Sie sollen sich als Selbstmordattentäter in einem Bus in Tel Aviv in die Luft sprengen. In absoluten Notfällen dürfen sie die Aktion abbrechen und nach Hause zurückkehren. Aber insbesondere für Saϊd, dessen Vater als Kollaborateur der Israelis Schande auf die Familie gebracht hat, ist es eine Frage der Ehrenrettung, die Sache bis zum Ende durchzuziehen. Der erste Versuch, über die Grenze in israelisches Gebiet einzudringen, scheitert gewaltig.
Ungewöhnlich für ein europäisches Publikum ist die Perspektive des Selbstmordattentäters Saϊd, aus der der Film erzählt wird. Mehr noch, die filmische Erzählweise fördert die Identifikation des Zuschauers mit dem jungen Mann. Er hat einen kritischen Verstand, macht einen aufgeweckten Eindruck, und viel mehr als Khaled liefert ihm die Entwicklung der Geschichte die besseren Gründe, die ganze Sache hinzuschmeißen. Insbesondere eine junge arabische Frau (Lubna Azabal) mit kosmopolitischem Hintergrund, die in der westlichen Welt gelebt hat, rüttelt an Saϊds festgefahrenem Weltbild. Zudem eröffnet der chaotische Verlauf der Aktion den jungen Männern mehrmals die Möglichkeit, ihre Mission in Frage zu stellen und ernste Zweifel an ihrer Vorbestimmung zu hegen. Die unvorhergesehenen Missgeschicke werden für Saϊd und Khaled zur Prüfung und zum Selbstfindungsprozess. Während eines langen Moments glaubt man also an eine rettende Läuterung der beiden sympathischen Protagonisten, gar an einen romantischen Ausgang der Geschichte für Saϊd. Dass dann doch alles ganz anders kommt und das Schicksal der Identifikationsfigur eine überraschende Wendung nimmt, ist extrem irritierend, ja verstörend. Aber das macht den Film in seiner Wirkung so effizient.

Unaufdringlich und keineswegs didaktisch erzählt, vermeidet der Film auch plakative Schuldzuweisungen an die eine oder andere Partei im Palästinenserkonflikt. Darin liegt seine Stärke und Überzeugungskraft. In subtilen ironischen Brechungen distanziert sich Hany Abu-Assad zu seinen Figuren, ohne sie jemals bloß zu stellen. Nach dem ersten missglückten Attentat versucht Saϊd auf der Toilette einer Bar mit Schweißperlen auf der Stirn, sich vorsichtig seines Sprengstoffgürtels zu entledigen, um seine Notdurft zu verrichten. Abu-Assad zeigt das Dilemma seiner Figur ausführlich, beinahe ungerührt, in der ganzen bitteren Absurdität ihrer Situation.

Khaleds mit Inbrunst vorgetragener Märtyrerdiskurs wird durch die Banalität der filmischen Aufnahmesituation entzaubert. Und nach seiner heldenhaften Inszenierung weist der Kameramann lapidar auf einen technischen Defekt hin. Die Wiederholung seiner Aufnahme ist wie eine Liebeserklärung, die man ein zweites Mal machen muss: da ist jegliche Authentizität dahin. Das letzte gemeinsame Essen im Kreise der Fundamentalisten zitiert in einem kurzen Tableau die christliche Symbolik des letzten Abendmahls. Weil sie so unscheinbar, ja fast zufällig scheint, ist diese Randbemerkung in ihrer Provokation bestechend eindringlich.
Kritik von Almut Steinlein
Fotos: © Constantin Film / Augustus Film,
Lama Productions, Razor Film,
Lumen Films, ARTE France Cinéma
Veröffentlicht am 11.08.2005
Film-Angaben:
Titel: Paradise Now (Paradise Now)
Deutschland, Frankreich, Niederlande, Israel 2004
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: Hany Abu-Assad
Drehbuch: Hany Abu-Assad, Bero Beyer
Produktion: Bero Beyer
Darsteller: Kais Nashef, Ali Suliman, Lubna Azabal, Amer Hlehel, Hiam Abbass
Kinostart: 29.09.2005
DVD-Angaben:
Titel: Paradise Now
Vertrieb: Paramount Home Entertainment
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Palästinensisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 90 Minuten
Extras: Deleted Scenes; Making of; Interviews
Verleih ab: 16.03.2006
Verkauf ab: 16.03.2006
Kommentare
critic.de
Donnerstag, 01-12-05 21:19
Arian
Donnerstag, 01-12-05 18:28
Ich schäme mich für alle Juden mit wenn ich solche kommentare wie von "juedische" lese: Sorry aber der Fundamentalismus fängt in den Köpfen an...AUCH IN JÜDISCHEN!!!!
Rami
Donnerstag, 06-10-05 10:18
Na ja von jemanden wie dir kann man keine differenzierte Meinung erwarten. Schon allein dein Name und deine E-Mail Samuel Laster (editor@juedische.at) sagen alles. Der Film war wirklich ein Ausnahme Streifen .. schon allein das er von Palestinänsern gemacht worden ist (Hier wundert es einen das der Film nicht boykottiert worden ist). Egal der Film selber ist sehr außergewöhnlich und erzählt mehr ...
Monika Ehlers
Donnerstag, 01-09-05 17:01
Nein, es ist nicht unbedingt Symapathie für die Palästinenser, viel eher absolutes Negieren der Opfer der Selbstmordanschläge. Diese werden im Film bewusst ausgeblendet. Die Beiträge in www.juedische.at sprechen für sich...
AW
Montag, 29-08-05 16:25
1. Ein Passionsspiel inszeniert der Film gerade nicht, schließlich wird hier ja kein Leidensweg des Protagonisten zelebriert - im Gegenteil. 2. Der Film fördert in keinem Fall religiösen Fanatismus in irgendeiner Weise, sondern versucht ein absolut unverständliches, verstörendes und verurteilungswürdiges Phänomen aus umgekehrter Perspektive darzustellen - was ihn durchaus provokativ macht. 3. mehr ...
Samuel Laster
Sonntag, 28-08-05 20:42
Die euphorisch-obssesive Aufnahme des Selbstmörderpassionsspiels "Paradise Now" durch das deutsche Publikum ist in der Tat erschreckend. Die Förderung durch die Berlinale und die Kulturstaatsministerin verabscheuungswürdig. Mehr unter : www.juedische.at
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