Pans Labyrinth
„Es war einmal“: Guillermo del Toros Film haucht dem Märchen mit poetischen Bildern und einer ungeheuer kraftvollen Geschichte neues Leben ein.

Die Uhr war zerschlagen und funktioniert doch noch: vorsichtig hantiert Capitan Vidal (Sergi López) am Innenleben jener Uhr, die sein Vater zu Boden warf, als er gewaltsam ums Leben kam. Die Uhr, das zeigt sich im Laufe des Films, ist für Vidal ein Erinnerungsstück, das seinen Vater, die Erinnerung an seinen Vater und damit die männliche Blutlinie am Leben hält, zugleich aber auch ein Memento mori, eine Mahnung, an die eigene Sterblichkeit zu denken und dafür zu sorgen, dass das eigene Andenken in der männlichen Blutlinie bewahrt wird.
Immer wieder gerne sind es Uhren und Uhrwerke, die in Guillermo del Toros Filmen auftauchen und die grausamsten Charaktere antreiben – ganz konkret wie in del Toros weithin unterschätztem Fantasy-Spektakel Hellboy (2004) bei Karl Ruprecht Kroenen, dessen Herz durch eine Apparatur ersetzt wurde, die einem Uhrwerk ähnelt, oder metaphorisch wie jetzt bei Capitan Vidal in Pans Labyrinth (El Laberinto del Fauno). Beide Figuren, das ist natürlich kein Zufall, sondern ein wiederkehrendes Thema in del Toros Arbeit, sind Schergen des Faschismus, deren Brutalität und Gefühllosigkeit im mechanischen Ticken des Uhrwerks gespiegelt wird.

Vidal gehört zu General Francos Armee und hat 1944 – der Spanische Bürgerkrieg ist eigentlich schon zu Ende – sein Lager in einer einsamen Mühle aufgeschlagen, um von dort aus einige versprengte Rebellen in den Bergen zu bekämpfen. Obwohl sie hochschwanger und die Reise sehr mühevoll ist, lässt er seine Ehefrau Carmen (Ariadna Gil) nachkommen, da er möchte, dass sie bei der Geburt seines Kindes bei ihm ist – er erwartet wie selbstverständlich einen Sohn. Carmen wird von ihrer elfjährigen Tochter aus erster Ehe, Ofélia (Ivana Baquero), begleitet, die über ihren Stiefvater offensichtlich nicht sehr glücklich ist.
In der Mühle werden die Neuankömmlinge von der Haushälterin Mercedes (Maribel Verdú) und dem Arzt des Hauses, Doktor Ferreiro (Alex Angulo), umsorgt. Mercedes und Ferreiro sympathisieren allerdings, wie Ofélia bald herausfindet, mit den Rebellen und versorgen sie mit Proviant, Medikamenten und Informationen.
Diese Geschichte allein würde für manchen Film genügen, aber del Toro hat ein großes Herz fürs Übersinnliche. Schon in The Devil’s Backbone (El Espinazo del diablo, 2001), den man als Fingerübung für Pans Labyrinth verstehen kann, verband er die im Spanien der Franco-Zeit angesiedelte realistische Erzählung mit einer Geistergeschichte und knüpfte daraus einen spannenden und zugleich poetischen Film über Schuld, Sühne und Verantwortung.

In Pans Labyrinth sind es nicht die Seelen von Verstorbenen, die Ofélia heimsuchen, obwohl Vidals Mordlust genug unruhige Gespenster hervorbringen könnte. Stattdessen taucht das Mädchen in eine Parallelwelt ein voll märchenhaftem Licht, verwunschener Prinzessinnen und geflügelter Feenwesen, in der aber auch Kinder unversehens zur Mahlzeit beim Festbankett werden können.
In den dunklen Räumen der alten Mühle und den Schatten des direkt benachbarten uralten Irrgartens geschieht der Übergang zur Welt des Phantastischen zuweilen ganz plötzlich. Ein geheimnisvolles Insekt verwandelt sich in eine schlanke Fee, und ein knorriges Gewächs beginnt sich zu bewegen: als Ofélia sich in das verwachsene Labyrinth vorwagt, wartet dort ein Faun (Doug Jones) auf sie, der ihr offenbart, sie sei eine Prinzessin aus einer unterirdischen Welt, die inzwischen vergessen habe, woher sie ursprünglich stammt. Drei Aufgaben stellt er ihr dann nacheinander, um ihre wahre Identität zu überprüfen.
Del Toro und sein Kameramann Guillermo Navarro, mit dem der Regisseur schon seit langen Jahren zusammenarbeitet, haben Ofélias Welt – die oberirdische wie die unterirdische – mit viel Sinn für Farben und Beleuchtung in Szene gesetzt. Auch im tiefsten Dunkel leuchten immer wieder einzelne Farbfetzen auf, erst in den Momenten höchster Not und Verzweiflung verwandelt sich die Dämmerung in ein schier undurchdringliches dunkles Blau, aus dem nur noch die Phantasie einen Ausweg bietet.

Die seltsamen Wesen, denen das Mädchen begegnet, sind so faszinierend wie beängstigend, und genau in dieser Schwebe bleibt die ganze Geschichte: selbst in den Momenten, in denen der Film äußerste Brutalität oder zumindest viel Blut zeigt, wenn etwa Vidal einen Rebellen foltert oder eine ihm zugebrachte Schnittwunde selbst verarztet, bewahrt sich der Film eine eigentümliche Schönheit, dass man kaum hin- und doch kaum wegsehen mag.
Carmens Ermahnung an ihre Tochter, sie solle ihr Schicksal und vor allem ihren Stiefvater mit mehr Ergebenheit ertragen, das Leben sei schließlich nicht wie im Märchen, meint freilich jene weichgespülte Form Märchen, die als Gute-Nacht-Geschichte oder für kitschige Disney-Filme taugen mag. Ofélias Leben aber ist so, wie del Toro seine Märchen mag: blutig und grausam, voll von Schönheit und Entscheidungen, die Mut und Willenskraft erfordern. Del Toro will das Potential von Mythen und Märchen voll ausschöpfen und moralische Geschichten mit atemberaubenden Abenteuern und poetischen Worten und Bildern erzählen.
Dabei geht es ihm gar nicht darum, selbst der Erzähler zu sein. Das Buch, in dem Ofélia liest, schreibt sich wie von selbst und vielleicht auch erst in ihrer Imagination, und del Toro lässt sich nie auf das unwürdige Spiel ein, zwischen Wahrheit und Phantasie wirklich unterscheiden zu müssen oder nur zu wollen. Aber auch auf eine einfache Trennung von Gut und Böse läßt er sich nicht ein. Wie im Ineinandergreifen von Realem und Phantastischem sind hier die Verhältnisse keineswegs einfach: die Widerstandskämpfer um Mercedes’ Bruder Pedro (Roger Casamajor) sind keine Engel, sondern töten fast ebenso rücksichtslos wie ihre Gegner. Und Capitan Vidal – López’ Leistung ist nicht genug zu würdigen – gerät nicht zur geist- und hirnlosen Tötungsmaschine, sondern zu einem trotz allem komplexen und mit Unsicherheiten, gar Selbsthaß beladenen Menschen.
Er möchte über seine männliche Blutlinie in Erinnerung bleiben, so wie er seinen Vater mittels dessen Uhr in Erinnerung hielt; für ihn ist Erinnerung etwas mechanisches, etwas, das weitergereicht und repariert werden kann wie eine Uhr. Del Toro setzt Vidals Vorstellung die Erinnerung der Märchen und Mythen, der lebendigen Erzählungen entgegen, deren Kraft aus dem Halbdunkel kommt. Das Zwielicht mag keine eindeutigen Wahrheiten kennen, aber mit Sicherheit die besseren Geschichten.
Kritik von Rochus Wolff
Fotos: © Senator
Veröffentlicht am 15.02.2007
Film-Angaben:
Titel: Pans Labyrinth (El Laberinto del Fauno)
USA, Spanien, Mexiko 2006
Laufzeit: 112 Minuten
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro
Produktion: Guillermo del Toro, Bertha Navarro, Alfonso Cuarón, Frida Torresblanco, Álvaro Áugustín
Darsteller: Ivana Baquero, Maribel Verdú, Sergi López, Ariadna Gil, Alex Angulo, Doug Jones, Roger Casamajor
Kinostart: 22.02.2007
DVD-Angaben:
Titel: Pans Labyrinth
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Spanisch (DD 5.1), Deutsch (DD 5.1, DTS 6.1 ES)
Untertitel: Deutsch, Audiokommentar Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 115 Minuten
Extras: Audiokommentar von Guillermo del Toro; Kinotrailer; Interactivevideo Online Bonus
Am 30.7. erscheint im Handel außerdem eine Special Edition mit folgenden zusätzlichen Inhalten: Einleitung von Guillermo del Toro; Filmdokumentation; Featurettes: Farben und Formen, Skizzen, Visuelle Effekte (8 min); Storyboards: Einleitung und 4 Szenen (11 min); Hinter der Kamera: Interviews mit Guillermo del Toro – Regisseur, Guillermo Navarro – Kamera, Eugenio Caballero – Ausstattung, Javier Navarette – Komponist (61 min); Vor der Kamera: Interviews mit den Darstellern (66 min); Die Sets: Die Mühle, Das Labyrinth, Der Baum, Im Reich des Pale Man, In der fantastischen Welt, Der Zug (34 min); Tagebuch des Regisseurs: Einleitung und 6 Featurettes (16 min); Die Musik: 4 Featurettes (15 min)
Verleih ab: 20.06.2007
Verkauf ab: 30.07.2007
Kommentare
David
Donnerstag, 21-05-09 08:54
David Iusow
Mittwoch, 20-05-09 20:41
ich verstehe gar nicht wieso sich manche Leute über die Brutalität in diesem Film aufregen. Es gibt Filme die sind ausschliesslich wegen Gewaltdarstellungen inszeniert worden und hier ist das eindeutig nicht der Fall. Wer das nicht zu unterscheiden vermag, sollte nicht voreilig kritisieren. Ich denke manche waren schlichtweg nur überfordert mit diesem Film.
Tanabor
Mittwoch, 18-03-09 02:11
das ist der beste film den ich seit langem gesehen habe. oftmals haben fantastische und wurnderbare filme die hang zum kitsch. hier ist genau das gegenteil der fall. durch die krasse darstellung der menschlichen gewalt wird umso mehr die sehnsucht nach dem für den rest der menschheit unerreichbaren königreich unterstrichen. diese gradwanderung zwischen wunderschöner fantasie und erbarmungslos harter mehr ...
newraven
Sonntag, 18-01-09 02:33
dieser film ist das dümmste was ich in meinem leben je gesehen habe!!!!einfach schrecklich! ......ich bin fast sprachlos.ein ganz schlimmer sinnloser film.ja mag ja sein das es solche möchtegern phylosophen gibt die hier was weiss ich für eine erzählenswerte geschichte sehen.gut und recht, nur muss man diese geschichte nicht mit solchen kranken bildern erzählen!!schrecklich!!!!
Jo Ostendorf
Montag, 25-02-08 01:56
Pans Labyrinth erzählt dem Zuschauer keine Geschichte. Eine genial geführte Kamera nimmt uns mit auf eine blutigbrutale Sightseeingtor in die symbolgeballte Welt eines pubertierenden Mädchens. Die brutalen Szenen machen einen Schnitt in die Welt eines Mädchens dessen Kindheit abbrupt endet. Es ist ein Märchen. Ein Märchen bei dem letztendlich das gute Siegt ... vohersehbar, polar, unterbewusst, mehr ...
clood19
Montag, 18-02-08 18:02
Einfach fantastisch, dieser Film! All den Einwände und niederschlagenden Kritiken der Gegenseite kann ich nur entgegensetzen: Die Zeit damals war schlimm, da muss man gar nichts beschönigen! Ich verstehe, dass ein Film mit viel brutalität nicht jedermanns Sache ist, doch wenn man die Brutalität in eine derart packende Geschichte einwebt... Die Figuren faszinieren, sowohl die fiktiven (Faun, mehr ...
Rof Hoppla
Montag, 11-02-08 10:36
Dieser Film ist einfach nur zum Abgewöhnen. Was soll das Ganze denn? Wozu diese Brutalität? Dieser Film ist genauso unausgegoren, wie die Aufarbeitung des Faschismus in Spanien. Das wäre die einzig sinnvolle Perspektive, aber selbst das ist extrem einseitig, dann wäre es ein Film von Spaniern für Spanier und würde wieder nur polarisieren und nicht wirklich weiterbringen. Was ist denn die Geschichte? mehr ...
Fyrsta
Freitag, 14-12-07 22:12
Hm mehr fällt mir zu dem Film vorerst eigentlich nicht ein. Ich sah ihn in der Schule (!) in der Oberstufe im Spanischkurs, dementsprechend auf Spanisch. Der Film war nicht schlecht, gut umgesetzt, aber einiges leuchtet mir dann doch nicht ein. Zum einen ist da die Gewalt. Einige Male hab ich bei den Szenen aufgesehen, es wurde bereits diskutiert. Dass keiner das klasse findet, sollte klar sein, mehr ...
Anita
Mittwoch, 28-11-07 21:36
Ich fand den Film eigentlich ziemlich gut ,wenn die etwas heftigen szenen draussengelassen worden wären wär erinterresanter geworden so hatte man die ganze zeit nur angst dass wieder so eine grässliche szene kommt (Nasenbruch, abgesägtes bein,) Die schnittwunde am Mund des Haupmannes wurde aber gut gemacht auch wenns nihct schön anzusehen war.bin selbst erst 15 und finde die altersgrenze auch mehr ...
Bluesweetness
Samstag, 24-11-07 13:30
Zauberhafte Mischung aus Horror und Fantasy absolut sehenswert.
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achja und fals es noch keiner bemerkt hat, haben alle Aufgaben des Mädchens in der Phantasiewelt, Parallelen zu ihrer Realität,sowie der böse Frosch den General selbst darstellen soll z.B.Stichwort "Schlüssel". Wenn man das nicht erkennt, ist klar dass der Film nicht viel Sinn ergibt.mfg