Königreich der Himmel
Balian ist ein geschlagener Ritter, ein schlagender Ritter und ein Ritterschläger. Der Rest ist Pathos.

Vor der entscheidenden aussichtslosen Schlacht um Jerusalem ernennt Balian kurzerhand alle kampffähigen Männer zu Rittern. Ob er tatsächlich glaube, dies helfe, hinterfragt ein skeptischer Geistlicher. „Ja“ antwortet Balian und die aneinander geschnittenen Nahaufnahmen der Männer bestätigen ihn. Pathos ist der entscheidende Faktor in Königreich der Himmel (Kingdom of Heaven). Das erstaunt, hat der britische Regisseur Ridley Scott seine Kinokarriere doch mit so unterkühlten, pessimistischen und desillusionierten Filmen wie Die Duellisten (1977), Alien (1979) und Blade Runner (1982) begonnen. Doch der Bruckheimer-Bazillus, der seinen Bruder Tony noch vor ihm ergriff, erwischte irgendwann auch Ridley. In Gladiator (2000), Black Hawk Down (2001) und nun Kingdom of Heaven beschwört Scott das immerselbe Pathos des Kriegsfilms.

Hollywood hat sich in den letzten Jahren auf die Erfolgsformel Pathos besonnen. Spielberg hat sie bei Der Soldat James Ryan (Saving Private Ryan, 1998) im Kriegsfilm verortet, der bis zu Pearl Harbor (2001) florierte. Nun haben sich die Kriegsschauplätze in eine Vorzeit verlegt. Vietnamfilmer Oliver Stone schickte Alexander (2004) erfolglos auf Feldzüge. Ein Hauptproblem schien die Besetzung gewesen zu sein: Colin Farrell, seit Tigerland (2000) ambivalenter (Kriegs-) Held, spielte den Alexander als gebrochene Figur. Ambiguität verträgt sich jedoch nicht mit Pathos. Scott hat diese Lektion verinnerlicht. Orlando Bloom, der sicherlich limitiertere Schauspieler, hat sich in Rekordtempo als Held etabliert. Tragende Nebenrollen in der Herr der Ringe-Trilogie (2001-2003), Fluch der Karibik (Pirates of the Caribbean, 2003) und Troja (2004) reichten dafür. Scott hatte offensichtlich ein richtiges Gespür für den Heroismusfaktor Blooms. Das verleitet ihn jedoch zu einem Nahaufnahmenfanatismus, der Kingdom of Heaven schadet und teilweise, so absurd das bei CinemaScope-Spektakeln klingt, an Fernsehinszenierung erinnert. Die großen - pathetischen - Momente liest Scott den Gesichtern seines Starensembles ab. Wie aus Troja und Gladiator bekannt, spiegelt sich vor allem in den Augen der liebenden Frauen das Leiden der Helden. Hier macht sich auch Kingdom of Heavens Status als Kriegsfilm bemerkbar. Dieses Genre adressiert beinahe grundsätzlich die zurückgebliebenen Frauen. Kingdom of Heaven variiert diesen Topos und beginnt mit dem Verscharren von Balians verstorbener Frau. Er ist zunächst der Hinterbliebene. Der Selbstmord seiner Frau wird jedoch niemals ergründet. Schon hierin zeichnet sich eine Schwäche des neuen Films im Gegensatz zu Scotts Gladiator ab. Dort war der aufrechte und loyale Familienmann persönlich getrieben, hatte die Sympathien des Publikums sicher. Hier nun erscheint die gesamte Handlung in jedem Moment als Reißbrettdrehbuch. Der Tod der Frau zu Beginn verkommt zur reinen, offensichtlichsten Drehbuchkonstruktion und fungiert einzig als simple Motivation für die Glaubenskrise des Helden.

Zum gleichen Zeitpunkt bekennt sich der angesehene Kreuzritter Godfrey (Liam Neeson) zur Vaterschaft, reist eigens gen Frankreich, um den Sohn und Jungwitwer von der Schmiede weg zu verpflichten. Nach anfänglichem Zögern lässt sich Balian dann doch noch vom Vater in dessen letzten Lebenszügen zum Ritter schlagen. Er ist nachhaltig vom Vater und Ritterschlag geprägt, erfährt auch bald die Gunst des Königs und vor allem dessen Schwester. Dieses vermeintliche Zentrum des Films, Balians neue Liebe zu der Prinzessin Sibylla (Eva Green), wird ebenfalls nur en passant abgehandelt. Die Romanze entwickelt sich in einer einzigen Sequenz, Leidenschaft ist höchstens am häufig eingefangenen Horizont sichtbar.
Doch die Liaison birgt jede Menge Probleme, denn Sibylla ist verheiratet mit einem erzkonservativen Adeligen, dem das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen in Jerusalem verhasst ist. Schließlich ist es an Balian, die Christen innerhalb der Stadtmauern gegen belagernde Muslime zu verteidigen und er operiert dabei ähnlich resolut und ideenreich wie Dustin Hoffman, der in Sam Peckinpahs Wer Gewalt sät (Straw Dogs 1971) ebenfalls vom Biedermann zum wagemutigen Verteidiger bestimmter Werte mutierte.

Entsprechend ist dieser Kriegsfilm von einer gewissen Brutalität geprägt, deren Ziel eine Vermittlung des chaotischen Kriegszustandes auf dem Schlachtfeld ist. Ständig prasseln Bluttropfen und Erdbrocken auf die Kamera. Verbunden mit den rasanten Schnitten und der mobilen Kamera ähnelt er darin durchaus der Alliiertenlandung in Saving Private Ryan und eben Scotts Black Hawk Down oder Gladiator. Während Gladiator jedoch eine Neubelebung des epischen Historienfilmes war, kann Kingdom of Heaven nicht aus dessen Schatten treten. Gladiator hatte neben viel Pathos auch die erwähnte bis dato für das Genre erstaunliche Inszenierung des Krieges zu bieten. Kingdom of Heaven beschränkt sich auf die Wiederholung dessen, nur, dass die Bilder blaustichiger sind und die Story weniger stringent ist. Was bleibt, ist Pathos. Das ist nicht gerade viel, denn da gibt es doch schon einen nie mehr zu erreichenden Vorgänger: „Wer von Euch ist Spartakus? ...“
Kritik von Sascha Keilholz
Fotos: © 20th Century Fox
Veröffentlicht am 28.04.2005
Film-Angaben:
Titel: Königreich der Himmel (Kingdom of Heaven)
USA 2005
Laufzeit: 145 Minuten
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: William Monahan
Produktion: Ridley Scott
Darsteller: Orlando Bloom, Eva Green, Liam Neeson, Jeremy Irons, Marton Csokas, David Thewlis, Brendan Gleeson, Ghassan Massoud, Edward Norton
Kinostart: 05.05.2005
DVD-Angaben:
Titel: Königreich der Himmel: Kingdom of Heaven
Vertrieb: 20th Century Fox
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Deutsch (DTS 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte, Türkisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 138 Minuten
Extras: Kommentar: „The Pilgrims Giude“
Die Kauf-DVD wird als Special Edition vertrieben. Auf der Bonus-DVD ist enthalten: Interactive Production grid; 9 Kurz-Featurettes: Pre-Production, Production und Post-Production; A&E Movie Reel; Historie vs. Hollywood; „Ridley Scott – Welten kreieren“; Produktions-Featurette; Kostüm-Featurette; „Orlando Bloom: Das Abenteuer des Lebens“; Original Kino-Trailer
Verleih ab: 17.11.2005
Verkauf ab: 24.11.2005
Kommentare
MoeDaHool
Mittwoch, 26-12-07 20:12
Lars
Samstag, 24-03-07 02:13
Eine meiner Lieblingsfilmen! Einfach nur geil!
ghiahy
Donnerstag, 25-05-06 15:55
des ist necht geiler film.... hat mich richtig beeindruckt. die handlung des films is intressant, die kreuzzüge ansich sind ja schon spannend! also mir hats gefallen.ich empfehle ihn jedem, der so bissel auf kriegsfilme steht aber auf der anderen seite auch nichts gegen nwenig romantik hat... ALSO ZIEHT EUCH DEN FILM REIN JUUNGS!!!!!
Gijas Khamasmie
Donnerstag, 08-12-05 12:30
Der Film war meiner Ansicht nach sehr gut - in jeder Hinsicht. Beeindruckende Bilder, tolle Musik und auch die Schauspielerleistungen - zumindest der Hauptfiguren lassen nichts zu wünschen übrig. Eine Sache ist mir dennoch aufgefallen. Der charismatische Führer der sarazenischen Streitkräfte -Saladin, galt auch bei den Christen als Sinnbild für Ritterlichkeit. Mutig, tolerant soweit es ging und mehr ...
Micky
Samstag, 14-05-05 08:58
1. Klar waren die Kreuzritter als ganzes ein halbkrimineller, geldgieriger Haufen. Aber die "Idealisten" dürfte es stets auch gegeben haben. Zumal der Päpste die weltlichen Herrscher stets enorm unter Druck gesetzt hatten, auf Kreuzfahrt zu gehen. Es wurde quasi zur Legitimation eines guten, christlichen Herrschers. All das macht die Barbareien der Kreuzzüge natürlich keinen Deut besser. ACHTUNG mehr ...
Mr.P.
Samstag, 07-05-05 12:57
Insgesammt ein sehr schöner und bildgewaltiger Film, der mit guten schauspielern und grossen schlachten zu gefallen weiß. fans des genres werden es zu würdigen wissen :-) allerdings bleiben die anfangs gut eingeführten charaktere im weiteren verlauf des films etwas blaß und treten hinter den historischen ereignissen zurück. es istalso weniger eine geschichte von peronen in einem historischen mehr ...
Alexander
Freitag, 06-05-05 18:36
Hi gustl Das von dir angesprochene Massaker wird in dem Film erwähnt und zwar in der Szene in der Balin Jersualem an Saladin übergibt. Wie hast du den Film eigenltich schon sehen können wenn er erst am 5.5. Im Kino angelaufen ist? Außerdem wo du dich auf die seriösen Historiker berufst: sicher waren die Kreuzzüge (unteranderem) ein Eroberungskrieg. Trotzdem haben auch im Heiligen Land Muslime mehr ...
Gustl
Sonntag, 01-05-05 21:33
Passend zum Kreuzzug gegen die Achse des Bösen serviert uns Hollywood seine Lesart der barbarischen Kreuzzüge, die nach heutiger seriöser Historikersicht nichts als ein frühkolonialer Raub-und Eroberungskrieg eines damals von sozialen Verwerfungen geschüttelten Europas war. Damals konnten die Menschen des Nahen Ostens dem Barbarenansturm aus dem Norden aufgrund kultureller und zivilisatorischer mehr ...
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Alleine die phänomenale Darstellung Jerusalems hinterlässt Eindruck. Ich weiss nicht, ob der Film den Anspruch hat, die Erzählungen 1:1 möglichst authentisch zu erzählen. Oder ob es eine "freie" Interpretation des Geschehenen ist. So oder so ist es ein sehr einnehmender Film, dessen Vergleich mit Gladiator garnicht zu ziehen ist. Zwar sind es beides Monumentalfilme, jedoch haben beide Filme eine mehr ...