Flug 93

Der erste Film über die Anschläge vom 11. September rekonstruiert die Ereignisse rund um den United-Airlines-Flug 93 und bietet streckenweise einen ungewöhnlich sachlichen Blick auf die Ereignisse.

Flug 93

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Ereignisse des 11. Septembers ihren Weg auf die Leinwand finden würden. Nachdem sich das Thema Terrorismus im Kino schon seit einigen Jahren wieder großer Popularität erfreut, ließen Filme, die sich explizit mit den Terroranschlägen beschäftigen, bisher noch auf sich warten. Noch vor Oliver Stones World Trade Center kommt mit Flug 93 (United 93) nun der erste Film über die vielleicht größte Katastrophe in der jüngeren amerikanischen Geschichte in die Kinos. Dass es sich dabei nicht um einen x-beliebigen Actionreißer handeln darf, versteht sich von selbst, aber wie dreht Hollywood einen pietätvollen Film?

Diese ungewöhnliche Aufgabe kam ausgerechnet einem Briten zu. Paul Greengrass ist neben zahlreichen Dokumentationen für die BBC vor allem als Regisseur von Bloody Sunday (2002) und Die Bourne Verschwörung (Bourne Supremacy, 2004) in Erscheinung getreten. Während man nach Greengrass’ Wechsel ins Actionfach durchaus ein die patriotischen Gefühle des amerikanischen Publikums aufheizendes Machwerk erwarten hätte können, orientiert sich Flug 93 eher an der pseudodokumentarischen historischen Aufarbeitung von Bloody Sunday. Die Handlung des Films beschränkt sich auf die letzten Stunden im Inneren der Maschine 93, die als einzige der vier entführten Flugzeuge ihr geplantes Ziel verfehlt hat. Um die Abläufe in Relation zu den anderen Anschlägen zu setzen, werden zusätzlich Szenen aus der US-Luftfahrtsbehörde und der NEADS miteinbezogen, in denen noch einmal alle Fakten rund um die vier Flugzeugentführungen genannt werden. Diese trockene, weil rein verbale Wiederholung allgemein bekannter Informationen macht besonders den Mittelteil des Films zu einer etwas langatmigen Angelegenheit.

Flug 93

Anstatt das Schicksal von Einzelpersonen nachzuzeichnen, die als Sympathieträger und Identifikationsfiguren fungieren, entschied sich Greengrass für eine sachliche und analytische Betrachtungsweise, die das Ganze mitunter wie die filmische Rekonstruktion eines Kriminalfalls wirken lässt. Dabei werden die Figuren nicht als Individuen gezeigt, sondern nur grob in Gruppen wie Passagiere, Bordpersonal und Terroristen eingeteilt, wobei Letztere sogar menschliche Schwächen zeigen dürfen und somit nicht zur bloßen Inkarnation des Bösen stilisiert werden. Diese Vorgehensweise wird zusätzlich durch den Einsatz unbekannter Schauspieler unterstützt, die die andächtige Rekonstruktion nicht durch vorgefertigte Rollenbilder stören.

All diese Mittel für eine möglichst authentische Darstellung bewahren den Film nicht davor, sich unfreiwillig bei einem typischen Fernsehfilmgenre der achtziger und neunziger Jahre zu bedienen. Die in unzähligen, meist eher komödiantischen als beklemmenden Flugzeugentführungsfilmen zu Klischees erstarrten Bilder dienen in Flug 93 zur Vermittlung von Wirklichkeit. Dabei sind die Stereotypen hektisch umher schreiender Terroristen und verängstigter Passagiere viel zu überstrapaziert, um einen direkten Bezug zur Realität herstellen zu können. Im letzten Drittel des Films, wenn es zur eigentlichen Flugzeugentführung kommt, ändert Greengrass zudem seine distanzierte Betrachtungsweise zu Gunsten einer Emotionalisierung des Zuschauers. Hat es Flug 93 zuvor an geeigneten Identifikationsfiguren gemangelt, identifiziert man sich nun mit der Gemeinschaft der Passagiere, die gewissermaßen auch exemplarisch für das amerikanische Volk stehen. Langsam wird auch ersichtlich, warum sich Greengrass und seine Produzenten gerade für den Flug 93 entschieden haben, schließlich kam es nur in dieser Maschine zu einem Aufstand der Passagiere gegen ihre Entführer.

Flug 93

Dadurch wird man als Zuschauer nicht nur dazu gezwungen, sich auf der Seite der Fluggäste zu positionieren, all das wird auch immer noch als eine Wiedergabe der Fakten dargestellt. Für die U.S.A., die an diesem Tag eine ihrer größten Niederlagen erlebt haben, bietet sich damit die Gelegenheit nicht als Verlierer im Kampf gegen den Terrorismus dazustehen. Bevor der Film mit dem Absturz der Maschine endet, drängen die Bilder von der Überwältigung der Terroristen alles zuvor Gesehene in den Hintergrund und verleihen dem Film zuletzt doch noch eine hoffnungsvolle und kämpferische Note.

Kritik von Michael Kienzl

Fotos: © UIP

Veröffentlicht am 01.06.2006



Film-Angaben:

Titel: Flug 93 (United 93)
USA, Frankreich, Großbritannien 2006
Laufzeit: 111 Minuten

Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: Paul Greengrass
Produktion: Tim Bevan, Eric Fellner, Lloyd Levin
Darsteller: Christian Clemenson, Gary Commock, Polly Adams, Opal Alladin, Starla Benford, Trish Gates

Kinostart: 01.06.2006



DVD-Angaben:

Titel: Flug 93
Vertrieb: Universal Pictures
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch, Isländisch, Hebräisch, Norwegisch, Finnisch, Schwedisch, Dänisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 106 Minuten

Extras: Audiokommentar von Regisseur Paul Greengrass; Flug 93 – Die Familien und der Film; Gedenktafeln

Verleih ab: 05.10.2006
Verkauf ab: 05.10.2006





 




Kommentare

 

chris

Sonntag, 03-09-06 06:51

hallo, ich habe gerade die amerikanische Version von Flug 93 gesehen. Im Vergleich zu der Version die ich im Juli in Deutschland gesehen habe, ist diese Fassung zu ca. 70% verschieden. Kann mir jemand eine Antwort geben ??? Vielen Dank !!!! Gruesse aus USA

Frederic

Dienstag, 20-06-06 13:44

Ich glaube, das liegt daran, dass das Flugzeug so niedrig flog und dadurch noch die "normalen" Netze erreichbar waren.

megatron

Dienstag, 20-06-06 13:38

Nur eine Frage: Wieso konnten die Passagiere des Flug 93 mit ihren Angehörigen telefonieren, wo doch erst vor kurzem überhaupt die notwendigen Cell-Phone-Lizenzen versteigert wurden? Wieso gibt es Firmen, die ab Mitte 2007 serienreife Cell-Phone-Technologien für Fluglinien anbieten, wenn man schon 2001 wunderbar telefonieren konnte?

Axel Höber

Montag, 12-06-06 22:56

Allerdings kommt mir ein kerosinverbrauch von 6250 Gallonen, entspricht etwa 25000 Litern, für einen Flug von der Ostküste zur Westküste zu wenig vor. Für 100 Kilomter werden etwa 1250 Liter Kerosin verbraucht.

Hannibal Lecter

Montag, 12-06-06 21:51

Hallo Daniel naja.. also man kann leider nicht sagen, ob der Film so Detailgetreu war wie alles abgelaufen ist. Man weiß -trotz Black Box und Telefonatenn- nicht was da oben abgelaufen ist. Vielleicht wurde das Flugzeug auch abgeschossen... wer weiß es genau? Deshalb finde ich es schwerig einen "authentischen" Film über solch eine Kathastrophe drehen zu wollen- vorallem aus Repsekt vor der Familen mehr ...

RJ

Sonntag, 11-06-06 20:50

Der Film ist ganz große Klasse. gerade weil nichts reißerisch und Superman heldenhaft dargestellt wird wird man mitten in das Geschehen hineinversetzt. Ein tolles wichtiges Dokument über diesen Schicksalstag.

Daniel

Montag, 05-06-06 22:42

Erstmal zu dem Beitrag von Mahja. Was erwartest du?? Sollen Sachen eingebaut werden die nicht stimmen?!? Der Film ist sehr realistisch! Ok, es gibt genau zwei Orte wo sich der Film abspielt, allerdings soll dies ja auch der Sinn sein. Ich finde es sehr positiv, dass keine prominenten Superhelden mitspielen! Alles normale Leute, keine Lebensretter etc.! Der Film ist detailgetreu so wie es mehr ...

Mahja

Samstag, 03-06-06 20:50

Ich habe mir den film heute angeguckt und kann nur sagen: behindert,geldverschwendung,langweilig,vie[..] zu sehr überzogen,garkeine action,nicht traurig,rassistisch...... der film ist zum abkotzen eine große geldverschwendung 89% des filmes wurde in der flugzentrale gespielt...sehr langweilig und man sieht die anschläge auf den türmen die jeder im fernsehen gesehen hat...langweilig und blöd... mehr ...

 

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