Dreamer - Ein Traum wird wahr
Könnten Diazepam und Valium jemals Regie führen, käme exakt ein Film dabei heraus, wie John Gatins ihn mit Dreamer nun abgeliefert hat. Darin darf ein ehemals lahmendes Rennpferd in einem prestigeträchtigen Wettkampf das große Comeback feiern.

Dreamer erzählt eine geradezu klassische Geschichte von Freundschaft, familiärem Zusammenhalt und dem Streben nach dem großen Traum. Wahre Vorlagen eignen sich zu diesem Zweck besonders gut, und so ist auch John Gatins Regiedebüt eine einzig versüßte Anleihe an den Fall der „Mariah’s Storm“. Dieses äußerst talentierte Fohlen galt beim Breeders’ Cup 1993 unter den Buchmachern als Favorit, bevor es sich bei einem Rennen das linke Sprungbein brach. Was für die meisten Pferde wohl das Karriereaus oder den Gnadentod bedeutet hätte, motivierte ihre Besitzer, sie gesund zu pflegen und das nicht für möglich gehaltene Comeback zu starten. Die verständnisvollen Besitzer heißen in diesem Fall Ben (Kurt Russell) und Cale Crane (Dakota Fanning) und „Mariah’s Storm“ hört auf den Namen „Sonador“ (spanisch für „Träumer“). Ben weigert sich seiner Tochter zuliebe, die junge Stute einschläfern zu lassen, woraufhin er seinen Arbeitsplatz am Reitstall des geschäftstüchtigen Palmer (David Morse) verliert. Sozusagen als Abfindung darf er „Sonador“ zu sich nach Hause auf das eigene, seit Jahren verwaiste, Gestüt nehmen. Von da an nehmen die Ereignisse ihren vorherbestimmten Lauf.
Niemand wird die Existenzberechtigung leichter familienkompatibler Unterhaltung in Frage stellen. Allerdings muss das Resultat in keinem Fall derart kalkuliert und angestaubt ausfallen. Disney gilt seit langem als Hort konservativer, traditioneller Werte. Weil sich diese vergleichsweise sicher und planbar an der Kinokasse verkaufen lassen, docken auch die anderen Majors immer mal wieder gerne an den Heile-Welt-Wohlfühl-Kosmos an. Nun hat also Dreamworks Herzensbrecher „Sonador“ und die kleine Cale ausgegraben. Dakota Fanning, mit 11 Jahren schon ein vielbeschäftigter Hollywood-Star, gibt sich alle Mühe mit ihren seltsam überdimensioniert erscheinenden Augen, das Gefühlszentrum des Publikums zu treffen. Meist jedoch vergeblich, da bereits John Debneys schwülstiger Score viele Emotionen im edelsten Gefühlskitsch abtötet.

Ärgerlich wird es, wenn einem, überspitzt formuliert, erst nachträglich bei einem Blick auf die Besetzungsliste auffällt, welch Könner ihres Fachs an Dreamer beteiligt waren. Neben Sonnenschein Fanning geben sich David Morse als herzloser Geschäftsmann, Elizabeth Shue als Bens Ehefrau und Kris Kristofferson als weiser Familienpatriarch die Ehre. Was ihnen aber bleibt, ist nicht viel mehr als finster, treusorgend oder gütig in die Kamera zu blicken und dabei zu oft gehörte standardisierte Drehbuchweisheiten aufzusagen. Diese Ansammlung ungenutzter Schauspielkapazitäten gehört wohl zu den wenigen Dingen, für die Dreamer bei seinem Publikum nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.
Daneben leidet das gut gemeinte, als Erbauungswerk konzipierte Kinoerlebnis unter dem unweigerlichen Vergleich mit dem thematisch nahezu identischen Seabiscuit (2003). Und nur wer letzteren kennt, verirrt sich wohl auch in Dreamer. Seabiscuit verstand sich ebenso als ein idealisiertes Bild des amerikanischen Traums, des „Nie aufgeben“-Wollens, was gerade vor dem Hintergrund der im Film portraitierten Weltwirtschaftskrise eine ungemeine Faszination entwickelte. Eine solch soziologisch relevante Dimension fehlt in Dreamer völlig. Regisseur und Autor John Gatins konzentriert sich viel lieber auf das Zelebrieren der Familie als glücks- und sinnstiftende Keimzelle. Leider tut er dieses mit recht beschränkten filmischen und dramaturgischen Mitteln. Er reißt fast beliebig Beziehungen zwischen Vater und Sohn, zwischen den Eheleuten und Eltern an, ohne dabei jemals die Ebene einer oberflächlichen Zustandsbeschreibung zu verlassen. Interessante Einfälle, wie die Visualisierung einer wachsenden Intimität zwischen Cale und „Sonador“ durch eine Reihe aufgespießter Eisstiele, bleiben rar gesät. Was der Zuschauer von all dem mit nach Hause nehmen kann, ist die ehrliche Bewunderung für die von Kameramann John Murphy imposant eingefangenen Pferderennen.

Heutzutage wird kaum ein Familienfilm die Fundamente des Genres versetzen können. Das ist auch überhaupt nicht notwendig, solange es gelingt, die bekannten Elemente mit Esprit und Phantasie zu einem stimmigen Ganzen neu zu arrangieren. Diesen Mut hatten die Macher von Dreamer offenkundig nicht. Selbst die bei überraschungsfreien Werken gern benutzte Floskel vom „Weg als das Ziel“ tröstet über soviel einschläfernde Belanglosigkeit nicht hinweg. Wer noch nie ernsthaft mit dem Gedanken spielte, vielleicht doch einmal die „Wendy“ zu abonnieren, sollte um diesen Traum einen weiten Bogen machen.
Kritik von Marcus Wessel
Fotos: © Kinowelt
Veröffentlicht am 22.02.2006
Film-Angaben:
Titel: Dreamer – Ein Traum wird wahr (Dreamer – Inspired by a True Story)
USA 2005
Laufzeit: 104 Minuten
Regie: John Gatins
Drehbuch: John Gatins
Produktion: Michael Tollin, Brian Robbins, Hunt Lowry
Darsteller: Dakota Fanning, Kurt Russell, Elisabeth Shue, Kris Kristofferson, David Morse
Kinostart: 23.03.2006
DVD-Angaben:
Titel: Dreamer - Ein Traum wird wahr
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 101 Minuten
Extras: Audiokommentar; Musikvideo; Fotogalerie; Trailer; Deleted Scenes; Featurettes: „Wer ist Mariah Storm“, „Die Arbeit mit Vollblütern“, „Die Dreamer Traumbesetzung“; Interviews
Verleih ab: 19.09.2006
Verkauf ab: 03.11.2006
Kommentare
Daniela
Samstag, 19-08-06 17:37
Cindy
Sonntag, 09-04-06 14:31
Ich finde den Film echt klasse!
cs
Mittwoch, 15-03-06 17:41
Sehr wahr, sehr wahr! Gerit in diesen Film infolge einer 23h Sneak-Preview. Es war schrecklich. Zum Glück bin ich teilweise eingeschlafen.
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ICh finde den film total klasse, da ich selber ein Pferd hatte aber es leider gestorben ist, kann ich mich gut in ihre Lage versetzen..... der film ist einfach schön